Leseprobe „Die andere Seite“

Leider war „Das Experiment“ die letzte Jahresanthologie, die Frank W. Haubold für den EDFC (Erster Deutscher Fantasy Club e.V., Passau) herausgab. Deswegen leider, weil dieser spezielle Mix aus allen Genres der Phantastik, der bewusst Schubladen sprengt und gern über den Tellerrand hinausschaut, sonst fast nur noch in Fanzines zu finden ist – aber welches Fanzine kann schon mit Autoren wie Matthias Falke, Heidrun Jänchen, Frank Schweizer, Malte S. Sembten, Michael Siefener und Frank W. Haubold aufwarten (um nur einige zu nennen) … Ich war zweimal in den Jahresanthos mit Geschichten vertreten, zuletzt in besagtem Abschlussband mit einer Horrorstory, die mit kleinen Anleihen an die SF den Crossover repräsentiert, den Frank W. Haubold mit seiner Reihe anbieten wollte.

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Die andere Seite

Der Arzt schloss meine Augen. Meine Ohren verstopfte er jedoch nicht. Hören konnte ich also, wer schluchzte und wer sich bereits laut Gedanken über die Zeit danach machte, als meine Familie ins Sterbezimmer geführt wurde.

Meine Mutter weinte, ebenso mein dreizehnjähriger Sohn Ben. Gudrun heulte nicht, stattdessen fragte sie den Arzt, wie es denn nun weiterginge.

Mit eisernem Willen hätte ich die Augen öffnen können, da die Leichenstarre bei Zimmertemperatur erst ein bis zwei Stunden nach dem Tod einsetzt, aber in diesem Moment war ich zu derartigen Kraftanstrengungen nicht fähig. Mein angeborener Herzfehler hatte mich geschafft – in jeder Hinsicht.

Der Tod raubt einem die Vitalität, und man muss sich erst daran gewöhnen, die Muskeln nicht nur durch Nervenimpulse bewegen zu können, sondern auch durch reine Geisteskraft. Der eine findet den Dreh früher heraus, der andere später. Manche nie. Aus diesem Grund erhebt sich nur jeder zweite Verstorbene.

»Kommen Sie bitte mit«, sagte der Arzt mit ruhiger Stimme, wie er es zuvor vermutlich schon hundertfach getan hatte, »in meinem Büro lässt sich alles Weitere leichter besprechen.«

Ich vernahm ein erschöpftes Seufzen. Mutter hatte es ausgestoßen. Dann erklang ein trotziges »Nein, ich möchte noch bei ihm bleiben!« von Ben, dessen Stimme vibrierte und jeden Augenblick umzukippen drohte.

»Er wird vor der Beerdigung in der Friedhofskapelle aufgebahrt«, sagte Gudrun nahezu emotionslos, »dort können wir Abschied von deinem Vater nehmen. Hier riecht es zu sehr nach Krankenhaus und nach …« Sie stockte und räusperte sich. »Das … das macht mich ganz krank.«

Das Wort »krank« war das einzige, das sie besonders betonte.

In diesem Moment wäre es mir beinahe gelungen, die Lider aufzureißen, doch die lodernde Glut in meiner Brust war nur ein Strohfeuer, das sofort wieder erkaltete. Ich vernahm die auf dem Krankenhauskorridor verhallenden Schritte, dann umgab mich nur noch Totenstille.

Ich hatte in meinem Leben bereits einige finstere Stunden hinter mich gebracht, aber erst jetzt begriff ich die Farbenlehre vollständig: Schwarz ist nicht gleich Schwarz. Was ich bisher dafür gehalten hatte, war allenfalls Dunkelgrau gewesen. Diesmal stand ich vor dem absoluten Nichts.

Ich hatte einen unbekannten Raum betreten, in den man sich hineintastet, ohne zu wissen, ob die gegenüberliegende Wand einen Meter entfernt oder selbst nach hundert Kilometern noch lange nicht erreicht ist.

Stets hatte ich verdrängt, was geschehen würde, wenn es einmal soweit war. Darin waren Gudrun und ich uns stillschweigend immer einig gewesen. Wir hatten nach der Devise gelebt, uns wenigstens von diesem Wahnsinn nicht überrollen zu lassen. Sobald irgendwo die Rede auf die Zeit nach dem Tod kam, suchten wir schleunigst das Weite. Wenn in der Flimmerkiste darüber gesprochen wurde, gewann meist Gudrun unseren kleinen inoffiziellen Wettstreit, in dem es darum ging, wer die Fernbedienung als Erster schnappte. Ihre Reaktionsschnelligkeit ist sensationell.

