Pol Pots wunderschöne Tochter

Pol Pots TochterInzwischen hab ich eine ganze Reihe von Storysammlungen aus dem Golkonda Verlag im Regal stehen, eine weitere empfehlenswerte kann ich jetzt hinzufügen: Pol Pots wunderschöne Tochter vereint sechs zum Teil preisgekrönte Erzählungen des kanadisch-britischen Autors Geoff Ryman, der ein besonderes Faible für Asien – und dort vor allem für das leidgeplagte Kambodscha – hegt und in seinen Storys pflegt.

Die längste Erzählung Das unbesiegte Land ist inspiriert von der Andersartigkeit der Kambodschaner, die für westlich geprägte Zeitgenossen meist so exotisch anmuten wie das Volk aus Rymans Geschichte: Eine weit fortgeschrittene Biotechnologie lässt die Grenzen zwischen Menschen, Maschinen und Bauwerken verschwimmen. Menschen tragen Maschinen im Körper aus wie Babys, und sie wohnen in organischen Gebäuden, die sterben und einstürzen. Obwohl der Kurzroman, der mit dem World Fantasy Award ausgezeichnet und für diverse SF-Preise nominiert wurde, nicht direkt damit vergleichbar ist, hat er mich, was Atmosphäre und Stimmungslage betrifft, an Clive Barkers Im Bergland: Agonie der Städte erinnert. Beide Autoren haben es mit ihren Geschichten geschafft, ein an sich unwirklich erscheinendes Setting lebendig werden zu lassen, so lebendig, dass ich als Leser völlig darin gefangen war. Großes Kopfkino! Ein Wermutstropfen war dabei allerdings, dass für mich einige Details der Story und Handlungen der Protagonisten nicht so greifbar waren wie die Atmosphäre – manches blieb diffus, ein tieferer Sinn erschloss sich mir nicht immer. Trotzdem eine beeindruckende Geschichte, die nachwirkt.

In der Titelstory, die natürlich in Kambodscha spielt, verschwimmen die uns bekannte und die von Ryman erschaffene Realität nicht so deutlich, trotzdem mutet das Setting exotisch und mystisch an. Die Geisterwelt hat in Asien offenbar einen anderen Stellenwert als bei uns: Die Menschen leben ganz selbstverständlich in ihr und mit ihr. Die Tochter des früheren kambodschanischen Diktators Pol Pot führt zwar ein Luxusleben, muss aber auch ertragen, dass die Geister von hunderttausenden Opfern ihres Vaters sie verfolgen. Ein Horrorautor würde hierbei wahrscheinlich der Versuchung unterliegen, ihr Leben zur absoluten Hölle werden zu lassen – Ryman wählt einen ambivalenteren, interessanteren Weg.

In Herzlichkeit wächst ein Junge mit einer Ersatzmutter auf, da seine leibliche Mutter kaum Zeit für ihn hat. Dass es sich bei dieser Ersatzmutter „nur“ um eine Maschine, einen Roboter namens BETsi, handelt, stört den Jungen kaum. Welche Beziehung er im Lauf der Zeit zu BETsi aufbaut, versteht seine Mutter erst, als sie ihm den maschinellen Aufpasser wegnimmt wie ein stinknormales elektronisches Gebrauchsgerät. Ebenso anrührend schildert Ryman in Geburtstage das Leben eines Homosexuellen, der in einer Zeit erwachsen wird, als Homosexualität durch Genforschung und –manipulation weitgehend „überwunden“ ist. In beiden Storys geht Ryman weit über die Einzelschicksale hinaus und beleuchtet die Gesellschaft, die solche Handlungsweisen hervorbringt und zulässt.

Mit den anderen beiden Geschichten hab ich mich schwergetan, was wohl einerseits an Erzählton und –struktur, andererseits an den Themen lag. Aber zusammen mit den anderen – für mich wirklich lesenswerten – Geschichten zeigen sie Geoff Rymans Vielseitigkeit.

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