Willkommen auf Aurora

Heidrun Jänchen gehört zweifellos zur Top-Riege der deutschsprachigen SF-Storykünstler (und eine Kunst ist es in der Tat, Geschichten so zu erzählen, wie sie es vermag) – die zahlreichen Nominierungen für SF-Preise und ihre Auszeichnungen (Kurd Laßwitz Preis und Deutscher Science Fiction Preis) belegen das eindrucksvoll. In Willkommen auf Aurora sind erstmals knapp 20 Storys in einem Buch versammelt, die einen guten Überblick über die Bandbreite der Themen bieten, deren Heidrun Jänchen sich immer wieder annimmt. Oftmals sind das Near-Future-Szenarien, eher selten Space Operas in fernen Zeiten und Welten. Wer allerdings Frauen-SF erwartet, geht fehl: Das Themenspektrum ist deutlich größer, und mitunter rummst es auch ordentlich (der aktiven Karatekämpferin Heidrun Jänchen ist Action keineswegs fremd!).

Willkommen auf AuroraGleich die Titelstory ist spannend wie ein Krimi: Militärbesatzer spüren permanent die Bedrohung, die von Widerstand leistenden Siedlern ausgeht, ahnen aber nicht, aus welcher Ecke die Attacke dann tatsächlich erfolgt. Spannend wie ein Grisham-Thriller ist Marias Sohn – hier kann man erschüttert, erstaunt und letztlich schmunzelnd mitverfolgen, was geschieht, wenn Gen-Patente dazu führen, dass Menschen Eigentum eines Konzerns werden. Herausragend sind aus meiner Sicht Slomo (sehr anrührend aus der Perspektive eines Normalos erzählt, der gegenüber seinen hochgezüchteten Mitmenschen benachteiligt ist), Zweivierteltakt, e-moll (in einer Zeit weitverbreiteter Unfruchtbarkeit werden Menschen zu Paarungsgemeinschaften verpflichtet) und Stadt in der Steppe (Kinder werden als Gedankenleser gezüchtet und für militärische Zwecke missbraucht). Diese Geschichten berühren auf mehreren Ebenen: Zum einen geht einem der Hintergrund an die Nieren, weil Menschliches und Unmenschliches hier so verdammt nah beieinander liegen, zum anderen wachsen einem die Protagonisten schon nach wenigen Seiten so ans Herz, dass sich beim Lesen eine kribbelnde Gänsehaut einstellt, die über das Ende der Story hinaus anhält. So erging es mir zuletzt bei den Erzählungen von David Marusek. Allen düsteren Zukunftsprognosen zum Trotz kommt auch der Humor nicht zu kurz, wobei Heidrun Jänchen keine Schenkelklopfer liefert, sondern eher ein amüsiertes Lächeln auf das Gesicht des Lesers zaubert, wie etwa in Emotionale Intelligenz, wo sich ein Pilot mit der (weiblichen) Zicken-Schiffs-KI herumschlagen muss.

Das Buch ist keine Best-Of-Storysammlung. Das ist einerseits schön, weil überwiegend unveröffentlichte Erzählungen geboten werden – andererseits fehlen einige von Heidrun Jänchens besten Geschichten. Bleibt die Frage, warum gerade diese drei Storys ausgewählt wurden, die nicht neu sind – sie sind vorab nicht im Wurdack Verlag erschienen, sondern in der C’T und in Anthologien anderer Verlage, somit wollte man wohl Wiederveröffentlichungen innerhalb des Verlages vermeiden. Das Ganze ist im Grunde nur eine Randnotiz, wobei aus meiner Sicht allerdings die Chance vertan wurde, dem Leser eine herausragende Storysammlung zu bieten – aber das kann ja irgendwann noch kommen. Eine Zusammenstellung von Heidrun Jänchens besten Storys wäre nämlich ein absolutes Highlight im SF-Kurzgeschichtensektor. So liegt mit Willkommen auf Aurora eine gute Storysammlung mit einigen sehr guten Erzählungen und keinen Ausfällen vor – allemal lesens- und empfehlenswert. Es würde mich wundern, wenn die besten Geschichten nicht in den Nominierungslisten der einschlägigen SF-Preise im kommenden Jahr auftauchen.

Eine Antwort zu “Willkommen auf Aurora

  1. Deiner Einschätzung – auch wenn sie schon vier Jahre alt ist – kann ich voll umfänglich zustimmen. Als ich im vorletzten Jahr meine eigene SF-Veranstaltung in Leer organisiert hatte, war Heidrun dabei. Hat sich gelohnt.

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