Nur wenn Benny das Thema anschnitt, wie es Kinder eben tun, die neugierig ihre Welt erkunden und in Frage stellen, kamen wir nicht umhin, zumindest unsere Haltung bezüglich des Phänomens in Worte zu kleiden. Wir versicherten unserem Sohn, diese Laune der Natur wäre nur eine vorübergehende Erscheinung, die uns ganz sicher nie betreffen würde. Als sein Schulfreund Dirk eingeäschert wurde, damit er mit seinen vom Kühlergrill eines Geländewagens zertrümmerten Knochen nicht wiederkehren konnte, rangen wir uns eine Erklärung ab, die nicht nur Benny nicht verstand. Immerhin stellte er seine Fragerei daraufhin ein.

Mittlerweile wurden viele der Krematorien geschlossen, die die Auftragsflut kaum bewältigen konnten, nachdem diese seltsame Epidemie um sich gegriffen hatte. Leichenverbrennungen sind hierzulande nur noch unter strengen Auflagen erlaubt, seit wir das menschliche Leben anders definieren.

Nach ein bis zwei Tagen lässt die Totenstarre nach. Daher erfolgt die Beerdigungszeremonie in aller Regel vor Ablauf von vierundzwanzig Stunden. Wenn die Trauergemeinde Abschied genommen hat, wird der Verstorbene zur Beobachtung in ein Zwischenlager gebracht, damit er nicht den Eindruck gewinnt, lebendig begraben zu sein, falls er die Augen wieder öffnet. Erst wenn nach etwa zwei Wochen sichergestellt ist, dass eine Leiche keinerlei Regung zeigt, wird sie erneut eingesargt und auf dem Friedhof bestattet.

Eigentlich Wahnsinn, dieses System. Aber es hat sich wohl bewährt.

Am Abend wurde ich, wie Gudrun es unserem Sohn versprochen hatte, im offenen Sarg aufgebahrt. Die Trauerfeier erfolgte am nächsten Vormittag. Beides nahm ich kaum wahr, da die Totenstarre mich in einen tranceähnlichen Zustand versetzt hatte, der einem Dämmerschlaf glich. Mein Bewusstsein schwankte zwischen halblichten und dunklen Momenten. Ich kann mich an keine Details mehr erinnern. Vielleicht ist das auch besser so.

Erst als ich in dieser sterilen Kühlhalle die Augen aufschlug und ein Bewegungssensor dem Personal anzeigte, dass ich von den Toten zurückgekehrt war, begann die Maschinerie in meinem Schädel wieder zu arbeiten, und ich konnte mit den Händen den glatten Kunststoffbezug ertasten, auf dem ich lag.

Ich war auf einem Bett festgeschnallt und musste warten, bis zwei Männer in weißen Kitteln hereinkamen und mir in die Pupillen leuchteten. Sie piekten mich mit langen Nadeln in die Weichteile, worauf mein Körper mit einem schwachen Muskelzucken reagierte. Anstelle der Stiche verspürte ich nur dumpfe Berührungen, von denen ich heute weiß, dass sie lediglich aus Erinnerungen gespeist wurden. Eine Art Phantomschmerz.

»Hundertprozentiger Wiedergänger«, brummte einer der Weißkittel und machte Notizen auf einem Klemmbrett.

In meiner Verwirrung flog mein Blick zwischen den Männern hin und her, aber ich kam nicht auf die Idee, mein Sprechvermögen auszuprobieren. Die Stimme fand ich erst später wieder, nachdem ich die Kontrolle über meinen Körper weitgehend zurückerlangt hatte.

Sie schoben mein Bett durch einen hell erleuchteten Korridor in einen anderen Raum, in dem ich von blassen Gestalten in Empfang genommen wurde. Die Kittelträger zogen sich eilig zurück, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, und die schwere, metallene Schiebetür schloss sich hinter ihnen automatisch.

Ein korpulenter Kerl in einem grauen Overall trat neben das Bett und sah auf mich herab. Sein Gesicht schimmerte wächsern im Licht der Neonlampen, und ich wusste sofort, dass ich einen Toten vor mir hatte.

»Willkommen auf der anderen Seite«, begrüßte er mich mit einem unterkühlten, fast geschäftsmäßigen Lächeln. Dann half er einem Kollegen, die Gurtschnallen zu lösen und mich aus meiner Zwangslage zu befreien.

Auch wenn ich mich immer geweigert hatte, mich näher mit dem streng abgeriegelten Bezirk westlich des Flusses zu befassen, war mir klar, wo ich mich befand: in der Totenstadt.

