In einer anderen Welt

In einer anderen WeltBücherwelten sind auch Wunderwelten – sie sind es für Abermillionen kleine und große Leseratten, und ganz sicher sind sie es auch für die fünfzehnjährige Morwenna und ihre Schöpferin und Schwester im Geiste Jo Walton. Die kanadische Autorin walisischer Abstammung hat mit ihrem Roman Among Others diesen Bücherwelten einen hell strahlenden Kronleuchter spendiert – es sei ihr gedankt! Gleiches gilt für den Golkonda Verlag, der uns die deutschsprachige Ausgabe In einer anderen Welt beschert hat.

Morwenna ist ihren Altersgenossen weit voraus. Sie war schon in ihrer alten Schule Klassenbeste, und nach dem Schulwechsel vom beschaulichen Wales ins steife englische Internat mit all seinen Regeln und Verboten dauert es nicht lange, bis sie auch dort durch exzellente Leistungen auffällt. Unter den Schülern ist sie als einzige Waliserin und Streberin mehr oder weniger isoliert. Seit einem Autounfall, bei dem ihre Zwillingsschwester ums Leben kam, kann sie ein Bein nicht mehr belasten. Wenn die anderen sich im Sportunterricht ertüchtigen, geht sie in die Bibliothek und liest – überhaupt verschlingt sie in ihrer Freizeit ein Buch nach dem anderen, hauptsächlich Science Fiction und Fantasy (von Adams über Brunner, Delany, Heinlein, LeGuin, Tolkien bis Zelazny – Morwennas Leseliste ist eine wahre Fundgrube für jeden Phantastikfan!). Gleichgesinnte findet sie nur in den Mitgliedern des örtlichen Buchclubs und in ihrem Vater, den sie erst vor Kurzem kennengelernt hat. Sie zieht Vergleiche und transportiert die Inhalte ihrer Lektüre in ihre Umgebung – und in ihre mystische Welt voller Feenwesen, die den meisten anderen Menschen nicht zugänglich ist. Nach und nach erfährt man als Leser, wie Phantastik-Literatur und Magie ihr Leben beeinflussen. Dabei darf man sich fragen, was real ist und was sich lediglich in ihrer außergewöhnlichen Gedankenwelt abspielt.

Der Roman ist in Tagebuchform verfasst. Allerdings sind es keine eintönigen, sich immer wieder ähnelnden Einträge, wie man sie von einer pubertierenden Fünfzehnjährigen erwarten könnte. Morwennas kluger Geist, ihr feines, fast übersinnliches Gespür und ihre Gabe, hinter die Dinge zu blicken, formen in einer noch als kindlich-jugendlich erkennbaren, aber oftmals auch ihrer Altersgruppe entrückten Sprache ein mitreißendes, sehr plastisches Abbild ihrer Gedankenwelt.

Among Others wurde mit dem Hugo Award, dem Nebula Award und dem British Fantasy Award ausgezeichnet, außerdem war der Roman für den World Fantasy Award nominiert – das ist schon fast ein Alleinstellungsmerkmal. Zum Buch des Jahres würde ich für 2012 wohl Ted Chiangs Storysammlung Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes wählen, dicht gefolgt von David Maruseks Wir waren außer uns vor Glück. Für 2013 steht In einer anderen Welt ganz oben auf meiner Liste, und die Messlatte liegt damit extrem hoch. Würde ich Hardcover und Paperbacks nicht in verschiedenen Regalen aufbewahren, dann erhielte Jo Waltons Roman einen Platz in der Nähe von Blumen für Algernon von Daniel Keyes und Die Frau des Zeitreisenden von Audrey Niffenegger.

Hannes Riffel hat bei seiner Übersetzung für meine Begriffe sehr gute Arbeit geleistet. Als Leser schwebt man oftmals leicht über dem Grund, ohne die Bodenhaftung ganz zu verlieren. Der Tonfall passt haargenau, die deutsche Fassung bringt Morwennas Stimmung sehr einfühlsam rüber; außerdem das, was Jo Walton beim Schreiben sicherlich auch im Sinn hatte: Bücherwelten sind Wunderwelten – daraus leitet sich ja auch mein Blog-Titel ab.

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