Live-Story (7)

Dank Fronleichnam – in Bayern ein Feiertag – bin ich heute Vormittag ein gutes Stück vorangekommen.

Livestory2013

»Das ist Frank!«, rief Dennis aus.

»Ihr bleibt sitzen!« Herr Brenner ließ den Motor laufen, als er aus dem Auto stieg. Mit langen Schritten näherte er sich seinem Ältesten.

Dennis und Hannah lösten ihre Sicherheitsgurte, um besser sehen zu können. Ihr Vater packte Frank unter den Achseln und schleifte ihn zum Fahrzeug. Keuchend und einen Fluch unterdrückend hievte er ihn in den Fond des Wagens.

»Was ist mit ihm?«, fragte Dennis und schaute über die Kopfstütze nach hinten.

»Er kommt nicht zu sich, scheint aber nicht verletzt zu sein.« Herr Brenner warf Dennis einen prüfenden Blick zu. »Sei ehrlich: Hat Frank unterwegs Alkohol getrunken? Oder was anderes genommen?«

Dennis schüttelte entschieden den Kopf.

»Na gut.« Herr Brenner atmete tief durch. »Bringen wir ihn nach Hause. Wenn wir ihn dort nicht wachkriegen, ruf ich den Notarzt.«

Livestory2013

Frau Brenners Augen quollen beinahe aus den Höhlen, als ihr Mann im Schweiße seines Angesichts den besinnungslosen Frank auf die Wohnzimmercouch beförderte. Er erzählte ihr mit wenigen Sätzen, was vorgefallen war, während er das Telefon zur Hand nahm und wählte.

»Scheiße, alle Leitungen in der Notrufzentrale besetzt.«

Frau Brenner vergaß, ihren Mann wegen des Kraftausdrucks zu ermahnen und sagte: »Wenn da draußen tatsächlich das Chaos ausgebrochen ist, wundert mich das nicht.«

»Iiiiiiiiihh!«

Hannahs Aufschrei ging allen durch Mark und Bein. Sie lenkte die Blicke auf Frank – vor allem auf sein rechtes Ohr, aus dem jetzt die orangefarbene Made herausschaute, die am Vormittag dem Kürbis entschlüpft war. Seitdem schien sie gewachsen zu sein. Flink schlängelte sich das Biest aus dem Gehörgang heraus und zog auf der Couchlehne eine schleimige Spur hinter sich her. Sie war mittlerweile gut und gern acht Zentimeter lang.

»Macht sie kaputt!«, schrillte Hannahs Stimme durchs Wohnzimmer. »Macht sie kaputt!«

Herr Brenner wollte mit dem Telefon zuschlagen, besann sich aber dann eines Besseren. Im nächsten Moment plumpste die Made auf den Teppich und kroch unter die Couch.

Dennis konnte sich nicht bewegen. Vor seinem geistigen Auge schlüpfte das Madenvieh noch einmal aus Franks Ohr. Diesmal hatte es dunkle, verschlagene Augen und ein kleines Maul, das es zu einem breiten Grinsen verzog. Mit einer großen Kraftanstrengung schüttelte Dennis sich den Ekel aus den Gliedern, das Trugbild verschwand. Er fragte sich, ob sein Bruder überhaupt noch lebte. So groß, wie das Biest inzwischen war, musste es Übles in Franks Kopf angerichtet haben. Ein mattes Stöhnen von der Couch ließ Dennis aufatmen.

Herr Brenner ging auf die Knie und spähte unter die Couch, konnte aber die Kürbismade nirgends entdecken. »Holt mir mal jemand eine Taschenlam…«

»Da vorn ist sie!«, rief Frau Brenner und deutete zur Tür.

Das Biest kringelte sich gerade hinaus auf den Korridor und aus dem Blickfeld. Dabei legte es ein Tempo vor wie eine Schlange auf Beutezug.

Dennis stand der Tür am nächsten und folgte der Kürbismade, ohne groß darüber nachzudenken. Das Biest war schon fast an der Haustür, wo es sich lang streckte und dadurch dünner wurde. Unglaublich dünn. Es quetschte sich unter dem Türspalt hindurch, blieb dabei stecken, wand sich hin und her und schlüpfte schließlich ins Freie.

»Das gibt’s doch nicht!«, entfuhr es Herrn Brenner, der hinter Dennis getreten war und es ungläubig mitangesehen hatte. »Was ist das nur für ein Ding?«

Er schritt eilig zur Haustür und riss sie mit einem Ruck auf.

Dennis’ »Nicht!« kam zu spät. Durch die weit geöffnete Tür blickte er an seinem Vater vorbei und entdeckte das orangefarbene Knäuel, das sich in der Garageneinfahrt seltsam pusierend hin und her bewegte, als würde es ungeduldig auf etwas warten. Es veränderte ständig seine Form, doch es war unschwer erkennbar, dass es sich dabei ebenfalls um eine Kürbismade handelte – nur war dieses Exemplar um ein Vielfaches größer. Die Monstrosität dehnte sich, wurde immer länger und schlanker und kroch der kleinen Made entgegen, die ihren großen, inzwischen etwa oberschenkeldicken Bruder beinahe erreicht hatte.

