Live-Story (5)

Wozu ist ein verregneter Sonntagnachmittag gut? Zum Schreiben beispielsweise! Deshalb will ich mich hier gar nicht über das grausliche Novemberwetter im Mai (mit 7 Grad Mittagstemperatur und Überstunden leistender Heizung …) beschweren, zumal es ja für eine Halloweenstory genau die passende Stimmung geliefert hat.

Hier also die Ausbeute der letzten zweieinhalb Stunden:

Livestory2013

Frank starrte mit rotglühenden Wangen und leuchtenden Augen auf die Szene und knurrte aus tiefster Kehle. Er wirkte belustigt.

Die junge Frau rettete sich mit den Mädchen in eine Hofeinfahrt. Der Vampir stolperte über die Bordsteinkante und schlug der Länge nach hin. Das Messer verschwand zwischen den Rosenbüschen im Vorgarten.

Dennis blickte zu dem anderen Vampir, der von der Mauer gerutscht war und unschlüssig wirkte. Er war höchstens drei Jahre älter als Dennis.

»Übertreibt ihr’s nicht ’n bisschen?«, fragte Dennis und hielt vorsichtshalber Abstand.

Der Vampir schluckte hart. »Ich … äh, keine Ahnung, was in meinen Kumpel gefahren ist. Er wird immer komischer.«

»Was heißt komischer

»Ich weiß auch nicht … auf einmal hat er zu spinnen angefangen. Ich glaub, der ist übergeschnappt.« Unvermittelt drehte er sich um und rannte in Richtung Innenstadt.

Der andere Vampir wand sich stöhnend am Boden und fasste sich an den Knöchel. Seine Schminke hinterließ eine weiß-rote Spur auf dem Gehsteig.

Noch ehe Dennis sich versah, hatte Frank ihn am Handgelenk gepackt und zerrte ihn weiter zum nächsten Haus. Hannah stand starr vor Schreck mitten auf der Straße und schaute ihnen hinterher.

»Nun komm schon«, rief Frank ihr zu, »weiter geht’s!«

Hannah rührte sich nicht vom Fleck. »Ich will aber nicht weiter, ich will nach Hause.« Ihre Stimme zitterte.

»Quatsch!« Frank drehte sich um. »Wir haben doch grad erst angefangen. Jetzt wird’s erst richtig lustig!«

Das fürchtete Dennis auch, der sich von seinem Bruder losriss und den am Boden liegenden Vampir nicht aus den Augen ließ. Dieser Irre kroch doch tatsächlich zwischen die Rosenbüsche und suchte nach seinem Messer. Bestimmt war er stockbesoffen.

»Lasst uns in den Wiesenweg gehen«, schlug Dennis eilig vor, um aus der Gefahrenzone wegzukommen. »Hier wohnt eh keiner mehr, der uns Süßigkeiten gibt.«

Frank kratzte sich im Ohr. »Von mir aus.« Er nahm seine Schwester an der Hand und marschierte los. Hannah sträubte sich dagegen und wäre beinahe gestolpert, wenn Dennis sie nicht gestützt hätte. Sie konnten Franks Tempo kaum mithalten, doch Dennis war es recht, wenn sie nur schnell von hier verschwanden. Dieser Vampirblödmann war unberechenbar.

Im Wiesenweg steuerte Frank direkt auf das Haus von Helmut Lehmann zu, dem Cousin ihrer Mutter. Dort stupste er Hannah unsanft an, damit sie vor die Haustür trat. Er klingelte, wandte sich ab und bückte sich.

Während Hannah ihr Kostüm zurechtzupfte, blieb Dennis ein paar Schritte zurück und legte die Augen raus, als er sah, wie Frank einen tönernen Blumentopf hochhob.

Irgendwo in der Ferne erklang eine Polizeisirene. Vielleicht war es auch ein Krankenwagen.

