Herberge für die Seelen

Beim Umräumen fiel mir kürzlich wieder einmal das Belegexemplar einer Zeitschrift in die Hände, in der meine allererste veröffentlichte Kurzgeschichte abgedruckt wurde. Bezeichnenderweise hieß diese Zeitschrift KURZGESCHICHTEN. Sie war damals unter anderem in den Bahnhofskiosken erhältlich, wurde aber nach einiger Zeit wieder eingestellt – Kurzgeschichten 08-2004Käufer für Storymagazine sind eher dünn gesät, eine Auflage von mehreren Tausend Exemplaren rechnet sich hierzulande nicht. Meine Story Herberge für die Seelen erschien in der Augustausgabe 2004. Ich hatte davor mal ein Heft in die Finger bekommen, in dem Dieter Nuhr vertreten war, ansonsten aber hauptsächlich unbekannte Autoren, und dachte mir – warum nicht dort versuchen, eine Geschichte „unterzubringen“? Zuvor hatte ich mehr oder weniger nur für mich selbst geschrieben, jedenfalls nicht wirklich auf eine Veröffentlichung hin. Doch irgendwann kommt bei vielen Schreiberlingen einmal der Punkt, wo sie es wissen wollen … Da in der Zeitschrift überwiegend kurze und ganz kurze Texte zu finden waren, hab ich meine zu diesem Zeitpunkt kürzeste vorzeigbare Story ausgesucht (zumindest hielt ich sie dafür – und hab mich selbstzweifelnderweise gefragt, ob überhaupt irgendetwas vorzeigbar ist, das ich geschrieben habe). Vor dem Abschicken hab ich sie noch von 11.500 auf 9.500 Zeichen gekürzt und dann … gewartet. Tja, es dauerte gar nicht lange, bis ich schließlich diese Augustausgabe stolz in den Händen hielt – sogar mit meinem Namen auf dem Cover! Honorar gab es keins, aber das war mir damals schnurz.

Ein oder zwei Jahre später sollte die ungekürzte Fassung dann in einem Fanzine veröffentlicht werden – dazu kam es jedoch nicht, weil die Fanzinemacher vor dem Druck der Ausgabe ihre Tätigkeit einstellten. Seitdem verstaubt die Langfassung (na ja, wirklich lang ist diese Story eigentlich nicht) virtuell auf der Festplatte.

Hier also erstmals die vollständige Geschichte:
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Herberge für die Seelen

»Verdammt noch mal, wo bin ich hier eigentlich?«

Simon behielt den Tonfall bei, in dem er eben das Telefonat mit Heegmann beendet hatte. Trotz Freisprechanlage hatte er sich so stark auf die wenig erfreuliche Unterhaltung konzentriert, dass er die Umgebung kaum noch wahrgenommen hatte. Er hatte weder auf den Verkehr noch auf die Straßenführung geachtet – und war irgendwo falsch abgebogen. Auf der richtigen Autobahnstrecke befand er sich jedenfalls nicht mehr. Die war dreispurig, hier gab es aber nur zwei Fahrspuren. Vergeblich hielt Simon nach einem Verkehrsschild Ausschau, das ihm verraten konnte, wohin diese Autobahn führte. Er beschloss, die nächste Ausfahrt zu nehmen, um auf der anderen Seite zurückzufahren, doch Ausfahrten schien es hier ebenso wenig zu geben wie Verkehrsschilder.

Einem gemurmelten Fluch folgte ein tiefer Seufzer. Das hatte ihm gerade noch gefehlt …

Herberge für die Seelen ManuskriptSimon war auf dem Weg zu einem wichtigen Termin, und nachdem schon das Geschäft mit Heegmann mehr oder weniger geplatzt war, wollte er nicht auch noch das vermasseln.

Zurzeit lief es alles andere als gut für ihn. Seit er seine Künstleragentur führte, war er vier oder fünf Tage in der Woche unterwegs und hetzte von einem Termin zum nächsten. Trotzdem warf die Agentur kaum etwas ab. Sein Steuerberater hatte ihm vor zwei Wochen eröffnet, dass er mehr Abschlüsse tätigen müsse, sonst würde er in ernsthafte Schwierigkeiten geraten.

