Das zweite Gesicht

Das zweite GesichtKai Meyer ist in meinen Bücherregalen unterrepräsentiert – ich denke, das sollte ich ändern. Bisher waren es die (meinem Eindruck nach) überwiegend fantasyorientierten Romanstoffe, die mich abgehalten haben, seine Bücher zu lesen. Bei Mehrteilern bin ich im Allgemeinen auch eher zurückhaltend, weil ein Mehrteiler mit 1500 und mehr Seiten halt einfach viel Lesezeit bindet (und die ist begrenzt und bei mir in den letzten Jahren leider noch geschrumpft). Warum „unterrepräsentiert“, warum jetzt der Sinneswandel? Vor allem wegen der überarbeiteten, auf 666 Exemplare limitierten Neuausgabe von Das zweite Gesicht, die letztes Jahr im Blitz Verlag erschienen ist. Den Roman hab ich nämlich regelrecht verschlungen – und das in einer Phase, in der ich eigentlich kaum Zeit und wenig Lust aufs Lesen hatte.

„Hier ist der Stoff, der die Weimarer Republik, den Expressionismus-Wahnsinn, Sex, Unschuld, Kokain, deutsche Mythen, Schöpfer-Exzesse und Zerstörungsräusche auf einen Punkt bringt“, schreibt der Film- und Fernsehregisseur Dominik Graf in seinem Vorwort. Schöne Zusammenfassung. Dabei fehlt nur, dass Kai Meyer aus diesem Stoff einen Roman gebastelt hat, der auf faszinierende Weise unterhaltsam und spannend ist. Auch wenn die Protagonisten der Stummfilmzeit – da waren Diven noch Diven und Filmmogule noch Filmmogule – mitunter gefühlt ein paar Zentimeter über dem Boden schweben: Meyers vielschichtige Figuren wirken lebendig, beinahe anfassbar. Die Geschichte entwickelt einen Sog, der von Kapitel zu Kapitel stärker wird und dem ich mich nicht entziehen konnte/wollte.

Wie Chiara Mondschein in die Fußstapfen ihrer kürzlich verstorbenen Schwester tritt und deren Nachfolgerin als Filmstar in Berlin wird, ist auch ohne die phantastischen Hinter- und Abgründe schon lesenswert. Das überdimensionierte Ego mancher Filmschaffender und deren Exzesse würzen zunächst den Weg zum Starruhm. Doch schon bald muss sich Chiara fragen, auf was sie sich eingelassen hat. Geisterbeschwörungen, Drogen und seltsame Doppelgänger gehören eigentlich nicht in ihre Welt, die mehr und mehr aus den Fugen gerät. Kai Meyer hat all diese Zutaten zu einem höllischen Cocktail zusammengemixt, der in keiner Phase altbacken wirkt. Er wirft den Leser vielmehr in die Welt der wilden Zwanzigerjahre hinein wie Chiara in ihre neue Rolle hineingeworfen wird: Man ist mittendrin statt nur dabei.

Der Roman übrigens ist für den Vincent Preis als bester Horror-Roman 2012 nominiert (für den man bis 14. April noch abstimmen kann).

NACHTRAG:
Inzwischen wurde Das zweite Gesicht als bester Horror-Roman des Jahres 2012 mit dem Vincent Preis ausgezeichnet.

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