Das wahre Wesen der Dinge

Das wahre Wesen der DingeTed Chiang hat in den letzten zwanzig Jahren zwar nur ein gutes Dutzend Erzählungen veröffentlicht, dafür aber eine ganze Reihe von SF-Genrepreisen eingeheimst, und das völlig zurecht, wie ich in Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes bereits feststellen konnte. Kürzlich ist beim Berliner Golkonda Verlag ein weiterer, wiederum von benSwerk optisch sehr schön gestalteter Erzählungsband des US-Autors mit chinesischen Wurzeln erschienen: Das wahre Wesen der Dinge vereint die im ersten Golkonda-Band noch nicht veröffentlichten Geschichten des begnadeten Autors. Dabei reicht die Bandbreite von der zweieinhalbseitigen Kurzstory bis zur hundertseitigen Novelle, von Hard-SF bis hin zur leicht fantasy-angehauchten, fast schon klassisch anmutenden Science Fiction.

In Verstehen wird ein Unfallopfer durch die Behandlung mit einem speziellen Medikament superintelligent und lernt schnell, seine neu erworbenen Fähigkeiten für sich zu nutzen – und zwar ohne Skrupel. Er treibt sein Spiel immer weiter, bis er auf einen zweiten Superintelligenten stößt. Bald stellt sich heraus, dass dieser einen anderen, menschenfreundlicheren Ansatz verfolgt. Und so kommt es, wie es kommen muss: Die beiden treten gegeneinander an; auf einer Ebene, die man mit dem normalen Verstand eigentlich nicht ermessen kann – trotzdem schafft es Chiang, den Leser diesen mentalen Zweikampf hautnah miterleben zu lassen.

In Zweiundsiebzig Buchstaben greifen Menschen auf wundersame Weise in die Genetik ein und erwecken Maschinen sowie golemhafte Wesen zum Leben. Bei ihren Forschungen entdecken sie, dass die Menschheit akut vom Aussterben bedroht ist und ergreifen Maßahmen, die einerseits verzweifelt, andererseits unmenschlich anmuten. Muss man letztlich unmenschlich handeln, um die Menschheit vor dem Untergang zu bewahren?

Die längste und für meinen Geschmack beste Erzählung trägt den Titel Der Lebenszyklus von Software-Objekten. Programmierer haben sogenannte Digis erschaffen, niedliche digitale Wesen, die sie mit einer künstlichen Intelligenz und Kindchenschema-Avataren nach den Bedürfnissen der User ausstatten. Digis sind sozusagen superlernfähige Tamagotchis, die menschlicher Zuneigung bedürfen, aber auch erzogen werden müssen. Sie werden wie virtuelle Haustiere gehalten, aber auch als Kinderersatz, begleitet von vielen Problemen, die Tierhalter und Eltern auch im realen Leben zu meistern haben – allerdings mit einer Reset- und Wiederherstellungsfunktion. Doch was geschieht, wenn diese digitalen Individuen vernachlässigt werden? Oder wenn sie in Roboter transferiert werden und so der virtuellen Welt entschlüpfen? Wie Chiang dieses Thema aufbereitet und mit teils lustigen, teils ergreifenden Szenen garniert, in denen man völlig vergisst, dass es sich hierbei „nur“ um lernfähige Programme – noch dazu um rein fiktive Charaktere – handelt, zeugt von seiner schriftstellerischen Meisterschaft. Grandios!

Wenn ich beide Storybände zusammennehme, ist das die beeindruckendste Sammlung von Erzählungen eines Autors, die ich bisher gelesen habe. Mit anderen Worten: Ted Chiang hat mich gepackt, aber so richtig. Da kann ich nur den Hut ziehen.

Wer mal in die Geschichten im Original reinschnuppern möchte, kann bei Subterranean Online und andernorts fündig werden:

The Lifecycle of Software Objects
Seventy-Two Letters
The Truth of Fact, the Truth of Feeling
What’s expected of us

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s