Langsam fragte Simon sich, ob die Erfüllung seines Wunschtraumes, in einer eigenen Firma sein eigener Herr zu sein, das alles wert war. Seine Familie sah er immer seltener, und jedes Mal, wenn er nach Hause kam, hatte er Angst, dass seine kleine Tochter ihn vielleicht nicht mehr erkennen könnte. Manchmal dauerte es beängstigend lange, bis sie ihn bei seiner Rückkehr anlächelte und ihm zeigte, dass er ihr noch nicht völlig fremd geworden war.

Nach Hause – war nicht mittlerweile die Autobahn sein eigentliches Zuhause? Jedenfalls verbrachte er eindeutig mehr Zeit auf der Straße als bei seiner Familie. Er hatte die Autobahn hassen und lieben gelernt – dieses endlose grauschwarze Band, das sich am Horizont verlor; das ihn oft weit weg von seiner Familie führte, aber immer wieder auch zu ihr zurück.

Wohin diese Straße ihn brachte, war Simon im Augenblick völlig schleierhaft. Nervös machte ihn zudem, dass außer ihm kaum jemand die Strecke benutzte. Im Rückspiegel konnte er zwei Lastwagen ausmachen, von denen er sich rasch entfernte, und weit voraus entdeckte er einen PKW, der in immer gleichem Abstand vor ihm her fuhr. Sonst war die Autobahn völlig leer, auch die Gegenfahrbahn, die Simon aufgrund des dichten Buschwerks auf dem Mittelstreifen nur sehr schlecht einsehen konnte.

Der Wald links und rechts wurde immer dichter, und es fand sich einfach keine Möglichkeit, die Autobahn zu verlassen. Von der Umgebung war kaum etwas zu sehen, da die Bäume entlang der Strecke dicht an dicht standen. Wie eine Armee von Riesen schirmten sie die Welt dahinter vor neugierigen Blicken ab, indem sie mit ihren armgleichen Ästen jeden noch so kleinen Zwischenraum verdeckten.

Simon schaute auf die Uhr und konstatierte, dass er es zu dem Geschäftstermin wohl nicht mehr rechtzeitig schaffen würde. Also griff er nach seinem Handy und warf einen Blick aufs Display. Kein Empfang. Großartig!

Seine Unruhe wuchs, und aus Verärgerung wurde allmählich Beklemmung. Simon fühlte sich in seinem Auto eingeengt und ruckte nervös in seinem Sportledersitz hin und her. Der Sicherheitsgurt schnitt ihm unangenehm ins Fleisch, und er bekam zu wenig Luft. Er wollte hier raus.

Bald ertappte er sich dabei, wie er nach einer Lücke in der Mittelleitplanke Ausschau hielt und mit dem Gedanken spielte, auf die Gegenfahrbahn zu wechseln. Polizei war hier sicherlich nicht unterwegs, und gefährden konnte er mit einer solchen Aktion auch niemanden. Aber es fand sich keine Lücke.

Sogar der Gedanke, einfach zu wenden und auf dem Standstreifen zurückzufahren kam ihm in den Sinn, aber auf eine Geisterfahrt wollte er sich nun doch nicht einlassen. Noch nicht.

Kilometer um Kilometer fraß sein Wagen die Strecke, und je länger die Irrfahrt dauerte, desto enger schnürte sich Simons Magen zusammen. Auf seiner Stirn sammelten sich Schweißperlen. Immer häufiger musste er seine feuchten Hände an seiner Hose abwischen.
Zunächst hatte Simon die Geschwindigkeit reduziert, damit er keinesfalls ein Hinweisschild übersah. Als jedoch die Abenddämmerung voranschritt, nahm seine Nervosität panische Züge an und bohrte sich schmerzhaft immer tiefer in seine Eingeweide. Bald verlor er die Geduld und trat das Gaspedal durch. Er beschleunigte auf Zweihundert und darüber hinaus; sah die Landschaft nur noch an sich vorbeihuschen, bis ihm klar wurde, dass ihm das auch nicht weiterhalf. Ruckartig nahm er den Fuß vom Gas und atmete tief durch.

