Jagdzeit & Wie ein Schrei im Wind

Auf den Schriftsteller und Drehbuchautor David Osborn wurde ich (wieder) aufmerksam, als kürzlich im ARD-Nachtprogramm der Abenteuerfilm Wie ein Schrei im Wind wiederholt wurde. Der Film ist so alt wie ich, Osborn hat das Drehbuch dazu verfasst. Als ich den Film im Kindesalter zum ersten Mal sah, war ich schwer beeindruckt. Nicht so sehr, weil darin der Trapper La Bete für 1000 Dollar eine junge, stumme Frau kauft und sie gegen ihren Willen in seine Hütte mitten in den kanadischen Wäldern verschleppt. Viel aufregender fand ich damals das Jack-London-Ambiente und La Betes Kampf gegen ein Rudel hungriger Wölfe, nachdem er in eine seiner eigenen Schnappfallen getreten ist und nur noch hinken kann. Die junge Frau, Eve, sorgt sich allein in der Hütte und nimmt schließlich La Betes zweites Gewehr, um nach dem Trapper zu suchen. In dieser Nacht rettet sie ihm zum ersten Mal das Leben. Das zweite Mal nur einige Tage später, als sie ihm das vom Wundbrand vergiftete Bein unterhalb des Kniegelenks mit einer Axt abhackt. Soweit ich mich erinnere, wurde der Film damals im Nachmittagsprogramm ausgestrahlt … Wie sehr das alles einen ungefähr Zehnjährigen auch noch Tage später beschäftigt, ist sicher nachvollziehbar. Der Film ist übrigens heute noch sehenswert.

JagdzeitMindestens genauso aufwühlend ist der Stoff aus Osborns vielleicht bekanntestem Roman Jagdzeit (Open Season). Er wurde 1974 mit Peter Fonda in der Hauptrolle verfilmt. In Deutschland erschien er 1975 zunächst als Fortsetzungsroman im Wochenmagazin stern. Die Verfilmung ist, ebenso wie der Roman, noch immer umstritten. Osborn sah sich sogar genötigt, für die Neuausgabe im Pendragon Verlag in einer Vorbemerkung klarzustellen, dass es ihm um die Darstellung ging, wozu Menschen fähig sind.

Ken, Art und Greg sind für ihre Nachbarn gute, angesehene Durchschnittsamerikaner, aufgrund ihres Studiums vielleicht auch etwas mehr als das. Sie alle haben Familien, und niemand ahnt, was sie treiben, wenn sie sich alljährlich im Herbst auf ihren Jagdausflug begeben. Dort erschießen sie nicht nur jedes Tier, das ihnen vor die Flinte läuft, um es dann in der Regel zum Vermodern oder für Aasfresser liegenzulassen; sie kidnappen dabei stets ein Paar, das sie erst misshandeln und dann als Jagdbeute in den Wald freilassen – mit einem Vorsprung von einer halben Stunde …

Die drei betrachten Jagen als Sport, töten aus Vergnügen. Und da Tiere für ihren Kick nicht ausreichen, treiben sie ihr barbarisches Spiel immer weiter. Man kann sich vorstellen, für welche Aufregung ein Roman dieses Inhalts Mitte der Siebziger gesorgt hat. James Dickeys wenige Jahre zuvor erschienener Thriller Flussfahrt (im Original Deliverance, vielleicht besser bekannt unter dem Filmtitel Beim Sterben ist jeder der Erste) mag Osborn beeinflusst haben, das Setting erscheint ähnlich. Allerdings werden hier nicht die Jäger zum Opfer von irgendwelchen Hinterwäldlern, sie suchen sich ihre menschliche Beute vielmehr gezielt aus. Osborn wechselt immer wieder die Perspektive, schildert die Geschehnisse in jenem abgelegenen Waldgebiet mal aus der Sicht der Jäger, mal aus der Sicht von Martin und Nancy, die ihre jeweiligen Ehepartner betrügen und eigentlich nur ein gemeinsames Wochenende verbringen wollten. Um ihre Haut zu retten, lässt Nancy einiges bereitwillig über sich ergehen, entfremdet sich sogar von ihrem Geliebten, der in dieser Ausnahmesituation nicht so reagiert, wie sie es sich vielleicht erwartet hat.

Im Verlauf des Romans gelingt es einem als Leser nicht immer, Sympathie für die Opfer aufzubringen. Osborn betreibt keine Scharz-Weiß-Malerei, selbst dem Mörder Ken schreibt er Einfühlsamkeit und andere gute Seiten zu. Umso schwerer fällt es einem zu erfassen, warum er und seine Kumpels solche Abgründe auftun und sich darin auch noch pudelwohl fühlen. Das Schlimme ist nicht, dass Osborn solche Charaktere zu den Protagonisten eines Romans macht – das Schlimme ist, dass dies keine Phantastik ist. Man braucht nur die Nachrichten zu verfolgen, um zu sehen, dass Menschen in der Realität zu weit Üblerem fähig sind als die drei Jäger. Und noch etwas thematisiert Osborn sehr geschickt: Wenn die Mörder selbst Gefahr laufen, zum Opfer zu werden, was empfindet man dabei als Leser? Wartet man darauf, dass sie endlich abgeknallt werden wie tollwütige Hunde? Dass Polizei und Gericht die Arbeit abgenommen wird, zumal nicht klar ist, ob die Mörder jemals zur Rechenschaft gezogen werden, wenn sie von ihrem Jagdausflug unbeschadet in ihre Familienidylle zurückkehren? Wohlwissend, dass sie im nächsten Jahr wieder Unbeteiligte aussuchen werden, um sie abzuschlachten … Osborn verlangt seinen Lesern einiges ab; gerade deswegen ist es ein beeindruckender Roman, der einen auch nach seinem Ende noch zu beschäftigen weiß.

David Osborn ist nicht nur für Abenteuer- und Thrillerstoffe gut; er ist ein vielseitiger Autor. Er schrieb unter anderem das Drehbuch zum Miss-Marple-Film 16 Uhr 50 ab Paddington mit der göttlichen Margaret Rutherford.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s