Straße der Toten

Straße der TotenWeird Western nennt Joe R. Lansdale seine Erzählungen um den streitbaren Reverend Jebidiah Mercer im Vorwort von Straße der Toten. Die Sammlung mit Mercer-Geschichten erschien 2010 bei Subterranean Press – wenn ich sehe, was dieser Verlag alles an tollen Büchern herausbringt (im Link nach unten scrollen, dort finden sich alle Lansdale-Sonderausgaben – einfach klasse!), dann werde ich regelmäßig neidisch. Dieses Buch erschien erfreulicherweise kürzlich als Übersetzung im Golkonda Verlag, der seine Leser zuvor bereits mit drei Krimis aus Lansdales Feder in ebenso hochwertig gestalteten Paperbacks beglückt hat. Als ich in Lansdales Vorwort jenen Begriff Weird Western las, musste ich unwillkürlich an die Karl-May-Verfilmungen aus den Sechzigerjahren denken – auch wenn das in den Siebzigern im 3-Programm-TV noch Highlights waren, sind die Filme rückschauend betrachtet doch ziemlich trashig und ganz sicher auch ein bisschen weird (Sam Hawkins, Old Wabble, der englische Lord und ihre heldenhaften Kumpels auf jeden Fall!). Die Reverend-Geschichten sind eindeutig als Hommage an den Pulp zu verstehen, die Titelstory wurde auch zuerst im Weird-Tales-Magazin abgedruckt.

Lansdales trockener, oftmals derber und tiefschwarzer Humor kommt in den ersten Geschichten noch ein wenig zu kurz, aber hier kann man auch eine Entwicklung in seiner Schreibe erkennen: Während der Anfang der 1980er Jahre entstandene Kurzroman Dead in the West noch eher im Stil seiner frühen Romane wie Akt der Liebe oder Nightrunners (auf Deutsch erschienen in Der Gott der Klinge) geschrieben ist, scheint in den neueren Geschichte durch, was etwa seine Hap & Leonard-Romane oder viele seiner Krimis auszeichnet: Ein lockerer, trockenhumoriger Tonfall, als würde der Erzähler auf der Veranda im Schaukelstuhl sitzen und seinen Zuhörern aus dem Gedächtnis vortragen, was er – oder ein Bekannter – erlebt hat. Dass dabei dem Zuhörer manchmal die Ohren klingeln, ist dem Erzähler egal – schließlich ist etwas real Erlebtes noch allemal schlimmer als das, was man nur vom Hörensagen her kennt.

Reverend Mercer ist kein typischer Vertreter seiner Zunft, der mit schwarzer Kutte und Bibel in der Hand durch die Gegend läuft und mit erhobenem Zeigefinger seine Schäfchen zu mehr Gottesfürchtigkeit ermahnt. Mit seinem himmlischen Boss würde er sich wohl eher prügeln, als demütig sein Haupt im Gebet vor ihm zu neigen, wenn er denn die Gelegenheit dazu bekäme. Und auf Erden verlässt er sich lieber auf seinen Colt als auf fromme Sprüche. Die Storys sind teilweise ähnlich gestrickt, mitunter etwas zu ähnlich, was bei den über etliche Jahre verstreuten Erstveröffentlichungen wohl nicht so aufgefallen ist wie in der Geschichtensammlung. Es empfiehlt sich also, nicht mehrere hintereinander zu lesen, sondern sich immer wieder mal einen Happen zu gönnen. Durchkomponierte, raffinierte Plots darf man nicht erwarten. Lansdale spielt mit Westernklischees (dabei greift er eher auf solche aus Italowestern zurück, nicht so sehr auf die der Marke Edler-Ritterlicher-Westernheld) und hält den Trashfaktor auf einem gewissen Level, ohne es zu übertreiben. Wie oben schon erwähnt, erscheinen mir die Geschichten jüngeren Datums etwas spritziger erzählt als der Kurzroman, der Anfang der 1980er Jahre entstand. Als Beispiel sei der Dialog zwischem dem Reverend und dem Sheriff des kleinen Nests Wood Tick zu Beginn von Der schleichende Himmel genannt, der auch aus einem Tarantino-Film stammen könnte: Mercer kritisiert die Gefangenenhaltung im Käfig auf offener Straße, sorgt dann aber erst fürs eigene leibliche Wohl, bevor er die Kinder verjagt, die den Häftling mit Steinen bewerfen. Er scheucht die Lausebengel nicht einfach weg, sondern wirft einem dieser „fiesen kleinen Bastarde“ einen Stein an den Kopf – frei nach dem Motto: Auge um Auge. So ist er halt, der Reverend.

Es ist keine Überflieger-Erzählung dabei, gut unterhalten fühle ich mich aber trotzdem. Prima Abwechslung zu SF und zeitgenössischen Krimis, die ich zuletzt gelesen habe. Die Gestaltung des Buches von benSwerk inklusive Coverbild von Steffen Winkler (an den roten Augen des Totenreiters kann ich mich gar nicht satt sehen!) sind erste Sahne. Der Golkonda Verlag setzt hier Maßstäbe. Und nicht nur hier, sondern auch bei der Auswahl der Romane und Storysammlungen, die dort erscheinen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s