Längst war der Geschäftstermin vergessen, Simon wollte nur noch von dieser Autobahn runter. Er war schon beinahe so weit, dass er auf dem Seitenstreifen anhalten und aussteigen wollte, als er in der Ferne rechts neben der Strecke ein Gebäude entdeckte. Eine Raststätte.

Gott sei Dank!

Ein befreiender Seufzer entfuhr Simon. Die Last, die seinen Brustkorb zuletzt beinahe zerquetscht hatte, fiel mit einem Mal von ihm ab, und das Stahlseil, das seinen Magen erbarmungslos eingeschnürt hatte, lockerte sich endlich.

Simon nahm die holprige, von Rissen übersäte Ausfahrt und steuerte seinen Wagen über unebenes Kopfsteinpflaster auf den Parkplatz vor der Raststätte. Es wunderte ihn nicht, dass dort nur zwei Autos abgestellt waren. Auch das abgehalfterte Erscheinungsbild des Gebäudes und der Außenanlagen konnte ihn nicht in Erstaunen versetzen. Bei der mageren Kundenfrequenz lohnte sich eine Renovierung sicherlich nicht.

Über vergilbte Papierabfälle hinweg und zwischen ein paar dürren Büschen hindurch bahnte Simon sich seinen Weg. Mit gerunzelter Stirn betrachtete er das Gebäude, von dem der graugelbe Putz großflächig abbröckelte. Niemand machte sich die Mühe, die kleinen Schutthäufchen entlang der Hauswand zu beseitigen, die den Eindruck verstärkten, die gesamte Anlage wäre eine Müllhalde. Der Blick ins Innere der Raststätte war durch die stumpfen, stark verschmutzten Fensterscheiben beinahe unmöglich.

Als Simon den düsteren Gastraum betrat, fiel ihm das antiquierte Mobiliar auf. Überall dunkles Holz, das dringend eines neuen Anstrichs bedurfte, und Möbel von anno dazumal. Die gesamte Einrichtung erinnerte ihn ein wenig an seine Kindertage. Die Zeit schien hier stehen geblieben zu sein.

Am Tisch in der Ecke saß ein Mann mittleren Alters, der, den Kopf auf die Hände gestützt, unentwegt aus dem halbblinden Fenster starrte. Ansonsten war niemand zu sehen. Tresen und Kasse waren verwaist. Unschlüssig blieb Simon stehen und schaute zu dem Gast hinüber, der jedoch keine Notiz von ihm nahm. Er schien tief in Gedanken versunken zu sein.

Simon ging zögerlich auf ihn zu und räusperte sich. »Entschuldigen Sie bitte! Ich fürchte, ich habe mich verfahren. Können Sie mir sagen, wohin diese Autobahn führt?«

Es dauerte eine ganze Weile, bis der Mann langsam den Kopf drehte und Simon anschaute. Sein Blick wirkte seltsam leer, und er reagierte nicht auf die Frage. Vielleicht hatte er Simon nicht verstanden.

»Sprechen Sie Deutsch?«

Der Mann zeigte keine Regung.

»Do you speak English? Français?«

Nichts. Mit unbewegter Miene starrte der Mann Simon aus glanzlosen Augen an – vielmehr starrte er durch ihn hindurch. Er schien Simon gar nicht wahrzunehmen. Nach kurzer Zeit glotzte er wieder aus dem Fenster.

Simon rang um Fassung. Nur ein Gast in dieser gottverlassenen Raststätte, und der stand offensichtlich völlig neben sich!

Als Simon hinter sich ein Geräusch hörte, fuhr er herum. Aus einer Tür neben dem Tresen trat ein älterer Mann, der sowohl Inhaber der Raststätte als auch ein weiterer Gast sein konnte. Auf den ersten Blick war das nicht auszumachen. Simon war es im Grunde egal – Hauptsache, der Alte konnte ihm sagen, wo er hier war. Er ging geradewegs auf den Mann zu.

»Guten Tag! Wie es scheint, habe ich mich verfahren. Können Sie mir sagen, wo ich hier bin?«

Der Alte hatte ein blasses, tief zerfurchtes Gesicht und war schlecht rasiert. Unter seinen Augen hingen mächtige, dunkel verfärbte Tränensäcke. Sein trauriger, fast mitleidsvoller Blick ließ Simon stutzen.

