Live-Story (3)

So, es sind nochmal zweieinhalb Seiten dazugekommen, aber jetzt ist Schluss für heute – schließlich will ich später das Champions-League-Finale angucken.

Livestory2013

Als die Dämmerung über Hormsthal hereinbrach, kam Leben in die Neubausiedlung. Hier wohnten überwiegend jüngere Familien, die dem Halloweenfest im Gegensatz du den Alteingesessenen etwas abgewinnen konnten. In den Hofeinfahrten und auf Grundstücksmauern waren Kürbisköpfe aufgereiht wie anderswo Gartenzwerge. Kerzenschein flackerte aus großen Augenhöhlen und weit aufgerissenen Mäulern, und vor manchem Vordach schwangen schwarze Gummispinnen mit fluoreszierenden Körperzeichnungen im lauen Herbstwind hin und her. Nur das Anwesen der Brenners wirkte seltsam farblos.

Dennis stand in seinen ältesten und eben noch mit der Schere extra zerschlissenen Klamotten in der Garageneinfahrt und ließ den Blick schweifen. Die dicke Zombieschminke im Gesicht begann jetzt schon zu jucken, und sie waren noch nicht mal zu ihrer Süßes-oder-Saures-Tour aufgebrochen! Immer musste er auf seine kleine Schwester warten. Weiber!, dachte er. Werden nie rechtzeitig fertig! Sagte sein Vater auch immer, wenn Mutter es nicht hören konnte.

Frank kam aus dem Esszimmer und rollte die Augen mit seinem Bruder im Duett. Frau Brenner hatte ihn weggeschickt, damit sie Hannahs Kostüm in Ruhe verschönern konnte. Als ob es an einem Gespenstergewand etwas zu verschönern gäbe! Weibervolk! In diesem Punkt waren sich die Brenner-Männer einig. Dennis schwor sich, niemals-nie etwas mit so einer dummen Pute anzufangen. Frank war mit Esther auch eingegangen und sicher ein für alle mal von diesem Virus geheilt, der ihm ein bescheuertes Grinsen und einen seltsam geistesabwesenden Blick ins Gesicht gehext hatte.

»Kann sich nur noch um Stunden handeln«, brummte Frank und kratzte sich erst am Hals, dann am Ohr. »Fuck ey, ich glaub, ich krieg die Krätze!«

»Kannst es ja mal mit Waschen probieren.«

»Überleg, was du sagst, wenn du die FSK-16-Phase noch erleben willst!«

Dennis blies die Wangen auf. »Ich wär schon froh, wenn Mama mich in jeden Film ab 12 reinlassen würde.«

Frank zerstrubbelte Dennis’ Haare. »Eine wandelnde Leiche mit Fönfrisur – wo gibt’s denn so was?«

»Sag das mal Mama. Ich hab schon befürchtet, sie lässt mich ’ne Bundfaltenhose anziehen …«

In diesem Augenblick huschte eine Erscheinung in Weiß zwischen den beiden hindurch ins Freie und musste husten, als sie das »Huuhuuuuhh!« zu laut krächzte.

»Ist das nicht ein hübscher Geist?«, fragte Frau Brenner und trat lächelnd in den Flur.

»Mama, hallooo?« Franks Augen quollen beinahe aus den Höhlen. »Es ist Halloweeheeen! Wir gehen weder zum Tanzkurs noch zur Brautschau.«

»Weiß ich doch! Aber ein bisschen Stil muss auch an Halloween sein.«

Der Mund blieb Frank offen stehen. Er deutete auf die beiden halbwüchsigen Vampire, die auf der Straße mit bleichen Gesichtern und rot unterlaufenen Augen vorbeischlenderten. Sie schleiften eine aufgeblasene, mit Spitzenhemdchen und Strapsen bekleidete Sexpuppe hinter sich her, auf deren Hals Bissmale und Blutspritzer gemalt waren. »Das hat Stil!«, versetzte er und kratzte sich erneut am Ohr.

Frau Brenner giftete ihren Sohn an, dann runzelte sie die Stirn. »Hast du was mit den Ohren?«

»Bloß zu laute Musik gehört. Du weißt doch, Mama: Musik muss machen Bumm-Bumm.«

Frau Brenner rückte Frank auf die Pelle und betrachtete seinen Hals aus der Nähe. »Kriegst du einen Ausschlag?«

»Wieso?«

Jetzt sah Dennis es auch. »Mama hat recht: Du kriegst Schweinerotlauf!«

»Echt jetzt?« Entsetzen verjagte das freche Grinsen aus Franks Gesicht. Er schritt zum Garderobenspiegel im Flur und betrachtete die rötliche Linie, die sich über sein Schlüsselbein bis zur Ohrmuschel hinzog. »FUCK EY! Ausgerechnet heute! Bianca ist nachher auch auf Geralds Party.«

»Frank Brenner!«, schimpfte seine Mutter. »Gewöhn dir endlich diese Kraftausdrücke ab. Denkst du, die Mädchen stehen drauf?«

Frank rieb über seinen Hals, weil es jetzt, da er die Rötung gesehen hatte, natürlich noch mehr juckte. »Die Mädels kleiden sich heutzutage im Schlampenlook. Denen macht das nix aus, glaub mir, Frau Brenner.«

© Christian Weis

Livestory2013

Hormsthal ist übrigens der Name einer fiktiven Kleinstadt, den ich schon mehrfach in meinen Geschichten verwendet habe.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s