Wiederentdeckt: Unschuld und Unheil

Robert R. McCammons Boy’s Life ist in meine heiligen Hallen aufgestiegen – allerdings nur im übertragenen Sinn. Eine schöne deutschsprachige Ausgabe für mein Wohnzimmerregal, gerne auch im Hardcover, wünsche ich mir nämlich noch (mein Exemplar des Area Verlags ist ein bisschen vergilbt und hat ein eher unhandliches Format). Heilige Hallen deswegen, weil ich den Roman gerade zum dritten Mal gelesen habe.

Unschuld und UnheilMcCammon schildert aus Sicht des vierzigjährigen Schriftstellers Cory Mackenson in einer Rückschau die oftmals seltsamen, manchmal lustigen und teilweise auch Gänsehaut erzeugenden Ereignisse in Zephyr, einer Kleinstadt im Süden der USA, während des Jahres 1964. Es beginnt mit einem Mord, bei dem der zwölfjährige Cory und sein Vater Zeuge werden, ohne dies sofort mit seiner ganzen Tragweite zu erkennen. Der Tod des Unbekannten, der gefesselt in einem Auto im See versinkt, lässt beide fortan nicht mehr los. Auf verschiedenen Wegen kommen sie der Tat und dem Täter auf die Spur, was letztlich zu einem dramatischen Showdown führt. Bis dahin vergeht jedoch ein ganzes Jahr, in dem Cory Puzzleteilchen um Puzzleteilchen sammelt, während er uns Leser teilhaben lässt an seinem allmählichen Erwachsenwerden und an der Welt, in der er lebt. Wir lernen schrullige Gestalten wie den gealterten Revolverhelden kennen, dem niemand glaubt, dass er mit Wyatt Earp am O. K. Corral war, der aber, als es darauf ankommt, eindrucksvoll beweist, wie gut er mit dem Schießeisen umgehen kann. Oder die übersinnlich veranlagte alte farbige Dame, die dem Rassismus der damaligen Zeit auch deshalb ausgesetzt ist, weil viele Angst vor ihrer Gabe haben. Corys Freunde kämpfen mit Problemen wie dem Alkoholismus des Vaters oder einer überfürsorglichen Mutter, die ihnen den Spaß am Kindsein nehmen möchte. Daneben gibt es eine Fülle skurriler oder nachdenklich stimmender Begebenheiten, die allein schon das Lesen wert sind.

Cory erzählt dies alles so, dass man nicht immer sicher sein kann, was er tatsächlich erlebt hat und was nur seiner blühenden Fantasie entsprungen ist. Letztlich geht es nicht nur um die Rahmengeschichte und die vielen Anekdoten, sondern auch um die Magie des Erzählens. Und die Macht des Erzählers, seinen Zuhörer oder Leser derart zu fesseln, dass er alles um sich herum vergisst und völlig in die Geschichte eintaucht. Eine Magie, die Kinder spüren, wenn sie abends unter der Bettdecke im Schein der Taschenlampe schnell noch ein paar Seiten oder Kapitel lesen, weil sie unbedingt wissen wollen, wie es weitergeht. Eine Magie, die viele Erwachsene nicht mehr nachempfinden können, weil sie es schlicht verlernt haben.

Der Roman, der mit dem Bram Stoker Award ausgezeichnet wurde, ist in meinen Augen weit mehr als ein sanfter (Horror)Thriller übers Erwachsenwerden und die Bewahrung der Fantasie, wie er auf dem Cover beschrieben wird. Er nimmt den Leser auch mit auf eine Reise durch die Mitte der Sechzigerjahre, einer Zeit, die ich nur aus dem Geschichtsunterricht kenne, weil ich da gerade geboren wurde. Einer Zeit, die geprägt war durch den kalten Krieg, die Kuba-Krise, den Vietnam-Konflikt und Leute wie Nikita Chruschtschow, der schon mal mit dem Schuh auf den Tisch schlug oder John F. Kennedy, der in Dallas erschossen wurde. Und geprägt durch Rassismus, wie er damals zumindest im Süden der USA allgegenwärtig war. Geprägt auch durch die beginnende Technisierung und Automatisierung einer neuen Ära, die manchem den Job kostet und seine Existenz bedroht. Vieles klingt nur am Rande an, manchmal lediglich zwischen den Zeilen, aber wenn man aufmerksam liest, sind diese kleinen Details der Zeitgeschichte permanente Begleitmusik zu Corys abenteuerlichem Weg durch das Jahr 1964. Gleichzeitig ist der Roman eine buntschillernde Hommage an den Pulp der Fünfziger und Sechziger, an Storymagazine wie Weird Tales und Comics, an B-Movies und samstagnachmittägliche Doppelvorstellungen im Kleinstadtkino.

Unterm Strich ist Boy’s Life für mich ein Meisterwerk, und ich wäre wirklich dankbar, wenn sich ein Verlag erbarmen und eine schöne Neuausgabe in deutscher Sprache herausbringen würde.

2 Antworten zu “Wiederentdeckt: Unschuld und Unheil

  1. nach dem lesen dieses artikels, worin ich auf den link zu diesem beitrag hier stieß, hab ich mir das buch mal bei ebay organisiert.
    bin mal gespannt, ob und wie das auf mich wirkt.

    das buchformat finde ich übrigens cool, weil ungewöhnlich. hab noch 4 andere ausgaben der reihe bzw. des verlags in der form. wäre auch an einer gesamtliste des verlags bzw. der reihe(n) interessiert, falls du, christian, oder irgendwer anders mir da weiterhelfen könnte … eine erste grobe suche meinerseits förderte erstmal nix diesbezüglich zu tage.

    Gefällt 1 Person

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