Die Zeitmaschine Karls des Großen

Die Zeitmaschine Karls des GroßenOliver Henkels Erstlingsroman Die Zeitmaschine Karls des Großen erschien ursprünglich im Jahr 2001 (damals noch im Selbstverlag, was mich nach der Lektüre verwundert die Augen reiben lässt) und wurde prompt mit dem Deutschen Science Fiction Preis ausgezeichnet. Zwölf Jahre später hat nun endlich der Atlantis Verlag eine Neuausgabe herausgebracht, nachdem dort bereits Henkels Im Jahre Ragnarök und Die Fahrt des Leviathan erschienen sind. Oliver Henkels Spezialität sind Alternativwelt-Geschichten, und für Freunde dieses Subgenres der SF hat er schon einiges geboten. Hätte ich geahnt (und angesichts der DSFP-Auszeichnung und der Kurzgeschichten, die ich schon von ihm gelesen habe, hätte ich es ahnen müssen …), welch bemerkenswerter Beitrag zur deutschsprachigen Science Fiction ihm mit seiner Zeitreisegeschichte gelungen ist, hätte ich schon längst versucht, mir die alte Ausgabe zu besorgen. Nun ja, jetzt hab ich ein schönes Atlantis-Hardcover mit einer Titelillustration von Timo Kümmel, ist ja auch was Feines.

Mit Zeitreisegeschichten ist das immer so eine Sache … Aber da die Zeitreise hier gar nicht so sehr im Vordergrund steht, spielen Überlegungen zu Paradoxa und den ganzen Zeitreisebegleiterscheinungen keine übergeordnete (oder spaßverderbende) Rolle. Im Vordergrund steht ein historisches Schlachtenepos, das mit Geschichten um die Eroberungen Alexanders des Großen und Ähnlichem keinen Vergleich zu scheuen braucht. Dass die Story nicht in der historischen Wirklichkeit Karls des Großen, sondern in einer Alternativwelt der damaligen Zeit spielt, hätte ich in vielen Passagen kaum bemerkt, wenn der Autor es seine Protagonisten nicht immer wieder hätte thematisieren lassen. Während des Lesens hab ich wohl alle rudimentären Kenntnisse aus dem Geschichtsunterricht über diese Epoche endgültig vergessen, weil die von Oliver Henkel geschaffene Welt so real wirkt, dass ich nun keine Ahnung mehr habe, wie das damals wirklich war mit Theoderich, Odoaker und Carolus Magnus … Angesichts eines dermaßen beeindruckenden Romans ist mir das aber schnurzpiepegal – eine reife Leistung des Autors!

Im Mittelpunkt steht der Versuch Karls des Großen, mit Hilfe der Perser das römische Reich – Westrom und Ostrom – in die Zange zu nehmen und sich selbst zum Imperator aufzuschwingen. Dass aufgrund einer aus der Spur geratenen Zeitlinie antike und etwas modernere Kriegswaffen aufeinandertreffen, gibt dem Ganzen eine besondere Würze. Beeindruckend sind aber vor allem die detailreichen, farbigen und schon fast geruchsintensiven Schilderungen des Lebens zur damaligen Zeit, und natürlich die Kriegstaktik, die in mehreren Schlachten über Dutzende von Seiten hinweg bestaunt werden kann. Latein war in der Schule nicht unbedingt mein Lieblingsfach, allerdings vor allem wegen des Vokabelpaukens, nicht wegen des ganzen geschichtlichen Hintergrunds, den man durch die Übersetzung von Iulius Caesars Bello Gallico und anderer Schriften quasi frei Haus geliefert bekommt. Das Interesse für die Historie war es, die mich überhaupt durch den Lateinunterricht gebracht hat.

Vermisst hab ich ein Glossar am Ende des Buches. Viele der verwendeten (und sicher aufwändig recherchierten) Begriffe lassen sich im Roman aus dem Kontext ableiten, aber nicht immer ist mir das gelungen, auch nicht mit meinen verstaubten Lateinkenntnissen, ohne die ich noch öfter hätte nachschlagen müssen. Begriffe wie Cataphract, Basileos oder Turma dürften den meisten Lesern kaum geläufig sein, insofern wäre ein Glossar angesichts der vielen (vor allem militärischen und politischen) lateinischen oder griechischen Fachbegriffe hilfreich. Allerdings wirkt sich das aufs Verständnis der Story und der geschichtlichen Zusammenhänge nicht aus. Und es schmälert in keinster Weise meine Freude über ein Leseerlebnis der besonderen Art. Der Roman hat einen Platz in der Walhalla deutschsprachiger Phantastik wahrlich verdient.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s