Live-Story (4)

Beim Schreiben gehe ich meist so vor, dass ich in die Tasten tippe, was mir grad einfällt, ohne gleich am Text herumzufeilen. Wenn ich mal hängenbleibe, schaue ich in der Regel über die letzten Absätze drüber, ändere auch schon mal was und schreibe danach im Idealfall einfach weiter. Somit ist der Text natürlich erstmal eine Rohbaustelle, Feinarbeiten wie Anstreichen, Tapezieren und Vorhänge aufhängen kommen in der Regel erst später dran.

Jetzt geht es aber endlich los mit der Süßes-oder-Saures-Tour. Hier ist mein Sonntagsvormittagspensum:

Livestory2013

»Frank Brenner!«, schimpfte seine Mutter. »Gewöhn dir endlich diese Kraftausdrücke ab. Denkst du, die Mädchen stehen drauf?«

Frank rieb über seinen Hals, weil es jetzt, da er die Rötung gesehen hatte, natürlich noch mehr juckte. »Die Mädels kleiden sich heutzutage im Schlampenlook. Denen macht das nix aus, glaub mir, Frau Brenner.« Er schulterte seinen Rucksack, der für die Halloweenausbeute vorgesehen war.

»Mach mal halblang«, riet sein Vater, der gerade vom ersten Stock herunterkam. »Übertreib es nicht, okay? Das gilt auch für dich, Dennis.«

Dennis protestierte erst mit stummen Blicken, dann verbal: »Ich hab doch gar nichts gesagt!«

»Aber du wolltest«, entgegnete Herr Brenner, »ich seh es dir an der Nasenspitze an.«

»Können wir jetzt endlich lohoos?«, quengelte Hannah und drängte sich zwischen die anderen. Sie zupfte an dem Gespensterkostüm herum, das ihre Mutter aus alten Bettlaken geschneidert hatte, weil sich die Augenschlitze verschoben hatten und sie kaum etwas sehen konnte. »Bis wir auf Tour gehen, hat keiner mehr irgendwelche Süßigkeiten übrig!«

»Sind eh schlecht für die Zähne«, sagte Frank.

»Ich hab noch Milchzähne«, antwortete Hannah spitz, »die fallen sowieso irgendwann aus.«

»O Mann«, brummte Frank und stocherte mit dem kleinen Finger im rechten Ohr herum, »das Jucken macht mich noch wahnsinnig!«

»Bin ich schon längst«, sagte Dennis und ging zur Straße. Etwas leiser fügte er hinzu: »Kein Wunder bei dem Affentheater.«

Frank klopfte seinem Bruder mit der flachen Hand auf den Hinterkopf. »Dann los, bevor du noch Verwesungsgeruch verströmst, du Nachwuchszombie!«

»Und passt auf eure Schwester auf!«, rief Frau Brenner hinterher, während Hannah zu ihren Brüdern aufschloss.

Das Trio drehte sich nicht mehr um, obwohl sie wussten, dass ihre Eltern ihnen hinterherwinkten.

Ist das peinlich, dachte Dennis und beschleunigte seine Schritte. Hoffentlich sieht mich keiner! Wenigstens hatte die Schminke seine Mutter davon abgehalten, ihm einen Kuss auf die Wange zu schmatzen.

»Wo fangen wir an?«, fragte Hannah.

»Bei den Hilperts«, antwortete Frank. »Frau Hilpert steht schon in der Tür und wartet auf uns.«

»Wie nett«, seufzte Dennis. Wenn er und seine Freunde auf der Straße kickten, stand sie auch immer in der Tür oder hinterm Fenster und achtete mit Argusaugen darauf, dass nur ja kein Ball ihren heißgeliebten Blumen die Köpfe abrasierte.

Die Ausbeute waren drei Minitafeln Ritter SPORT, eine Minitüte Gummibärchen und ein dummer Spruch über Hannahs goldiges Gespensterkostümchen. Als die drei von der Haustür zur Straße zurückkehrten, steckte Dennis sich den Zeigefinger in den Mund und simulierte Brechgeräusche.

Frank rülpste so laut, dass selbst Dennis zusammenzuckte.

»Ferkel!«, sagte Hannah und versuchte selbst zu rülpsen, aber es misslang und hörte sich eher wie Grunzen an.

»Üben, üben!«, riefen ihre Brüder gleichzeitig.

