Joe R. Lansdale bei Golkonda

Lansdale bei GolkondaJoe R. Lansdale ist für mich ein Phänomen: Der Texaner, der siebenfach mit dem Bram Stoker Award ausgezeichnet wurde, schreibt so grandiose Romane, dass man vor Neid erblassen könnte, scheint aber hierzulande nach wie vor so etwas wie ein Geheimtipp zu sein. Auf die Erzählkunst des Autors bin ich zum ersten Mal durch die Novelle Der große Knall aufmerksam geworden, die in Douglas E. Winters Konzeptanthologie Offenbarungen erschien. Hannes Riffel hat damals für die deutsche Ausgabe die Story übersetzt, die für mich die beste in der Antho und ein absoluter Pageturner war – so was bleibt natürlich im Gedächtnis haften. Lansdale scheint den großen Verlagen keine Veröffentlichung wert zu sein (Heyne hat zuletzt im Jahr 2008 die Storysammlung Der Gott der Klinge und 2010 den 30 Jahre alten Roman Akt der Liebe in der Hardcore-Reihe publiziert) – was sicher nicht an der Qualität liegt, wohl eher an der Einschätzung, keine große Auflage absetzen zu können. Umso schöner, dass Riffels in Berlin ansässiger Golkonda Verlag sich Lansdales Werk angenommen und mittlerweile drei seiner Romane auf Deutsch herausgebracht hat. Ein Vierter ist in Vorbereitung (was für ein megacooles Cover!).

Es sind liebevoll gestaltete Paperbacks, die beim Durchblättern deutlich machen, warum ein eBook kein Ersatz für ein gedrucktes Buch ist, sondern lediglich eine Ergänzung: Von der schicken Klappenbroschur über die kleinen Vignetten mit Kapitel- und Seitenzahlen bis hin zu dem von molosovsky gezeichneten Autorenporträt sind die Bücher Kleinode. Außerdem steht in den Klappentexten – anders als bei vielen Großverlagen – genau das, was die Romane auch tatsächlich zu bieten haben.

Zum Beispiel dies: Kahlschlag ist ein Roman voller unerwarteter Wendungen, bösartiger Einfälle, derbem Humor und poetischen Momenten … Lansdale ist ein Geschichtenerzähler in der Tradition der großen amerikanischen Autoren … Kahlschlag ist, da sind Kritik und Leser sich einig, sein Meisterwerk. Jedes Wort ist wahr – nur ein Buchstabe zuviel: „sein Meisterwerk“ kann man getrost durch „ein Meisterwerk“ ersetzen. Schon die Ausgangslage verspricht Zündstoff: Sunset erschießt in Notwehr ihren Mann, den Gesetzeshüter des Ortes, mit seiner eigenen Waffe. Dafür wird sie jedoch nicht angeklagt, sondern kriegt von ihrer Schwiegermutter seinen Posten. Als Constable hat sie nicht nur gegen die Vorurteile zu kämpfen, eine Frau habe sich gefälligst ausschließlich um Herd und Kind zu kümmern … Der Roman spielt im Texas der 1930er, in einer Zeit, in die ich seit meiner Englisch-Facharbeit zu John Steinbecks Von Mäusen und Menschen und zur Weltwirtschaftskrise als Romanhintergrund immer wieder gern eintauche. Und genauso wie bei Steinbeck werden bei Lansdale der harte Alltag der einfachen Leute und der allgegenwärtige Rassismus lebendig, beim Lesen atmet man diese Zeit förmlich ein. Darüber hinaus besticht der Roman durch eine tolle Figurenzeichnung, durch viel Augenzwinkern und durch einen spannenden Krimiplot. Das Ganze ist äußerst unterhaltsam gestrickt, und zwar auf jeder gottverdammten Seite, um es mit Lansdales Worten zu sagen.

Ähnliches lässt sich zu Gauklersommer sagen, dessen Story nach dem ersten Irak-Krieg angesiedelt ist. Ein Veteran kehrt gebrochen in seine Heimatstadt zurück und gerät dort in einen Kriminalfall, der es in sich hat. Als Leser kann man sich dem Strudel kaum entziehen, in den der Gute dabei gezogen wird. Lansdale zieht alle Register seines Könnens und bietet genauso viel Lokalkolorit, Humor und Spannung wie in Kahlschlag. Dazu muss man wissen, dass Lansdale nicht unbedingt zimperlich ist, aber er übertreibt es nie – jedenfalls für meine Begriffe. Und seine Erzählstimme ist schlichtweg klasse. Wenn eine Geschichte nach 300 Seiten durch ist, dann ist sie eben durch und wird nicht auf die doppelte Länge gestreckt, wie es heutzutage ja schon fast üblich ist, um einen dicken Wälzer im Buchladen auslegen zu können.

Jetzt bin ich gespannt auf Ein feiner dunkler Riss, der Ende der fünfziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts spielt und eine ebenso unterhaltsame Lektüre wie die anderen beiden Romane zu werden verspricht. Ich muss nur die Zeit finden, ihn endlich zu lesen …

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