Es dauerte eine Weile, bis der Alte antwortete. »Ja, ich kann Ihnen sagen, wo Sie hier sind«, sagte er bedächtig. »Aber … es wird Ihnen nicht gefallen.«

Simon musste schlucken.

»Wenn Sie hierher gefunden haben«, fuhr der Alte fort, »dann heißt das, dass Sie verloren gegangen sind.«

Mit gerunzelter Stirn fragte Simon: »Wie … wie meinen Sie das?«

»Irgendwann und irgendwo ist Ihr Kontakt zur Welt der Anderen abgerissen. Sie haben eine falsche Abzweigung genommen.«

Simons Stirn glich jetzt einer Kraterlandschaft. »Ja, äh … natürlich«, stotterte er. »Ich … irgendwo bin ich falsch abgebogen, das sagte ich ja. Aber ich verstehe nicht ganz …«

»Es ist im ersten Augenblick auch schwer zu verstehen.« Der Alte schaute kurz zu Boden, dann blickte er Simon in die Augen. »Es geht um Ihre Seele … Sie haben Ihre Seele verloren.«

»Meine … Seele?« Simon machte einen Schritt rückwärts. Der Alte schien nicht ganz bei Verstand zu sein.

»Hierher kommen nur verlorene Seelen. Diese Raststätte ist eine Herberge für die Seelen.« Der Alte machte eine kurze Pause, dann fügte er leise hinzu: »Und wer einmal hergefunden hat, kehrt immer wieder hierher zurück.«

Simon verschlug es die Sprache. Erst der seltsame Gast, und jetzt dieser Kerl …

Verlorene Seelen. Die Raststätte war wohl eher eine Herberge für Spinner! Simon schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht an so etwas wie eine Seele«, sagte er mit belegter Stimme.

»Die Seele hat nicht unbedingt etwas mit dem Glauben zu tun.«

Auf eine religiöse Diskussion wollte Simon sich nun wirklich nicht einlassen. Er wollte nur von hier weg. Also fragte er: »Können Sie mir sagen, wann die nächste Ausfahrt kommt? Ich möchte auf der anderen Seite wieder zurückfahren.«

»Die andere Seite führt genauso nirgendwohin wie diese Seite.«

»Nirgendwohin?«

Der Alte nickte.

Jetzt wurde es Simon langsam zu dumm. »Ich finde auch alleine zurück.« Entnervt machte er kehrt und steuerte auf den Ausgang zu.

In diesem Augenblick wurde die Tür geöffnet, und eine junge Frau mit strähnigen Haaren betrat die Raststätte. Simon blieb stehen, da er sie sonst umgerannt hätte. Die Frau machte einen ungepflegten Eindruck, und ihre eingefallenen Wangen ließen sie älter aussehen, als sie tatsächlich war. Sie beachtete Simon nicht. Ihr Blick war starr geradeaus gerichtet, ging ins Leere. Mechanisch setzte sie einen Fuß vor den anderen, als würde sie einem festgelegten, oft durchlaufenen Programm folgen.

Simon trat zur Seite und machte ihr Platz. Mit einem Kopfschütteln zwängte er sich an ihr vorbei nach draußen. Sind hier alle krank?, fragte er sich, während er mit schnellen Schritten zu seinem Auto lief. Überhastet schloss er die Tür auf, setzte sich hinters Steuer und ließ den Wagen an. Mit aufheulendem Motor stieß er rückwärts aus der Parklücke und schaltete, von einem hässlichen Getriebekrachen begleitet, in den ersten Gang. Dann fuhr er quer über den Parkplatz zur Autobahnauffahrt. Dabei hielt er nach einer Straße ins Hinterland Ausschau, aber es fand sich keine.

Notgedrungen setzte Simon seinen Weg auf der Autobahn fort. Irgendwann musste ja eine Ausfahrt kommen. Irgendwo musste es einen Ausweg geben. Simon gab Gas.

»You can check out anytime you like, but you can never leave!«
Eagles, »Hotel California«

© 2004, 2013 Christian Weis

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