Der Anschlag

In meiner Blog-Pause hab ich nicht nur nichts geschrieben, ich hab auch kaum etwas gelesen. Ein paar Bücher hab ich über den Winter aber doch geschafft und will mal zusehen, dass ich meine Eindrücke hier noch wiedergebe.

Der AnschlagJetzt hat Stephen King also auch einen Zeitreiseroman geschrieben, dachte ich, als ich die erste grobe Inhaltsangabe zu seinem Roman 11/22/63 las. Und ich war skeptisch, weil das Teil wie der gute, aber zu umfangreich geratene Vorgängerroman Die Arena über 1000 Seiten lang war (bei Kings Hang zu ausschweifendem Schwafeln ist das immer so eine Sache …) und zudem eben einen Trip in die Vergangenheit beinhaltete. Zeitreisegeschichten – vor allem solche, bei denen jemand in die Vergangenheit reist, um die Zukunft zu ändern – haben ein großes Problem: die Glaubwürdigkeit. Wenn man über Storyplots nachdenkt, bei denen jemand in der Vergangenheit seinen eigenen Großvater umbringt und sich somit eigentlich selbst ins Nichts befördert haben müsste, weswegen er gar nicht in die Vergangenheit reisen könnte, um … tja, jeder kennt das, der sich schon damit beschäftigt hat. Der Trick dabei ist, dass man diese Überlegungen gar nicht anstellen bzw. nicht allzu weit ausführen darf, sonst kann man die Geschichte gleich vergessen – denn dann wird es keinen Spaß machen, sie zu lesen.

Zeitreisen kommen in der Science Fiction häufig vor; allerdings ist das dann oftmals halt doch eher Fantasy, bei der man sich Regeln zurechtbiegen kann, wie man will, anders als das in der SF der Fall sein sollte. Bestimmte Gesetzmäßigkeiten über die Zeitreise in seiner Geschichte muss der Autor vorgeben und der Leser akzeptieren, sonst funktioniert das Ganze nicht. In Der Anschlag kann man sich zum Beispiel fragen, weshalb ein an einer bestimmten Zeitreise Nichtbeteiligter hinterher gewisse Dinge über die jetzt veränderte Zukunft weiß, wenn er die Alternativvergangenheit eigentlich aufgrund seiner Nichtbeteiligung an der Zeitreise doch gar nicht kennen dürfte. Aber genug davon – wie gesagt, all die Überlegungen dazu lassen einen erfahrungsgemäß nur im Kreis drehen. Und King umschifft das Thema Paradoxon, nachdem er es angerissen hat, kurzerhand mit dem Dialogsatz: „Unbeantwortete Fragen zu stellen ist aber Zeitverschwendung, und ich habe nicht mehr viel Zeit.“ (Seite 121) …

Den deutschen Titel Der Anschlag könnte man durchaus als Kurzform von Stephen Kings Anschlag auf die Geduld des Lesers interpretieren. Seine Zeitreise ins Jahr 1958 gerät zur nostalgischen Rückschau, was natürlich bei so einer Story dazugehört – die Frage, ob allerdings die Gegebenheiten und Gepflogenheiten der späten Fünfziger so ausführlich breitgewalzt werden müssen, um dem Leser ein Hineintasten und –fühlen in diese Zeit zu ermöglichen, beantworte ich mal mit einem glasklaren Nein. Mag sein, dass Amerikaner, die in den Fünfzigern und Sechzigern aufgewachsen sind, dabei mit Wonne in eigenen Erinnerungen schwelgen – für mich waren es eindeutig zu viele kleine und meist völlig nebensächliche Details, mit denen ich oftmals auch nichts anfangen konnte. Klar ist es interessant, was damals eine Tankfüllung gekostet hat oder was man für einen Fernseher oder ein Auto ausgeben musste, aber Kapitel um Kapitel muss man nicht mit solchen Infos füllen. Auch den Ausflug zu den Schauplätzen und Protagonisten seines vielleicht erfolgreichsten bzw. bekanntesten Romans Es hätte King sich für meinen Geschmack schenken können oder zumindest kürzer fassen müssen. Wer Es nicht kennt, kann damit nichts anfangen, und auch für King-Leser bringt der Exkurs inklusive Tanzkurseinlage wenig – außer eben, die Geduld des Lesers weiter zu strapazieren. Ausgangspunkt für die Zeitreise ist ja das Attentat auf John F. Kennedy (was schon der Original-Romantitel verrät), aber spätestens nach 150 Seiten wird schmerzlich klar, dass man noch ein paar hundert Seiten wird warten müssen, bis King sich dorthin begibt, worauf man als Leser eigentlich wartet. King war das beim Schreiben sehr wohl bewusst (auf Seite 232 fragt er: „Hat irgendwas von alldem etwas mit der Geschichte zu tun, die ich erzähle?“), trotzdem konnte er sich nicht dazu aufraffen, wozu er in seinem Schreibratgeber Das Leben und das Schreiben einst selbst riet: „Kill your darlings!“ Tja, mit fortschreitendem Alter wird man halt vergesslich.

Auch mangels Zeit hab ich das Buch in vielen kleinen Häppchen gelesen – mag sein, dass das mit dazu beigetragen hat, dass ich nie so richtig in den Roman reingekommen bin. King hat es mir allerdings auch nicht gerade leicht gemacht. Und dabei gibt es durchaus Passagen, die unterhaltsam und spannend, teilweise geradezu fesselnd sind. Insofern ist es ein bisschen schade, dass King sich offensichtlich nicht kürzer fassen wollte. Denn dass er es noch kann, hat er mit seiner letzten Novellen-Sammlung Zwischen Nacht und Dunkel bewiesen – die fand ich richtig gut: harte, eindringlich geschriebene Geschichten, packend und auf keiner Seite langweilig. Die Novellen haben mich an die Zeit vor etwa dreißig Jahren erinnert, als ich King für mich entdeckt habe, vor allem durch seine Storys in Nachtschicht und Frühling, Sommer, Herbst und Tod.

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