Quo vadis, eBook?

Mittlerweile hab ich meinen Kindle-eBook-Reader ein halbes Jahr. Nach der Anschaffung hatte ich ja angekündigt, im Lauf der Zeit mal zu berichten, ob und wie ich mich als eher eBook-skeptisch eingestellter Büchernarr mit dem Medium anfreunden kann. Einen reichhaltigen Erfahrungsschatz kann ich nicht weitergeben, da ich nach wie vor überwiegend gedruckte Bücher lese – weil es mir einfach mehr Spaß macht. Außerdem bin ich Sammler und möchte meine Bücherregale – die über mehrere Räume verteilt sind – um mich herum nicht missen, auch wenn sie immer wieder überquellen (eine Wohnung ohne Bücher erscheint mir irgendwie unvollständig eingerichtet). Aber einige eBooks haben sich inzwischen doch auf meinem Reader angesammelt.

Für kürzere Texte – von der Kurzgeschichte bis zur Novelle – ist das eBook für mich eine gute Ergänzung zum Papierbuch, vor allem bei Anthologien und Storysammlungen, wo ich im Zweifel bin, ob ich sie mir zulegen soll. Zum einen gab und gibt es immer wieder kostenfreie Angebote zum Reinschnuppern (anders als bei Printbüchern – mit elektronischen Dateien lässt sich das leichter machen, weil die keine Druck- und Transportkosten verursachen), zum anderen sind die eBooks gegenüber dem Papierbuch meist preisreduziert, teilweise kosten sie nicht mal die Hälfte. Zu den Massenhaft-Downloadern gehöre ich allerdings nicht – es scheint ja Leute zu geben, die es beinahe als sportliche Herausforderung betrachten, so viele kostenlose eBooks wie möglich zu sammeln, auch wenn sie nicht einmal einen Bruchteil davon zumindest anlesen werden (na gut, der Mensch ist halt von jeher Jäger und Sammler …). Allein schon weil mir dann die Inhaltsübersicht auf dem Reader zu umfangreich wird, mache ich das nicht und überlege mir, was mich tatsächlich interessieren könnte. Außerdem lösche ich eBooks aus dem Bestand, wenn ich nach dem Antesten gemerkt habe, dass sie mich nicht ansprechen – elektronische Bücher zu entsorgen fällt mir im Gegensatz zu den gedruckten relativ leicht (in der Cloud und auf meinen Festplatten kann ich sie ja trotzdem archivieren).

Bei der Gestaltung der eBooks gibt es gewaltige Unterschiede, hab ich festgestellt, sowohl in der optischen Aufbereitung als auch in der Menüführung. Für die Schriftgrößen existiert kein Standard, die zum Teil erheblichen Unterschiede lassen sich aber glücklicherweise auf dem Reader mit wenigen Handgriffen ausgleichen. Generell ist die Anpassung der Schriftgröße an persönliche Vorlieben ein großer Vorteil von eBooks – vor allem, wenn die Augenleistung nachlässt … Weniger schön ist es, wenn man einzelne Geschichten oder Kapitel nicht direkt ansteuern kann, weil man sich dann zu Tode klickt, wenn man etwas sucht. Überhaupt stellt sich für mich das Blättern im eBook als deutlicher Nachteil gegenüber dem Printbuch heraus: Ein einfaches, schnelles Durchblättern, um beispielsweise festzustellen, wie lang ein Kapitel oder eine Story ist, ist beim eBook nur eingeschränkt möglich. Also lässt sich schwer abschätzen, wie viel Zeit man zum Lesen eines bestimmten Abschnitts etwa brauchen wird – für mich ist das sehr wichtig, weil ich ungern mitten im Kapitel oder in einer Kurzgeschichte das Lesen unterbreche. Die Prozentangaben lassen die Länge nur ungefähr erahnen; eBooks mit Seitenzahlen (die je nach Schriftgrößenanpassung variabel sein müssten) soll es zwar geben, ich hab aber noch keins entdeckt.