Sie war von den früheren Bewohnern geräumt und mit einer hohen Mauer umgeben worden, als sich herausgestellt hatte, wie problematisch sich das Zusammenleben von Menschen und Wiedergängern gestaltete. Jenseits des Walls patrouillierten starke Polizeikräfte, um dafür zu sorgen, dass jeder auf seiner Seite blieb. Überall auf der Welt waren solche Ghettos entstanden, in denen die lebenden Toten zusammengepfercht wurden.

Als ich die Aufnahmestation verließ, passierte ich eine spiegelnde Metallfläche und schüttelte den Kopf über mein Aussehen. In dem schwarzen Anzug, mit weißem Hemd und dezent gemusterter Krawatte, kam ich mir reichlich seltsam vor, zumal ich am liebsten Jeans und Pullover trage.

Beim Verlassen des Gebäudes wurde mir schnell bewusst, dass ich mich unter meinesgleichen befand: Viele Passanten auf der Straße waren ähnlich gekleidet wie ich. Die Männer trugen meist dunkle Anzüge und die Frauen Kleider in gedeckten Farben, wobei einigen anzusehen war, wie lange sie die Klamotten schon nicht mehr gewechselt hatten. Und noch eines war allen gleich: diese blasse, ungesunde Hautfarbe.

Blutleere Gestalten mit hängenden Schultern und versteinerten Gesichtern waren hier in der Mehrheit. Sie schlichen apathisch durch die Straßenschlucht, als suchten sie nach ihrem verlorenen Leben. Schlurften vorbei an heruntergekommenen Fassaden mit eingeschlagenen Fensterscheiben und durch Unrat, für den sich offensichtlich niemand zuständig fühlte.

Aber es gab auch andere.

Während ich an einer Straßenkreuzung stand und mich zurechtzufinden versuchte, schlenderte ein junger Mann, Mitte zwanzig, vorbei und blieb an der Ecke stehen. Er drehte sich um und fragte mit hochgezogenen Brauen: »Herr Marschall?«

Ich musterte ihn von Kopf bis Fuß, und es dauerte eine Weile, bis es mir dämmerte. »Klaus«, sagte ich zögerlich, »Klaus Niemetz!«

Er nickte.

Nun wurde mir klar, warum ich ihn nicht gleich erkannt hatte. Wir waren fast ein Jahrzehnt lang Nachbarn gewesen, bevor ich mit Gudrun und Benny aus der Mietswohnung in die Doppelhaushälfte umgezogen war. In diesen zehn Jahren hatte ich ihn niemals aufrecht stehend, sondern immer nur in seinem Rollstuhl sitzend gesehen, auf den er wegen seiner Querschnittslähmung angewiesen war. Gebeutelt von einem schlimmen Schicksal, ohne Aussicht auf die geringste Besserung, hatte er damals weniger lebendig gewirkt als jetzt.

Niemetz hob die Arme und drehte sich im Kreis, um mir vorzuführen, wie gut seine Beine funktionierten, seit er gestorben war. »Ich fühle mich wie ein junger Gott!«, sagte er und strahlte dabei übers ganze Gesicht.

Ich fühlte mich nicht so. Mir war schon zuvor schmerzlich bewusst gewesen, wie sehr sich alles für mich verändert hatte, seit mein Herz in diesem nach Desinfektionsmitteln riechenden Krankenhauszimmer schlappgemacht hatte, aber jetzt wurde mir überdeutlich vor Augen geführt, dass sich meine Welt buchstäblich auf den Kopf gestellt hatte. Nichts war mehr wie zuvor. Und es würde auch niemals wieder so sein.

»Wann sind Sie denn hier angekommen?«, fragte Niemetz, der vermutlich von meinem Gesichtsausdruck abgelesen hatte, dass ich ein Neuzugang war. Ich hatte erwartet, er würde wissen wollen, woran ich gestorben war, doch diese Frage ist in der Totenstadt tabu, wie ich inzwischen festgestellt habe.

»Vor zwanzig Minuten oder so«, antwortete ich achselzuckend. Mein Zeitgefühl war nach dem Wiedererwachen nicht sonderlich gut ausgeprägt. Ich musste es, wie so vieles, erst noch justieren.

»Ich bin seit knapp sechs Monaten hier. Anfangs war es ziemlich schwierig, aber dann wurde es von Tag zu Tag besser.«

Ich blickte mich seufzend um, betrachtete voller Skepsis die anscheinend ziellos umherstreifenden Bewohner der Totenstadt und fragte mich, wie hier irgendetwas besser werden könnte.

