Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes

Die Hölle ist die Abwesenheit GottesDer Golkonda-Verlag hat ein Händchen dafür, Perlen herauszufischen und seinen Lesern vorzulegen – so geschehen etwa bei einigen Lansdale-Romanen, denen die Großverlage wohl keine hohen Verkaufszahlen zugetraut haben oder bei den Storys von David Marusek. Wie bei Letzterem hat sich der kleine, aber feine Berliner Verlag auch die preisgekrönten Erzählungen des US-Autors Ted Chiang geschnappt und in einer von benSwerk (wieder einmal – ich glaub, ich wiederhole mich, aber wenn’s halt so ist …) augenschmaustollen Storysammlung herausgebracht. Die einzige Erzählung, die ich davor von Chiang kannte, war Die Wahrheit vor Augen, die 2007 in PANDORA 2 auf Deutsch erschien; damit hatte ich mich damals schwer getan, weil die Story ihr Thema (Einfluss der Attraktivität eines Menschen auf seine Chancen im Leben) zwar tief auslotet, die collagenartige Aneinanderreihung von Pseudoberichten und –aussagen sich allerdings recht trocken liest.

Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes präsentiert fünf recht unterschiedliche mit Literaturpreisen überhäufte Geschichten, eine besser als die andere. Die phantastischen Elemente schleichen sich mitunter eher beiläufig ein wie etwa bei der Titelstory – auf eine Art und Weise, als wäre es selbstverständlich, dass unsere Welt nicht ganz so ist, wie wir sie kennen, sondern eben ein bisschen anders. Der Verlauf der Geschichte (und nicht nur dieser) schlägt einen derart in den Bann, dass man Satz um Satz regelrecht frisst und gespannt verfolgt, wie Chiangs Protagonisten mit den ungewöhnlichen Situationen zurechtkommen. Bei Der Turmbau zu Babel hinterfragt man nach wenigen Seiten nicht mehr, ob ein Turm wirklich so hoch errichtet werden kann – vielmehr begleitet man die Transporteure und Handwerker auf ihrer monatelangen beschwerlichen Reise zum Himmel, um mit ihnen die höchste Baustelle der Menschheitsgeschichte zu erreichen. Dieses wahrlich monumentale Bauwerk zeigt den Menschen, die nach immer Höherem streben, auf vielfache Weise ihre Grenzen auf. Das Ende der Story sei hier nicht verraten – es ist in jeder Beziehung folgerichtig. Nebenbei hält Chiang in seinen Erzählungen kleine Vorlesungen über Physik und Sprachforschung, denen man auch als Laie fasziniert folgen kann wie gut gemachten Wissenschaftssendungen im Fernsehen. War sicher nicht einfach zu übersetzen, molosovsky hat das jedoch sehr gut hingekriegt.

Ted Chiang hebt in seinen Erzählungen die Schranken von Raum und Zeit auf, als wäre es ein Klacks, dies auch noch logisch nachvollziehbar zu gestalten. Natürlich ist es alles andere als ein Klacks – aber es so erscheinen zu lassen, ist schlichtweg genial. Nach der Lektüre seiner Storys komme ich mir in mehrfacher Hinsicht winzigklein vor.

Jetzt wüsste ich eigentlich nur noch eins gern: Wie, verdammt noch mal, spricht man seinen Nachnamen richtig aus?

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