Ein feiner dunkler Riss

Ein feiner dunkler RissEin feiner dunkler Riss ist nach Kahlschlag und Gauklersommer der dritte Lansdale-Roman, der im Berliner Golkonda Verlag erschienen ist – und der dritte Volltreffer; nicht nur, was die wieder exzellente äußere Gestaltung des Buches angeht. Geschichten aus dem US-amerikanischen Süden erzählt kaum jemand so gut, so hautnah und intensiv wie der Texaner, der heute seinen 61. Geburtstag feiert. Happy Birthday, Joe!

Während Kahlschlag in den 1930ern und Gauklersommer in den 1990ern spielt, hat Lansdale für Ein feiner dunkler Riss die fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts und als Schauplatz Ost-Texas gewählt. Er schildert die Geschichte rückblickend und lässt den Leser die Geschehnisse durch die Augen eines Teenagers miterleben. Diese Erzählform beherrscht er mindestens ebenso gut wie Stephen King, was er schon in seinem Kurzroman Der Teufelskeiler (2008 im Shayol Verlag auf Deutsch erschienen) bewiesen hat.

Der dreizehnjährige Stanley lebt im Grunde ein behütetes Leben, so weit es zu dieser Zeit in einer texanischen Mittelschichtfamilie, umgeben vom alltäglichen Südstaaten-Rassismus und einer weitverbreiteten Wegschau-Mentalität, eben behütet sein kann. Er hat einen Hund als treuen Begleiter, eine große Schwester, die ihm sozusagen fast hautnah Aufklärungsunterricht erteilt, hat strenge, aber auch verständnisvolle Eltern und genießt – was ihm erst später klar wird – das Privileg, sich beinahe täglich mit zwei Schwarzen zu unterhalten und recht tiefschürfend auszutauschen, die im Autokino seines Vaters arbeiten. So kann er die Welt aus einer Perspektive betrachten, der sich viele seiner weißen Mitmenschen verschließen. Nebenbei lernt er durch den alten Filmvorführer Buster einiges über Detektiv- und Polizeiarbeit kennen, was ihm bei seinen Nachforschungen äußerst gelegen kommt – er möchte nämlich einen unter den Teppich gekehrten Mordfall aufklären. Aber schon bald muss er leidvoll feststellen, dass er sich mit seinen dreizehn Jahren – und seiner Schwester sowie seinem besten Freund, die ihm helfen wollen – ein bisschen zu viel zugemutet hat. Die Dinge spitzen sich zu, und Lansdales Erzählstimme trägt dazu bei, dass man den Roman nicht mehr aus der Hand legen möchte. Wie er Stanleys Erlebnisse Revue passieren lässt, geht einem so unter die Haut, als würde der gealterte Stanley neben einem sitzen und erzählen, was sich in jenem in vielerlei Hinsicht heißen Sommer 1958 alles zugetragen hat. Hut ab, das ist ganz großes Kino.

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