Erst jetzt erkanntes Dennis, was er dort vor sich hatte: Die Riesenmade bestand aus hunderten, vielleicht tausenden kleiner Exemplare, die wie ein glitschiger Fischschwarm alle die gleichen Bewegungen vollführten, als ob sie von einem Zentralgehirn gesteuert werden würden; zusammengehalten von einem gallertartigen Schleim, den auch die kleine Made im Wohnzimmer abgesondert hatte. Das Schwarmgeschöpf nahm Franks Made in sich auf, rollte sich um die eigene Achse und glitt über die Einfahrt auf den Gehsteig. Im Licht der Straßenlaterne leuchtete der seltsame, zwei Meter lange Lindwurm in einem grellen Orange, als würde er von innen heraus glühen. Wenige Augenblicke später war er hinter der Grundstücksmauer verschwunden.

Nur die Polizeisirenen in der Ferne übertönten die Stille, die sich über den Straßenzug gelegt hatte.

Dennis verspürte den Drang, aufs Klo zu müssen, hielt es aber gerade noch zurück.

»Has… hast du das gesehen?«, fragte sein Vater.

Er nickte stumm. Sprachlosigkeit war ansonsten nicht sein Problem, aber hierzu fiel ihm nichts mehr ein.

Ein schrilles Kreischen aus dem Haus sorgte dafür, dass beide die Köpfe drehten. Es war unverkennbar Hannah gewesen. Herr Brenner reagierte als Erster und rannte hinein, Dennis folgte ihm.

Im Wohnzimmer standen Frau Brenner und Hannah vor der Couch und starrten auf Frank, der wie im Fieberwahn stöhnte. Aus seinem Ohr schlüpfte eine weitere Made und glitt auf die Polsterlehne. Mit einem Aufschrei packte Frau Brenner ihre Tochter und zog sie von der Couch weg. Die Kürbismade schlängelte sich hinterher.

Herr Brenner wollte sie zertreten, doch sie wand sich blitzschnell aus der Gefahrenzone, als hätte sie überall Augen, die ihr einen Rundumblick ermöglichten. Er stöhnte, als er hart mit dem Fuß auf den Boden stampfte. Mit einem gepressten »Scheiße!« auf den Lippen griff er sich an den Knöchel und humpelte zum Tisch, um sich dort abzustützen.

Er warf Dennis einen flehenden Blick zu, und der verstand. Aber er wollte nicht den gleichen Fehler begehen wie sein Vater.

»Bin gleich wieder da!« Dennis machte auf dem Absatz kehrt.

Während seine Mutter und Hannah vor der Kürbismade bis zur Schrankwand zurückwichen, eilte er ins Bad und schnappte sich die Haarspraydose seiner Mutter. Im Korridor zog er hastig die Garderobenschublade auf und fingerte das Stabfeuerzeug heraus, mit dem seine Mutter immer die Friedhofskerzen anzündete. Dann hetzte er ins Wohnzimmer zurück.

Dort blickte er in die schreckensgeweiteten Augen seiner Mutter und seiner Schwester. Sie lehnten am Schrank, weiter zurück ging es für sie nicht mehr. Die fingerlange Made verharrte zwischen ihnen und der Couch und schnitt ihnen den Fluchtweg zum Flur ab.

»Mach schnell!«, rief Herr Brenner, der sofort erkannte, was sein Sohn vorhatte.

Eigentlich wollte Dennis sich mit dem Kriegsschrei »Grillfest!« auf das Biest stürzen wie kürzlich, als er mit seinen Freunden ein paar Spielzeugpanzer abgefackelt hatte, doch es kam ihm nicht über die Lippen. Mit zitternden Händen näherte er sich der Made und fürchtete, der Wackelpudding in seinen Knien würde ihn zu Boden sinken lassen, bevor er in Schussweite kam. Als er die Spraydose in Position brachte, entglitt ihm das Gasfeuerzeug aus der Linken.

»Scheiße!«, entfuhr es seiner Mutter. »Gottverdammte Hühnerkacke! Verbrenn dem Scheißvieh den Pelz!«

Selbst die Kürbismade wirkte durch den kleinen Vulkanausbruch irritiert. Herr Brenner starrte seine Frau ungläubig an.

© Christian Weis

Livestory2013

Mittlerweile sind es knapp 22 Standardseiten oder 31.000 Zeichen, und ich muss langsam aufpassen, dass ich den Rahmen der Kurzgeschichte nicht sprenge. Mal sehen, ob ich den groben Plan, den ich im Kopf habe, so weiterverfolge oder etwas abändere.

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