Live-Story (8)

In der Regel schreibe ich meine Geschichten chronologisch nieder, gelegentlich ziehe ich aber auch mal eine Szene vor, die an sich erst später kommt. Bei meiner Halloween-Story bin ich heute irgendwie hängengeblieben, weil mir klar wurde, dass das, was mir vorschwebt, wohl noch 10 bis 15 Seiten benötigt. An sich soll das Ganze aber eine Kurzgeschichte werden, keine Novelle. Also hab ich erst mal einen Entwurf der Schlussszene geschrieben und muss mir überlegen, ob ich mit dem letzten Drittel der Story wie geplant weitermache oder ob es auch kürzer geht.

Dieser Schluss zeigt, welche Idee hinter der Story steckt: eine ganz eigene Neuinterpretation der Halloweensage um Jack Oldfield bzw. Jack O’Lantern.

Livestory2013

Auf den Hügeln über Hormsthal stand ein klapperiger Lieferwagen im Schatten einer großen Eiche. Das Mondlicht erhellte nur die offene Ladeklappe am Heck und den Hang, der sich vom Stadtrand heraufzog und neben Fliederbüschen und Johannisbeersträuchern zwei einsame, verkrüppelte Birken beherbergte. Auf die Seitenwände des Kleinlasters hatte ein begnadeter Künstler Salat, Gemüse und Kürbisse gemalt. Den Namen des fahrenden Händlers, der darunter zu lesen war, würde man in keinem Branchenverzeichnis finden. Adresse und Telefonnummer existierten nicht wirklich.

Der Händler, dessen Alter schwer zu bestimmen war, saß hinterm Steuer und wartete auf den Wurm. In den letzten Tagen hatte er dessen Setzlinge auf dem Hormsthaler Markt unter die Stadtbewohner gesät. Man musste nur den Preis entsprechend niedrig wählen, schon wurde einem die Ware aus den Händen gerissen. Das wusste er von anderen Märkten, von den vielen Kleinstadtmärkten in so vielen Ländern, die er jeweils gegen Ende des Monats Oktober heimgesucht hatte.

O ja, eine Heimsuchung war es sehr wohl, nur merkten es die Marktbesucher erst, wenn es zu spät war. Die Samhainfrucht spross und gedieh im Fleisch der Kürbisse, zu wahrer Größe heranwachsen und sich teilen konnte sie jedoch nur im menschlichen Gehirn. Dort nährte sie sich von bösen Gedanken, während sie die Wirtskörper allmählich unter Kontrolle brachte und letztlich irreparabel schädigte.

Im Lauf der Jahre war der Wurm gewachsen, und wenn er endlich seine alte Größe wieder erreicht hatte, dann war die Aufgabe des Händlers beendet; jene stattliche Größe, die er gehabt hatte, bevor dieser Jack Oldfield mit Feuer und Schwert den Großteil des Schwarms vernichtet hatte.

Der Kirchturm schlug Mitternacht. Halloween war vorüber. Der Händler blickte den Hang hinunter und erwartete den Wurm.

© Christian Weis

Livestory2013

Grundsätzlich stellt sich die Frage: Wie lang darf eine Kurzgeschichte sein, wo ist die Grenze zwischen Kurzgeschichte und Novelle?

Im deutschsprachigen Raum lässt sich die Frage gar nicht so leicht beantworten, weil es keine offizielle Längeneinteilung gibt wie etwa im angloamerikanischen Sprachraum. Dort gibt es bei Genre-Literaturpreisen oftmals vier Kategorien: Kurzgeschichte (Short Story), Novelle (Novelette), Kurzroman (Novela) und Roman (Novel). Um die einzelnen Sparten voneinander abzugrenzen, wurden Maximallängen definiert: Die Kurzgeschichte darf bis zu 7.500 Wörter lang sein, die Novelle bis zu 17.500 Wörter, der Kurzroman bis zu 40.000 Wörter, alles darüber hinaus rangiert in der Kategorie Roman (dies gilt z.B. für den Hugo Award und den Nebula Award in der SF, beim Bram Stoker Award sind die Kategorien Novelette und Novela zu Long Fiction zusammengefasst).

