Live-Story (6)

Gestern hab ich einen Tag ausgesetzt, dafür sind heute Abend wieder zweieinhalb Seiten bei meiner Halloween-Story dazugekommen:

Livestory2013

Im Wohnzimmer zog Hannah ihr Kostüm über den Kopf, Dennis half ihr dabei. Sie setzte sich auf die Couch und rieb sich die feuchten Augen. Im Fernsehen lief gerade die Sportschau.

»Ich ruf besser eure Eltern an«, sagte Helmut, »damit sie sich keine Sorgen machen.« Mit einem besorgten Seitenblick auf Magda ging er nach nebenan.

Dennis schüttelte unentwegt den Kopf. »Die spinnen alle.«

»Das kommt nur von den Amis!«, schimpfte Magda. »Wir müssen ja alles von denen übernehmen, auch dieses Heidenfest.«

»Halloween kommt nicht von den Amis«, widersprach Dennis, »es stammt aus Irland, und dort sind alle katholisch, sagt Mama.«

»Unsinn!«, entgegnete Magda. »Der ganze Schund kommt über den großen Teich. McDonald’s und der Popcorndreck im Kino – alles made in USA!« Sie sprach made fast wie die Made aus.

Dennis wurde unwillkürlich an das orangefarbene Ungeziefer erinnert, das aus dem Kürbis gekrochen und Frank quasi auf den Schoß gehüpft war. Er runzelte die Stirn.

Helmut unterbrach seinen Gedankengang, als er zurückkehrte. »Euer Vater holt euch gleich mit dem Auto ab.«

Livestory2013

Wenige Minuten später hielt ein Wagen vor dem Grundstück. Dennis und Hannah sprangen von der Couch auf und rannten hinaus auf den Korridor. Helmut überholte sie und spähte durch den Glaseinsatz in der Haustür nach draußen.

»Es ist euer Vater.« Er öffnete die Tür.

Herr Brenner stieg aus dem Auto und blickte sich nach allen Seiten um, während er das Grundstück betrat.

»Papa!« Hannah rannte ihm entgegen und sprang an ihm hoch.

»Hier, das habt ihr vergessen«, sagte Magda und reichte Dennis das Gespensterkostüm mit spitzen Fingern.

Herr Brenner kam mit Hannah zur Haustür und betrachtete den Schlamassel am Boden. »Den Schaden ersetze ich euch natürlich.«

»Das regeln wir ein andermal«, entgegnete Helmut. »Seht jetzt besser zu, dass ihr heimkommt. Wie es scheint, sind noch mehr Durchgeknallte auf der Straße unterwegs.«

»Frank ist doch nicht durchgeknallt«, widersprach Herr Brenner, »er ist nur …«

Helmut winkte ab. »Schon gut! Wir waren alle mal in dem Alter.«

»Okay.« Herr Brenner nickte erst Helmut, dann Magda zu, die mit verschränkten Armen und zuckenden Nasenflügeln neben ihrem Mann stand. »Danke für alles. Helmut, wir telefonieren morgen.«

Im Auto bestand er darauf, dass die Kinder sich anschnallten, auch wenn sie nur ein paar Straßen weiter zu Hause waren. »Wo ist Frank langgegangen?«, fragte er, als das erledigt war.

Dennis saß auf dem Beifahrersitz. Er deutete in die Richtung.

»Dann fahren wir da lang«, sagte Herr Brenner, »vielleicht sehen wir ihn irgendwo.«

»Ich will nach Hause«, schluchzte Hannah im Fond des Wagens.

»Da fahren wir auch hin, Spatz. Nur eben außenrum.«

Er schaltete das Fernlicht ein und erfasste auf der übernächsten Kreuzung eine Gruppe Maskierter, die mit Stöcken auf jemanden einschlugen, der am Boden lag.

»Nicht da lang!«, flehte Hannah.

»Nein, wir biegen vorher ab.«

»Und wenn sie ihn totschlagen?«, fragte Dennis.

»Das werden sie nicht.« Herr Brenner klang nicht überzeugend, auch wenn er sich darum bemühte. »Außerdem ist überall Polizei unterwegs, ihr habt die Sirenen doch gehört.« Mit einem Seitenblick raunte er Dennis zu: »Jag deiner Schwester bitte nicht noch mehr Angst ein!«

»Ich sag ja schon gar nichts mehr.«

»So hab ich es nicht gemeint. Was war denn nur mit Frank los?«

»Er hat sich andauernd gekratzt und war auch sonst ganz komisch. Den Blumentopf hat er einfach so vor Helmuts Füße gepfeffert, ohne Grund.«

Wenige Meter nach der nächsten Kurve stieg Herr Brenner hart in die Eisen. Drei Wagenlängen weiter vorn lag jemand halb auf dem Gehsteig, halb auf der Straße.

»Das ist Frank!«, rief Dennis aus.

»Ihr bleibt sitzen!« Herr Brenner ließ den Motor laufen, als er aus dem Auto stieg. Mit langen Schritten näherte er sich seinem Ältesten.

© Christian Weis

Livestory2013

So weit also für heute. Bislang sind es knapp 17 Standardseiten, und es werden jetzt doch wohl deutlich mehr als 20. Mal sehen, für den Schluss hab ich mehrere Optionen im Kopf.

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