Als nächstes kamen die Gehrigs, die Müllers und die Familie Herbolzheimer an die Reihe. Vor dem verwitterten Haus von Alfons Grömling zögerten die drei.

»Ob der olle Alfons uns auch was gibt?«, überlegte Dennis laut.

»Kommt auf einen Versuch an.« Frank stiefelte los, ohne auf seine Geschwister zu warten.

Erst nach dem dritten Klingeln wurde die Haustür einen Spalt breit geöffnet. Ein unrasiertes, zerknittertes Gesicht erschien im Dämmerlicht.

Hannah trat neben ihren großen Bruder und drohte selbstbewusst: »Gib Süßes oder du kriegst Saures!«

»Also«, entfuhr es Alfons Grömling, dessen Miene sich noch stärker verfinsterte, »da hört sich doch alles auf! Haben euch eure Eltern keine Manieren beigebracht?« Er zog die Tür weiter auf. »In der Kirche kriegt man keinen von euch zu sehen, aber wenn’s darum geht, diesen heidnischen Firlefanz zu veranstalten, dann sind die Brenner-Kinder ganz vorn mit dabei. Hätt ich mir denken können!«

»Gibt’s jetzt was oder nicht?«, fragte Frank und schaute angriffslustig drein.

Alfons Grömling verengte die Augen zu Schlitzen. »Und was, wenn nicht, hä?«

Frank holte die pralle Popcorntüte, die sie von den Müllers bekommen hatten, aus seinem Rucksack. Er warf sie in die Luft und klatschte in dem Augenblick in die Hände, als die Tüte nach unten plumpste. Mit einem lauten Plopp regnete es Popcorn auf den Fußabstreifer und in den Hauseingang. Alfons Grömlings Kinnlade klappte nach unten.

»War nur saurer Regen«, kommentierte Frank und wandte sich abrupt um. »Nie ohne Schirm aus’m Haus gehen!« Im Stechschritt marschierte er zur Straße.

Dennis und Hannah folgten ihm. Alfons Grömlings Gekeife konnten sie nicht verstehen, weil an der nächsten Kreuzung eine Gruppe Untoter ihren Zombiewalk mit lautstarkem Stöhnen untermalte.

»Ich hab gedacht, das mit dem Sauren sagt man nur so«, raunte Hannah Dennis zu.

»Na ja, manchmal kriegt man halt doch Saures, wenn man nichts Süßes rausrückt. Hoffentlich verrät der olle Grömling unseren Eltern nichts.«

Als sie die Kreuzung überquert und die Zombies hinter sich gelassen hatten, trafen sie auf eine junge Mutter, die zwei kleine grüne Geistermädchen in Hannahs Alter begleitete. Ihre Jutetaschen waren prall gefüllt.

Auf einer hüfthohen Mauer saßen die beiden halbwüchsigen Vampire, denen jetzt Tomatensaft aus den Mundwinkeln übers Kinn lief. Einer hob den Oberkörper der Sexpuppe an, der andere rammte die lange Klinge seines Küchenmessers in ihren Hals und schüttete roten Saft aus dem Tetrapack auf den Einstich. Der jüngere der beiden schaute den Messerhelden entgeistert an, als die Luft aus der Puppe wich. Das Blut platschte auf die Mauer und den Gehsteig, einem der grünen Geister direkt vor die Füße. Mit einem erschrockenen Aufschrei fasste die junge Mutter die Mädchen an den Händen und suchte schleunigst das Weite.

»Cool«, entfuhr es Frank.

Hannahs entsetzter Blick verriet, dass sie es nicht ganz so cool fand.

Der Vampir mit dem Messer fauchte durch die Reißzähne, dann rannte er den Geistern hinterher. Die junge Frau drehte den Kopf und schrie: »Bleib uns vom Leib!«

Das Messer durchschnitt die Luft und erwischte einen grünen Tüllschleier, der im Wind flatterte. Die Mädchen kreischten auf.

Dennis blieb stehen und fragte: »Sind die besoffen?«

Frank starrte mit rotglühenden Wangen und leuchtenden Augen auf die Szene und knurrte aus tiefster Kehle. Er wirkte belustigt.

© Christian Weis

Livestory2013
Bis jetzt sind es elfeinhalb Seiten bzw. knapp 15.000 Zeichen.

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