Das Dickicht

Nach Dunkle Gewässer ist Das Dickicht der zweite Roman von Joe R. Lansdale, der bei Tropen/Klett-Cotta in einem schönen Hardcover erschienen ist. Anders als viele seiner anderen Romane, die in den letzten Jahren auf Deutsch (wieder) herauskamen, sind die beiden brandneu, reihen sich jedoch nahtlos in die Reihe seiner Werke ein, die im Texas des frühen 20. Jahrhunderts spielen. Automobile kommen gerade auf, der Ölboom entwickelt sich, aber die Zeiten des Wilden Westens sind fernab der großen Städte noch präsenter, als manchem braven Texaner lieb sein kann.

Das DickichtEiner dieser braven Texaner ist der sechzehnjährige Jack, der gerade seine Eltern an die Pocken verloren hat, als ihn der nächste Schicksalsschlag niederboxt: Outlaws erschießen seinen Großvater und entführen seine vierzehnjährige Schwester. Er selbst kommt nur mit Mühe und Not mit dem Leben davon und trifft auf einen Liliputaner namens Shorty (wie sinnig) und dessen dunkelhäutigen Kumpel Eustace, der sich einen ausgewachsenen (und keineswegs handzahmen) Keiler als Haustier hält. Die ungleichen Kumpels verdienen ihren Lebensunterhalt unter anderem als Kopfgeldjäger, und Jack kann sie dazu überreden, ihm bei der Suche nach seiner gekidnappten Schwester zu helfen. Immerhin winken saftige Prämien – tot oder lebendig. Außerdem verspricht Jack den beiden sein Grundstück, auf dem er eben noch seine Erzeuger begraben und das pockenverseuchte Elternhaus abgefackelt hat. Ein alter Mitstreiter von Shorty und Eustace, der vorübergehend einen Posten als Sheriff bekleidet, dessen Putzhilfe und eine Hure, die ihren Job hinschmeißen will, schließen sich der Rettungsmannschaft an. Der Keiler, der mit seinen Mörderhauern seine zweibeinigen Kampfgenossen tatkräftig unterstützt, fällt in dieser kunterbunten Truppe überhaupt nicht auf.

Diese Konstellation verspricht, was Lansdale hält: Eine abenteuerliche Reise im Gewand eines Neo-Western, in dem gesoffen und gehurt, gerauft und geballert wird, dass es eine wahre Pracht ist. Mit flotten Sprüchen und unverblümten Antworten auf schwierige Fragen kommt der gezwungenermaßen zum Mann reifende Jack anfangs nur schwer, später jedoch besser und besser klar. Lansdales Figuren sind keine strahlenden Helden, keine Alleskönner und in der Regel auch keine besonders gesetzestreuen oder gottesfürchtigen Zeitgenossen, aber wenn sie sich einmal einer Aufgabe verschrieben haben, dann versuchen sie, ihr gerecht zu werden, koste es, was es wolle. Lansdales Sprache passt sich dabei den rauen Gesellen an, und wenn es zu einer Schießerei kommt, dann mutet diese nicht wie aus einem Edelwestern entliehen an, wo ehrenhaft und unblutig gestorben wird. Lansdale beschönigt nichts, was zart besaitete Leser hin und wieder an Grenzen bringt, keine Frage. Aber seine Erzählkunst beweist er auch diesmal, und die macht einen großen Teil des Lesevergnügens aus, auch wenn es desöfteren gar nicht vergnüglich zugeht. Die leiseren, nachdenklicheren Untertöne treten immer wieder zutage, wenn die unterschiedlichen Charaktere preisgeben, wie sie zu dem geworden sind, was sie eben sind. Hannes Riffel hat Lansdales Erzählton mit seiner Übersetzung wie schon in Dunkle Gewässer sehr gut getroffen.

Dass ich Lansdale-Fan bin, hab ich hier ja schon öfter erwähnt. Insofern hat es mich nicht gestört, dass der Autor aus Texas manche Motive aus seinen früheren Romanen hier wiederverwendet und sich seine Protagonisten mit ihren schnoddrigen Dialogen mitunter gegenseitig zu überbieten versuchen, was des Guten vielleicht hier und da etwas zu viel ist. Wie dem auch sei: Nach der Lektüre des Romans frag ich mich nur, wann und woher ich das nächste Lansdale-Lesefutter bekomme. Der Mann kann süchtig machen, echt wahr.

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