»Beachten Sie die nicht«, riet Niemetz mit einem verächtlichen Seitenblick, »das sind Leute, die mit der neuen Situation nicht zurechtkommen. Sie bleiben im Bereich der Aufnahmestation und versuchen, in ihre alte Welt zurückzukehren, aber man lässt sie natürlich nicht. Der Weg, den wir alle gegangen sind, ist eine Einbahnstraße. Manche kriegen es einfach nicht gebacken und wanken hier wochenlang herum wie Schlafwandler, bevor sie sich mit Benzin übergießen und anzünden.« Er wies mit dem Kopf die Straße entlang. »Wir anderen leben dort hinten, möglichst tief im Zentrum – weit weg von der Mauer.«

»Leben?« , fragte ich dumpf.

Sein Mienenspiel geriet etwas in Unordnung, doch er hatte sich schnell wieder im Griff. »Na klar«, entgegnete er aufgeräumt, »anders als früher vielleicht, aber in diesem Körper steckt jetzt mehr Leben als vorher.« Mit einem Grinsen vollführte er seltsame Tanzschritte, denen einiges an Koordination fehlte. Es schien ihn jedoch nicht zu bekümmern. »Zeigen Sie mal Ihren Laufzettel«, forderte er mich auf.

Ich hatte das Blatt Papier zusammengefaltet, in die Sakkotasche gesteckt und völlig verdrängt. Stirnrunzelnd zog ich es heraus und hielt es ihm hin.

»Kernerstraße 11«, las er nickend ab, »das Haus kenne ich. Ist keine schlechte Adresse.«

»Wie … wie geht es jetzt weiter?«

»Hat man Ihnen das nicht gesagt?«

»Lass bitte das blöde ›Sie‹ weg.« Ich zuckte hilflos die Achseln. »Die haben mir in diesem komischen Aufnahmelager so viel erzählt, aber ich hab fast alles vergessen.«

»Keine Sorge«, grinste er, »du hast ja mich!«

*

Niemetz führte mich in die Nekropole ein wie man Freunde herumführt, denen man die heimische Gegend zeigen möchte. Ich ließ die befremdliche Umgebung auf mich wirken und lauschte seiner Stimme.

Wir entfernten uns von dem Straßenzug, der sich an die Mauer drängte und kamen an einem offenen Kanaldeckel vorbei, aus dem dunkle Rauchschwaden aufstiegen. Mein Geruchssinn funktionierte noch nicht wie gewohnt, trotzdem nahm ich angesengtes Haar und verbranntes Fleisch wahr. Unwillkürlich beschleunigte ich meine Schritte und überholte Niemetz, den der Gang durch dieses Schreckenskabinett offensichtlich längst nicht mehr aus der Fassung brachte.

Wieder wurde mir ein gravierender Unterschied zu meinem bisherigen Leben bewusst: Früher hätte ich mir an Ort und Stelle die Seele aus dem Leib gekotzt, aber jetzt regte sich nichts in meiner Magengegend. Alles dort unten war tot. Das Grauen spielte sich einzig und allein im Kopf ab.

Wir kamen an zerlumpten Gestalten vorbei, die sich in eine dunkle Nische zurückzogen, bis wir sie passiert hatten. Zwei hochbetagte, fast kahlköpfige Männer, drei Frauen aus verschiedenen Generationen und ein Jugendlicher. Neben der spärlichen Bekleidung hatten sie noch etwas gemeinsam: den starr zu Boden gerichteten, beinahe unterwürfigen Blick. Wie geschlagene Hunde, die den Schwanz einkniffen. Einer mageren Frau waren die Kopfhaare büschelweise ausgerissen worden, und der Halbwüchsige schleifte ein seltsam verdrehtes Bein hinterher.

»Weicheier«, brummte Niemetz düster.

»Haben die etwa Angst vor uns?«

»Jedenfalls gehören sie nicht unbedingt zur Elite. Wer sich seine Klamotten abnehmen lässt, endet früher oder später als Futter für …« Er brach ab und bog eilig um die Häuserecke, an der der Putz abgebröckelt war, wodurch rote Backsteine zum Vorschein kamen.

»Futter für wen?«, fragte ich und bemühte mich, zu ihm aufzuschließen.

Er deutete zur nächsten Kreuzung. Mit ausgebrannten Autowracks, alten Möbeln und Bauschutt war dort eine Barrikade errichtet worden. »Da vorn beginnt unser Viertel. Die Kernerstraße ist nur drei Blocks von hier entfernt.«

Ich hielt ihn am Oberarm fest. »Futter für wen?«

»Alles zu seiner Zeit«, wich er aus. »Heb dir noch ein paar Sachen für später auf, gewöhn dich erst mal an dein neues Leben.«

»Welche Sachen? Wie schlimm wird das hier noch?«

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© 2009 Christian Weis

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