Als die Tür geöffnet wurde, setzte Hannah zu ihrem Spruch an, kam jedoch nur bis zum »oder du kriegst«, weil Frank plötzlich neben sie trat und mit einem »Saures!«-Aufschrei den Blumentopf direkt vor Helmuts Füße schleuderte, wo er in tausend Teile zerbarst. Tonscherben, Blumenerde und Grünzeug ergossen sich über die Bodenfliesen im Hauseingang.

Helmut zuckte zurück, aber es war zu spät. Seine Füße und Hosenbeine bekamen eine Ladung Dreck ab. Er ruderte mit den Armen, verlor aber den Kampf mit dem Gleichgewicht. Hart knallte er mit dem Hintern auf den Marmorboden und stieß einen erstickten Schrei aus.

Frank stand breitbeinig da und grinste übers ganze Gesicht. Er wurde aus drei Augenpaaren angestarrt und schien es zu genießen.

Helmut saß im Dreck und wechselte fragende Blicke mit Dennis und Hannah, dann schaute er wieder zu Frank auf. »Also, hör mal …«

»Spinnst du jetzt komplett?«, fragte Dennis und zog Hannah von ihrem Bruder weg.

Helmuts Frau Magda erschien im Hausflur und schlug entsetzt die Hände vors Gesicht. »Um Himmels willen, was ist denn hier los?«

»Halloween!« Frank lachte und kickte eine große Tonscherbe auf den Rasen. Gutgelaunt spazierte er über den gepflasterten Vorgartenweg, als wäre nichts vorgefallen.

Als er den Gehsteig erreichte, schoss ein dunkler Wagen ohne Licht auf der Straße im Wahnsinnstempo vorbei und hätte ihn um ein Haar über den Haufen gefahren. Doch das schien ihn nicht zu bekümmern. Im Gegenteil: Er lachte und konnte sich gar nicht mehr einkriegen. Kurz darauf verschwand er hinter der Hecke.

Irgendwo in der Nachbarschaft zersplitterte Glas, und zu der Polizeisirene in der Ferne gesellte sich eine weitere ganz in der Nähe.

»Der is’ total irre!« Dennis schnappte nach Luft.

Helmut erhob sich ächzend, seine Frau half ihm auf die Beine. »Hat Frank etwas getrunken?« Fragend schaute er Dennis an, während er sich über das schmerzende Steißbein rieb.

Dennis zuckte die Achseln. »Nicht, dass ich wüsste. Frank ist nicht der einzige, der plötzlich ausflippt.«

»Ich hab es ja immer gesagt, Helmut«, ereiferte sich Magda, »dieses Heidenfest bringt nur Unheil!«

»Ach was, Magda, das hat damit doch gar nichts zu tun. An Fasching lassen die jungen Leute auch mal die Sau raus. Wir waren auch mal in dem Alter.«

Magdas Wangenmuskeln zuckten hektisch. »So waren wir nicht! Unsere Eltern hätten uns den Hintern versohlt.« Sie starrte auf den Scherbenhaufen vor ihren Füßen.

In diesem Moment fielen irgendwo in der Siedlung Schüsse.

Hannah fing an zu heulen.

Jetzt wurde auch Helmut blass. »Am besten, wir gehen erst mal rein.«

Das ließen sich Dennis und Hannah nicht zweimal sagen.

»Schuhe ausziehen!«, ordnete Magda an. »Sonst tragt ihr mir den ganzen Dreck ins Haus. He, hört ihr nicht?«

Hannah ging einfach weiter, Dennis folgte ihr.

»Lass sie«, sagte Helmut und brachte seine Frau damit zum Verstummen.

Im Wohnzimmer zog Hannah ihr Kostüm über den Kopf, Dennis half ihr dabei. Sie setzte sich auf die Couch und rieb sich die feuchten Augen. Im Fernsehen lief gerade die Sportschau.

© Christian Weis

Livestory2013

Einen Titel hab ich für die Geschichte immer noch nicht. Eingefallen ist mir bisher nur „Süßes und Saures“ oder „Süßsauer“ – Meinungen dazu?

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