Bei vielen eBooks, die ich bisher gelesen oder durchgesehen habe, wird der Blocksatz leider nicht durchgehend korrekt angezeigt – ist zwar kein gravierendes Problem, aber für den Buchästheten trotzdem ärgerlich. Das scheint am Konvertierungsprogramm zu liegen, mit dem der Text ins eBook umgewandelt wurde. Bei einigen meiner eBooks von Großverlagen besteht dieses Problem nicht; dort ist die Umsetzung des Blocksatzes tadellos und vorbildlich professionell. Ich hab selbst schon mit Calibre ein bisschen herumprobiert – die Ergebnisse fand ich akzeptabel, aber nicht völlig zufriedenstellend (etwa in punkto Blocksatz). Für Layouter gibt es mit Sicherheit bessere Programme. Als Beispiel sei ein Produkt von Bastei Lübbe bzw. deren Elektroniksparte Bastei Digital genannt: Pandämonium von Alexander Odin (gab es am Welttag des Buches in einer Gratisaktion). Gelesen hab ich den Roman noch nicht, aber beim Durchklicken fallen auf Anhieb Unterschiede zu weniger professionell umgesetzten eBooks auf. So, wie Bastei Digital das seinen Kunden anbietet, sollte es sein. Ende Mai startet dort die von Uwe Voehl herausgegebene Horror Factory mit Kurzromanen, die ausschließlich als eBook und Hörbuch erscheinen – kein elektronisches Romanheftpendant, sondern eine ambitionierte Reihe mit Horrorerzählungen, die nicht auf viele hundert Seiten gestreckt sind. Ein Projekt, das neue Wege geht und das ich aus verschiedenen Gründen interessant finde.

Bei der Einbindung von Grafiken und Illustrationen gibt es ebenfalls deutliche Unterschiede, und auch hier haben bei meinen eBooks die Großverlage die Nase vorn. Für detailreiche Illus sind eBooks nicht unbedingt prädestiniert, aber wenn die kleinere Seitengröße des Readers berücksichtigt und die Einbindung ins Buch richtig gemacht wird, lässt sich ein eBook durchaus ansprechend gestalten, Buchstabenwüsten müssen nicht sein.

Dass ein Reader in punkto Platzbedarf gegenüber Papierbüchern unschlagbar ist – vor allem für unterwegs, aber auch in der heimischen Bibliothek – ist und bleibt ein Hauptvorteil des eBooks. Wenn seine Vorteile genutzt und die vielfältigen Möglichkeiten ausgeschöpft werden, dürfte der eBook-Markt weiter an Bedeutung gewinnen. Na ja, wird er wohl in jedem Fall, wenn man bedenkt, dass viele Kinder heutzutage mit iPhone, Internet und MP3-Player aufwachsen und elektronische Medien künftig viel selbstverständlicher und ohne groß darüber nachzudenken nutzen werden als unsereins, der mit Papierbüchern (und Vinylschallplatten …) sozialisiert wurde.

Apropos Schallplatten: Den Wettstreit Vinyl versus Silberscheibe hat die CD gewonnen, ohne die Schallplatte ganz zu vertreiben, und selbst die CD muss heute um ihren Anteil kämpfen, weil durch MP3 eine große Konkurrenz aufgebaut wurde. Auf dem Büchermarkt werden wohl ähnliche Verschiebungen stattfinden, aber auch dort dürften der Nostalgie-, Anfass- und Sammelfaktor weiterhin eine Rolle spielen (für mich eine ziemlich große, nebenbei bemerkt). Wie im Musikbereich böte sich gerade bei Kurzgeschichtenbänden und Magazinen die Möglichkeit, nicht nur die komplette Ausgabe wie ein Musikalbum zu verkaufen, sondern auch einzelne Geschichten oder Artikel daraus. eBooks erlauben ganz andere Kombinationsvarianten – ganz abgesehen von der Korrekturmöglichkeit. Wenn ein gedrucktes Buch Fehler beinhaltet, ist die Auflage draußen, beim eBook kann man jederzeit nachbessern, sollte dann aber auch vermerken, welche Version nun erhältlich ist (Transparenz = Kundenfreundlichkeit!). Denkbar ist sehr viel – mal sehen, wie sich das eBook weiterentwickeln wird. Es bleibt spannend, auch für die Verlage, die ja nicht aufs falsche Pferd setzen wollen.

NACHTRAG:
Inzwischen hab ich auch eBooks von Kleinverlagen, in denen sowohl der Blocksatz durchgehend korrekt angezeigt wird als auch die Einbindung von Grafiken sehr ansehnlich gestaltet wurde. Ich wollte also keinesfalls aussagen, professionell würde nur bei Großverlagen gearbeitet werden.

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