Wiederentdeckt: Die Wespenfabrik

Die Wespenfabrik war mein erster Iain-Banks-Roman (muss kurz vor der Jahrtausendwende gewesen sein). Dass ich ihn jetzt nochmal gelesen habe, hat drei Gründe: Zum einen bevorzuge ich momentan mangels Zeit (und mangels Lust, mich durch aberhunderte Seiten aufgeblähter Romane hindurchzuquälen) kürzere Romane, zum anderen gehört Die Wespenfabrik zu den Büchern, die ich schon länger mal wieder lesen wollte. Der dritte Grund ist ein trauriger: Iain Banks ist am 9. Juni seinem Krebsleiden erlegen.

Die WespenfabrikFrank Cauldhame ist zwar beinahe volljährig, benimmt sich aber in vielerlei Hinsicht wie ein Zwölfjähriger. Seine familiären Verhältnisse sind, gelinde gesagt, schwierig: Er lebt mit seinem strengen und kauzigen Vater auf einer abgeschotteten Insel. Seinen Bruder Paul und zwei andere Kinder hat er auf dem Gewissen. Sein Halbbruder Eric sitzt in der Psychiatrie, weil er Kinder erschreckt und Hunde gequält hat. Frank ist nicht behördlich registriert und hat deshalb auch keine Schule besucht, Lehrmeister war und ist nur sein Vater. Seine Zeit verbringt Frank damit, Tiere zu fangen und umzubringen oder alle möglichen und unmöglichen Kriegsszenarien durchzuspielen, wobei er seine Schleuder, ein Luftgewehr und selbst gebastelte Sprengkörper zum Einsatz bringt. Seine Wespenfabrik auf dem Dachboden ist eine sehr spezielle, mörderische Konstruktion, in der Wespen auf unterschiedliche Weise ihr Ende finden. Frauen sind für Frank ein Feindbild, um nicht zu sagen ein Unding. Mit anderen Worten: Sein Leben ist ziemlich verkorkst. Aber er hat sich in seine Welt hineingefunden. Ungewohnte Aufregung gibt es allerdings, als Eric aus der Psychiatrie türmt und sich auf den Weg zu Frank macht.

Bank’s Roman ist keine leichte Unterhaltungslektüre. Seine Protagonisten sind alles andere als Normalbürger oder Helden. Er zeigt unverblümt, wozu Menschen fähig sind und wohin sie sich entwickeln können, ohne hierfür vordergründig nach Rechtfertigungen zu suchen (die man im Roman jedoch finden kann). Hierzulande erschien Die Wespenfabrik zunächst bei Heyne unter dem Label SF, das allerdings nicht passt (später kam das Buch dann, wie mein Exemplar von 1997, in der allgemeinen Reihe heraus). Es ist eher eine Mischung aus Thriller und Psychogramm, und diese Mischung hat Banks so beeindruckend hinbekommen, dass der Roman in Großbritannien bei Abstimmungen über die besten Romane des 20. Jahrhunderts erstaunlich gute Platzierungen erreicht hat. Verwundern kann das aber nicht wirklich, denn Die Wespenfabrik gehört zu den Büchern, die man nach dem Lesen nicht einfach ins Regal stellt und vergisst.

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