Dunkle Gewässer

Dunkle GewässerJoe R. Lansdale hat sich in den letzten Jahren zu einem meiner Lieblingsautoren entwickelt. Außerdem wohl zu dem Autor, von dem ich zuletzt am meisten gelesen habe (vielleicht nicht seitenmäßig, da seine Romane keine dicken Wälzer sind, aber auf jeden Fall büchermäßig). Einen großen Anteil daran haben zwei kleine, aber sehr feine Berliner Verlage: Shayol und Golkonda, von denen ich inzwischen zusammengenommen 8 Lansdale-Paperbacks besitze. Warum Lieblingsautor? Weil er ein toller Erzähler ist, der sich nicht auf 800 oder 1000 Seiten in einem Roman auslebt und mich bisher noch nicht ein einziges Mal mit seinen Werken gelangweilt hat. Von Dan Simmons, der ebenfalls zu meinen Lieblingsautoren gehört, kann ich das nicht behaupten (wobei ich Simmons für einige seiner 1000-Seiten-Wälzer sehr dankbar bin und viele seiner Bücher regelrecht verschlungen habe!).

Jetzt gibt es Lansdale auf Deutsch also auch im Hardcover: nämlich bei Tropen, einem Verlag, von dem ich bisher noch nichts gehört hatte. Es handelt sich dabei um einen Sub von Klett-Cotta, in dem unter anderem literarische Krimis erscheinen – wieder was dazugelernt. Zuletzt kamen einige Lansdale-Romane beim Berliner Golkonda Verlag heraus. Golkonda-Mastermind und Dunkle-Gewässer-Übersetzer Hannes Riffel hat ja früher für Klett-Cottas Hobbit Presse gearbeitet (oder tut es nebenher noch, so genau weiß ich das nicht), und vielleicht kam Lansdale so über Golkonda zu Tropen. Wie dem auch sei – Hauptsache, seine Romane finden nun vermehrt deutsche Verlage und sind somit für Leute, die englische Originale nicht so gern lesen, verfügbar (dazu gehöre ich auch – ich habe bei englischen literarischen Texten immer den Eindruck, dass mir viele Feinheiten entgehen, auch wenn ich der Handlung folgen kann – dadurch schränkt sich der Lesegenuss ein).

Dunkle Gewässer handelt von einer eigenartigen Reise durch Texas Richtung Hollywood, wobei ich wohl nicht zu viel preisgebe, wenn ich verrate, dass der Roman ausschließlich in Texas spielt – die Route führt entlang des Sabine River. Lansdale erzählt die Geschichte aus Sicht der heranwachsenden Sue Ellen, die miterleben muss, wie die Leiche ihrer hübschen Freundin May Lynn aus dem dunklen Fluss gezogen wird. May Lynn hat immer davon geträumt, Filmstar in Hollywood zu werden – daraus wird es nun nichts. Um ihren Traum wenigstens ein kleines bisschen wahr werden zu lassen, beschließen Sue Ellen und zwei andere Freunde, die Leiche zu verbrennen und ihre Asche irgendwo in Hollywood zu zerstreuen. Sie finden Geld, das May Lynns Bruder nach einem Überfall vergraben hat, und von jetzt an läuft nichts so, wie sie es sich in ihrer jugendlich-naiven Fantasie (die mitunter aber auch erstaunlich realistisch ausfällt) ausgemalt haben.

Lansdales Stärke ist sein schnörkelloser, hautnaher Erzählstil, in dem er teils mit trockenem Humor, teils auch in drastischen, nichts beschönigenden Worten erzählt, was seiner Protagonistin durch den Kopf geht und was sie erlebt. Dass er es beherrscht, Geschichten aus Sicht von Jugendlichen zu erzählen wie etwa auch Stephen King, hat er bereits in seinem Kurzroman Der Teufelskeiler und in Ein feiner dunkler Riss beeindruckend bewiesen. Und Hannes Riffel hat eine, wie ich finde, tolle Übersetzung abgeliefert.

Jetzt wartet schon Straße der Toten auf meinem Lesestapel, eine Sammlung von Lansdales Weird-Western-Erzählungen um den Reverend Jebidiah Mercer, der es nicht nur mit lebenden Unholden aufnimmt. Ich bin gespannt!

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