Hierzulande wird die Textlänge in aller Regel nicht nach Wörtern bemessen, sondern nach Zeichen inklusive Leerzeichen (beides lässt sich in Word mit wenigen Klicks und der Funktion „Wörter zählen“ ermitteln). Allerdings gibt es keine Grenzlinie zwischen den einzelnen Kategorien, der kleinste gemeinsame Nenner für die Kurzgeschichte ist wohl die Feststellung, dass der Text in einem Rutsch gelesen werden kann. Aber das ist natürlich eine sehr grobe Einteilung. Beim Kurd-Laßwitz-Preis (also dem deutschsprachigen SF-Preis, bei dem professionell und semiprofessionell im Bereich der Science Fiction Tätige abstimmen dürfen) hat man die Grenzlinie laut Statuten bei 100 Seiten gezogen: Alles bis 100 Seiten wird der Kategorie Kurzgeschichte zugeordnet, alles über 100 Seiten gilt als Roman. Früher gab es auch eine Zwischenform (Novelle und Kurzroman wurden als Erzählung bezeichnet), aber da immer weniger Erzählungen dieser Länge publiziert wurden, hat man Erzählung und Kurzgeschichte kurzerhand in einer Kategorie zusammengefasst. Die Seitenangabe ist aber auch relativ vage, denn eine Seite kann man mit mehr oder weniger Text füllen … Ich nehme an, dass hiermit sogenannte Standardseiten gemeint sind, die 30 Zeilen à 60 Zeichen beinhalten – maximal also 1.800 Zeichen inklusive Leerzeichen, die allerdings nie erreicht werden, denn nicht jede Zeile wird bis zum Ende gefüllt. Je mehr Absätze sich auf einer Seite finden, desto weniger Zeichen beinhaltet sie. Dialoglastige Texte haben weniger Zeichen pro Seite, Fachtexte mit vielen langen Fachbegriffen deutlich mehr. Ich hab mal aus mehreren Storys von mir einen Durchschnitt von 1.500 Zeichen inklusive Leerzeichen (oder 235 Wörtern) pro Standardseite errechnet. Für die angloamerikanischen Kategorien bedeutet dies in etwa:

Kurzgeschichte: bis 30 Standardseiten oder 45.000 Zeichen
Novelle: 31 bis 75 Standardseiten oder 45.001 bis 112.500 Zeichen
Kurzroman: 76 bis 170 Standardseiten oder 112.501 bis 255.000 Zeichen
Roman: ab 171 Standardseiten oder 255.001 Zeichen

Wie gesagt, dass ist nur eine ungefähre Übertragung der angloamerikanischen Kategoriegrenzen in die Maße, die hierzulande üblich sind, keine offiziell gültige Einteilung. Aber auf meine Halloween-Geschichte bezogen bedeutet es: Über 30 Seiten möchte ich keinesfalls hinauskommen. Also überlege ich mir, wie ich den Schluss gestalte, um dieses Ziel zu erreichen (und nach Möglichkeit deutlich unter 45.000 Zeichen zu bleiben).

2 Antworten zu “Live-Story (8)

  1. Danke für den hilfreichen Beitrag zu den Literaturformen! Anhand der errechneten angloamerikanischen Kategorien lassen sich Kurzgeschichte – Novelle – Kurzroman – Roman gut unterscheiden. Sicherlich gehen die Definitionen auseinander. Die Kategorien bieten aber eine gute Orientierung. Auch im Hinblick auf die eigenen Geschichten, wenn man sich mal wieder fragt, was man da eigentlich gerade geschrieben hat … Ist es noch eine Kurzgeschichte? Eher Novelle? Oder schon ein (Kurz-)Roman? :-)

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