Doctor Nikola lebt weiter

Doctor Nikola ist eine Erfindung des australischen Autors Guy Newell Boothby, der Ende des neunzehnten Jahrhunderts mehrere Bücher mit der Schurkenfigur veröffentlichte. Im Wurdack Verlag startete eine Neuauflage der Reihe im Jahr 2010, zusätzlich zu vier neu übersetzten Romanen erschienen Ende 2012 und Anfang 2013 zwei weitere, die speziell für die Wurdack-Reihe geschrieben wurden. Die Paperbacks besitzen eine Klappenbroschur und sehr ansprechend gestaltete Cover, die – anders, als man das bei Großverlagen immer wieder ertragen muss – alle zusammenpassen und somit auch das Sammlerherz erfreuen.

Dr. Nikola 1-6

Dieser Dr. Nikola ist ein Superschurke, der Vorbild für Dr. Fu Manchu oder Dr. Mabuse gewesen sein könnte (er wurde etwa 20 Jahre vor den beiden anderen erschaffen). Obwohl der mysteriöse Doctor eine enorme kriminelle Energie an den Tag legt, zeigt er einen ambivalenten Charakter, denn er geht nicht weiter, als es seine Pläne erfordern und verhält sich mitunter fast wie ein Gentleman. Seine wahren Absichten bleiben oft nebulös, aber seine Experimente, seine Tricks und seine außergewöhnlichen Fähigkeiten lassen erahnen, was in ihm steckt und dass man ihm besser aus dem Weg gehen sollte. Boothby erzählt klassische Abenteuergeschichten, die ihre Protagonisten um die halbe Welt führen. Durch Nikolas teuflisch-geniale Schachzüge und seine übersinnlichen Fähigkeiten erhalten die Romane einen mysteriös-phantastischen Einschlag.

Das Luftschiff des Doctor NikolaDas Luftschiff des Doctor Nikola ist der erste der beiden neu verfassten Nikola-Romane. Michael Böhnhardt, der sich bei der Übersetzung der Originalgeschichten natürlich intensiv mit dem Superschurken befasst hat, war logischerweise dazu prädestiniert, Nikola weiterleben zu lassen. Er kennt den Doctor und seine Eigenheiten, und er kennt den Stil der alten Romane. Allerdings entschied er sich, seinen 5. Band der Reihe in modernerem Gewand erscheinen zu lassen, das heutigen Lesern entgegenkommt – weniger altbacken in der Sprache und inhaltlich erwachsener als die über hundert Jahre alten Geschichten, die vieles nur züchtig andeuten und auch als Jugendliteratur durchgehen würden. Böhnhardts Figuren sind vielschichtiger und noch durchtriebener als Boothbys (vor allem die weiblichen). Die Handlung wurde im Jahr 1920 angesiedelt, was angesichts von Dr. Nikolas außergewöhnlichen Fähigkeiten und seines Unsterblichkeitsserums kein Problem darstellt. Wie schon der Australier setzt auch Michael Böhnhardt den Doctor nicht als alleinige Hauptfigur ein, sondern erzählt die Geschichte aus Sicht des Barons von Klingenberg, dem als Kommandeur eines zaristischen Kosakenregiments die Hinrichtung durch die Bolschewisten droht. Mithilfe des Luftschiffs einiger Westeuropäer versucht er, diesem Schicksal zu entgehen. Dr. Nikola spielt in seinem Plan eine wichtige Rolle, doch der Doctor wäre nicht der Doctor, wenn er nicht seine eigenen Ziele verfolgen würde. Böhnhardt ist gelungen, was ich mir von der Modernisierung eines klassischen Stoffes erhoffe: Seine Version lässt die Faszination weiterleben, die der Supergangster zuvor schon ausgeübt hat. Außerdem bietet sie in einem der heutigen Zeit angepassten Stil spannende Unterhaltung – spannender sogar als die zum Teil heute etwas handzahm wirkenden Originale.

Das Serum des Doctor NikolaPetra Hartmann geht als Autorin der zweiten Wiederbelebung des Nikola-Stoffes in Das Serum des Doctor Nikola einen anderen Weg: Ihr Roman ist stärker an die Originale angelehnt, sowohl im Sprachstil als auch in der Ausgestaltung der Figuren und der Handlung, ohne jedoch Boothbys Werke zu kopieren. Die Erzählperspektive ist ebenfalls nicht die des Dr. Nikola, der sich eher im Hintergrund hält, sondern die eines Bankierssohnes, dessen Vater sich nach dem Schwarzen Freitag erschossen hat und der sich im Berlin des Jahres 1927 nun mittellos durchschlagen muss. Die Wege von Felix Sekundus Pechstein und Dr. Nikola kreuzen sich, und Nikolas schwarzer Kater Apollyon schließt den jungen Mann ins Herz, was sonst so gar nicht seine Art ist. Pechstein gerät außerdem in die Fänge eines altägyptischen Sonnengott-Kults, der in Berlin sein Unwesen treibt. Um sein eigenes und das Leben seiner Angebeteten zu retten, soll er ausgerechnet jenen Apollyon stehlen – wohlwissend, dass er sich Nikola damit zum Feind machen wird. In einigen Passagen war mir dieser jugendliche Held etwas zu jugendlich-naiv dargestellt, der damaligen Zeit erscheint das jedoch angemessen. Während sich die Geschichte zu Beginn eher gemächlich entwickelt, wird es im zweiten Teil des Romans richtig turbulent, sogar das Luftschiff aus dem Vorgängerroman kommt zum Einsatz – wobei so ein Riesenvehikel für einen Superschurken, der gern im Verborgenen arbeitet, vielleicht etwas zu auffällig ist. Und dass die Protagonisten in die Sitze gedrückt werden, wenn ein Automobil mit 45 Stundenkilometern „dahinrast“, liest sich leicht übertrieben, auch wenn das für die damalige Zeit eine hohe Geschwindigkeit gewesen sein mag. Ein paar kleinere Schwachpunkte trüben den Gesamteindruck allerdings nur unwesentlich: Petra Hartmanns Roman ist unterhaltsam und für Fans der Boothby-Originale sehr empfehlenswert.

Ob die beiden Autoren der neuen Nikola-Romane bewusst zwei Wege beschritten haben oder sich das durch ihre persönlichen Vorlieben einfach so ergeben hat, weiß ich nicht. Sollte es weitere Nikola-Abenteuer geben und dürfte ich mir etwas wünschen, so würde ich für den Böhnhardt-Weg plädieren. Dabei will ich den Hartmann-Roman nicht abwerten – denn ich bin mir nicht sicher, ob ich nicht, ohne die Böhnhardt-Version zu kennen, schlicht gesagt hätte: Ja, so darf die Wiederbelebung eines Klassikers aussehen. Aber die modernere Variante erscheint mir diejenige zu sein, mit der man Dr. Nikola besser durchs zwanzigste Jahrhundert schicken könnte, in dem ein Superschurke ja noch viele Betätigungsfelder findet.

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