Osama

OsamaPrivatdetektiv Joe wird von einer mysteriösen Frau beauftragt, Mike Longshott aufzusprüen, den Autor der Schundroman-Serie Osama bin Laden: Vergelter. In Joes Welt hat es zwar einen 11. September 2001 gegeben, aber keinen Terroranschlag auf das World Trade Center. Bin Laden existiert nur als Romanfigur. Sowohl der Verlag, der die Vergelter-Bücher herausgibt, als auch der Autor sind für Joe allerdings nicht so einfach greifbar. Seine Suche nach Longshott führt ihn letztlich um die halbe Welt – eine Welt, in der es keinen real existierenden Terrorismus gibt, wie wir ihn aus den Nachrichten kennen, was jedoch nicht heißt, dass es eine heile Welt wäre. Im Verlauf der 300 Seiten wird die Geschichte immer rätselhafter und verworrener. Bald lässt sich erahnen, dass Lavie Tidhar seinen Roman Osama nicht auf einer geradlinigen Erzählstruktur aufgebaut hat. Philip K. Dick lässt grüßen.

An dieser Stelle eine Warnung an alle, die das Buch noch lesen wollen: Mehr als das bisherige kann man kaum zu Osama sagen, ohne spoilernd auf gewisse Dinge einzugehen. Also besser jetzt nicht weiterlesen, wer die Lektüre des Romans noch vor sich hat und sich überraschen lassen will.

Das erste Drittel erscheint noch wie ein konventioneller Hardboiled-Detektiv-Roman, wobei Tidhars Stil Osama über 08/15-Werke hinaushebt. Dann beginnen sich so langsam die Erzählebenen zu verschieben, was dem Leser hohe Aufmerksamkeit abverlangt, weil man sonst schnell den Faden verlieren kann. Joe sucht Opiumhöhlen und einen Osama-Con auf, eine Frau verschwindet plötzlich vor seinen Augen, außerdem muss er sich gegen die Agenten eines mysteriösen Geheimdienstes verteidigen. Zum Ende hin lösen sich die einzelnen Ebenen beinahe auf; jedenfalls ist es mir schwer gefallen, jedes Kapitel noch einer bestimmten Ebene zuzuordnen. Insofern hielt sich meine Begeisterung in dieser Phase auch in Grenzen, weil mir vieles zu surreal erschien. Schwer beeindruckt hat mich aber das Ende dann doch, obwohl es eigentlich kein richtiges Ende gibt: Direkt an den Roman schließt sich Lavie Tidhars Biographie an, und an der Stelle wurde mir klar, welche persönlichen Erlebnisse des Autors in diese surrealen Romanszenen eingeflossen sind. Die Einsortierung der biographischen Daten genau an dieser Stelle macht deutlich, dass Tidhars Erfahrungen eben ein Teil des Romans sind. Und die Verwirrung des Lesers und sein Versuch, gewisse Details in den Gesamtkontext einzuordnen, spiegeln die Verwirrung und den Versuch des Autors wider, mit diesen Erlebnissen fertigzuwerden (denn völlig verstehen kann man Tod, Verstümmelung und Zerstörung durch Terroranschläge wohl nicht – also kann man auch als Leser nicht jedes Detail zweifelsfrei einordnen).

Tidhars Roman gewann 2012 den World Fantasy Award und lag damit vor Jo Waltons In einer anderen Welt, der mir persönlich besser gefallen hat. Trotzdem kann ich die Auszeichnung nachvollziehen, denn Osama ist ebenso wie In einer anderen Welt ein außergewöhnliches Beispiel in der Genreliteratur, das zeigt, dass man abseits von festgefahrenen Pfaden originelle Geschichten erzählen (oder als Leser entdecken) kann, die einem länger im Gedächtnis bleiben als bis zum Zuklappen des Buchdeckels.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s