Joyland

JoylandStephen Kings letzte Romane Die Arena und Der Anschlag fand ich zwar nicht schlecht, sie waren mir aber zu lang, zu weitschweifig erzählt. Bei beiden war ich zwischendurch immer wieder versucht, die eine oder andere Passage nur zu überfliegen, was ich dann gelegentlich auch getan habe. Bei Joyland erging es mir nicht so – statt 1000 und mehr Seiten hat der Roman für King’sche Verhältnisse schlappe 350. Also hab ich nicht lange überlegt, hab zugeschlagen und wurde belohnt. Joyland ist nichts bahnbrechend Neues oder Anderes, es erinnert mich jedoch im besten Sinne an Erzählungen wie Die Leiche oder Pin-up oder an die atmosphärisch dichten, fesselnden Novellen aus seiner letzten Storysammlung Zwischen Nacht und Dunkel, in denen King seine Stärken ausspielen kann, ohne ins Schwafeln abzudriften. Was Schwafeln und was Erzählkunst ist, liegt natürlich jeweils im Auge des Betrachters.

Devin Jones finanziert sein Studium unter anderem durch einen Ferienjob im Vergnügungspark Joyland. Diesen Sommer – wie sollte es anders sein – wird er sein Leben lang nicht mehr vergessen. Er trifft eine Menge neuer Leute; nette, bitterböse, langweilige, skurrile, ängstliche, mutige, übersinnlich begabte und einen Todgeweihten. Nur das Gespenst, das angeblich in der Geisterbahn spukt, trifft er nicht. Trotzdem spielt es eine Schlüsselrolle im Roman, es fügt sozusagen die losen Enden aus vielen Anekdoten und Begebenheiten immer wieder zusammen und sorgt letztlich dafür, dass ein Mord aufgeklärt wird, der schon lange nach Aufklärung schreit. Devin lernt in diesem Sommer mehr, als ihn jemals ein Professor an seiner Uni lehren kann, zumal die Welt der Schausteller eine so ganz andere ist als die, die er bisher kennengelernt hat. Hier geht es um Sein und Schein, um glitzernde Fassaden und verblüffende Bühnentricks – Dinge also, die ihm für seinen Berufswunsch letztlich hilfreicher sein können als die graue Theorie von der Uni: Er möchte nämlich Schriftsteller werden.

Kings Stärken sind durchaus seine Protagonisten, für die er sich Zeit nimmt und die er lustige oder betrübliche Situationen erleben lässt, die er gelegentlich aber auch durch die Hölle schickt. Ihm gelingt es fast immer, aus seinen Figuren Menschen aus Fleisch und Blut zu machen, mit Stärken und Schwächen, Hochs und Tiefs, die man als Leser buchstäblich anfassen kann – nicht jedem Autor ist das gegeben. Mitunter erscheint es mir allerdings, dass er zu sehr in seine Figuren vernarrt ist und die Geschichte, die er eigentlich erzählen will, aus den Augen verliert (recht deutlich war das für mich in Der Anschlag). Nun hat er ja schon mehrfach betont, Handlung werde überbewertet, aber so ein bisschen Handlung tut auch seinen Romanen ganz gut (zumindest nach meiner – zugegebenermaßen gelegentlich altmodischen – Sichtweise). Bei Joyland passt für meinen Geschmack das Timing: Hier hatte ich nie das Gefühl, dass er die eigentliche Geschichte (die vielleicht gar nicht das Wichtigste im Roman ist, die aber die kleinen Geschichtchen in der Geschichte zusammenhält und sich nicht verselbstständigen oder ausufern lässt) aus den Augen verliert. King tut genau das, was der Besitzer des Parks als Hauptaufgabe der Joyland-Mitarbeiter ansieht: Er verkauft (Lese)Spaß.

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