Boneshaker

Steampunk brachte vor einigen Jahren frischen Wind in die von Tolkienklonen und Vampirschnulzen dominierte Phantastik, für manche war es allerdings nur ein laues Lüftchen – es mag jeder selbst beurteilen, wie er dazu steht. Für mich war und ist es eine interessante Facette innerhalb der Phantastik, nicht mehr und nicht weniger. Steam-Punk-Storys im engeren Sinne sind wohl eher dünn gesät, weil neben Dampf und viktorianischem Flair der Punk oftmals fehlt. Mit Genre- und Subgenreeinteilungen ist es immer so eine Sache – ich seh das nicht so eng, zumal Abgrenzungen schwierig und Schubladeneinteilungen für mich allenfalls ein Anhaltspunkt sind. Wer sich mit Steampunk näher beschäftigen möchte, kann dies beim Clockworker ausführlich tun.

BoneshakerIn Cherie Priests Boneshaker finden sich sowohl Steam als auch Punk, es dürfte einer der erfolgreichsten Romane der Gattung sein (1. Platz beim Locus Award, für Hugo und Nebula nominiert). Die Autorin hat ihre Geschichte in Seattle angesiedelt, wo sie während der Entstehung des Romans lebte – allerdings nicht im realen Seattle des Jahres 1863, sondern in einer Alternativwelt. Letztlich sind ja alle Steampunkgeschichten – unabhängig von genrebestimmenden Details oder der Nähe zur Fantasy oder dem Horror – in erster Linie Alternativweltgeschichten.

Bei unterirdischen Bohrungen mit dem von ihm entwickelten Boneshaker hat der Erfinder Leviticus Blue unbeabsichtigt eine Erdspalte unter dem Stadtkern von Seattle geöffnet. Seitdem entweicht dort ein schweres Giftgas, das verheerende Auswirkungen hat und im Volksmund Fraß genannt wird. Nach der Katastrophe ist Blue verschwunden – vermutlich ist er bei dem Unglück ums Leben gekommen. Wer sich dem Gas länger aussetzt und es einatmet, mutiert zum geifernden, nach Fleisch gierenden Zombie. Und diese Fresser machen Jagd auf menschliche Beute. Um eine weitere Ausbreitung des gefährlichen Gases zu verhindern, wurde eine gigantische Mauer um den Stadtkern gezogen. Innerhalb dieser Zone steigt das Gas zwar langsam in die Höhe, dringt aber bislang nicht nach draußen. Nach der Evakuierung verblieb ein Teil der Einwohner innerhalb der Mauer, rein oder raus gelangt man nur durch unterirdische Geheimgänge oder per Luftschiff.

Blues Sohn Zeke, inzwischen sechzehn Jahre alt, kennt seinen Vater nur aus Erzählungen. Ebenso seinen Großvater, der von vielen als Held verehrt wird, weil er damals als Polizist auf eigene Faust Gefängnisinsassen freigelassen und dadurch vor dem Fraß gerettet hat. Geboren wurde Zeke erst nach dem Unglück. Mit seiner Mutter Briar lebt er nahe der Mauer – auf der sicheren Seite. Er will nun endlich den alten Geschichten über seinen Vater und Großvater auf den Grund gehen. Durch einen Tunnel schleicht er sich in den ummauerten Stadtkern. Seine Mutter findet einen Luftschiffkapitän, der ihr hilft, Zeke zu folgen. Beide treffen auf die Bewohner der vergasten Innenstadt – und auf die Fresser. Nur mit Hilfe einiger Überlebenskünstler und deren Hilfsmaschinen gelingt es ihnen unabhängig voneinander, nicht zum Opfer der Zombies zu werden oder selbst zu einem Untoten zu mutieren. Schon bald stoßen sie bis ins unterirdische Reich eines geheimnisumwitterten genialen Technikers und seiner Helfer vor, von dem man munkelt, er könne jener Leviticus Blue sein, der den ganzen Schlamassel verursacht hat …

Im Nachwort schreibt die Autorin, sie habe in ihrem Roman gelegentlich über die Stränge geschlagen, aber schließlich sei es ja genau das, was den Punk im Steampunk ausmacht. Recht hat sie. Auch wenn mich ein paar Details zwischendurch stutzen ließen (unter den tumben Untoten taucht plötzlich ein intelligenter auf, der sich tot stellt, um Menschen in eine Falle zu locken; außerdem wirkt die Darstellung des Technikgenies nicht durchgehend einheitlich), hat Cherie Priest einen prächtigen Roman hingezaubert, der über weite Strecken spannende Unterhaltung bietet. Obwohl es einen jugendlichen Helden gibt, ist Boneshaker beileibe kein Kinder- oder Jugendbuch. Die Horrorelemente sind nicht nur angedeutet, der Überlebenskampf innerhalb der Mauer läuft alles andere als unblutig ab. Wer all dem etwas abgewinnen kann, liegt mit dem Roman genau richtig, zumal Frank Böhmert eine schöne, fluffige Übersetzung abgeliefert hat.

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