Mr. Mercedes

Mr. MercedesStephen King hat mich zwar nicht zum Schreiben gebracht, aber er hat zweimal dafür gesorgt, dass ich mich intensiver mit dem Schreiben befasst habe: Einmal Anfang/Mitte der Achtziger durch seine Storysammlung Nachtschicht, und dann nochmal zur Jahrtausendwende durch seinen autobiografischen Schreibratgeber Das Leben und das Schreiben. Beide Male war ich von seiner Art zu schreiben und übers Schreiben zu plaudern so fasziniert, dass es mich in den Fingern gejuckt hat, meine eigenen Schreibversuche etwas ambitionierter anzugehen. Und seine Leser zu faszinieren ist zweifellos eine Kunst, die er beherrscht – 400 Millionen verkaufte Bücher sollten als Beweis genügen.

Mit King verbindet mich also einiges – zumal ich von keinem anderen Autor auch nur annähernd so viele Regalmeter Bücher angesammelt habe. Allerdings verbindet mich mit ihm auch so etwas wie eine Art Hassliebe (na ja, ist vielleicht etwas übertrieben), weil er zu den Autoren gehört, bei denen ich mich immer wieder ärgere, wenn er in seinen Romanen zu weit abschweift und Nebenschauplätze in allen Farben schildert, die mich nicht wirklich interessieren. Wieso ärgere ich mich darüber? Weil mir die Romane an sich gefallen, ich mich aber nur ungern durch die – für meine Begriffe – langatmigen Abschweif- und Ausschmückpassagen kämpfe, die er gerne einbaut. Als Leser hab ich zwar keinen Anspruch darauf, dass er so schreibt, wie ich es gern hätte, aber ich mag halt auch keine Lesezeit mit allzu vielen Belanglosigkeiten verschwenden. Und wenn King schon angehenden Schreiberlingen rät, sie sollen kürzen („Kill you darlings“), denke ich mir manchmal leise grummelnd: Halt dich doch bitte selber auch mal dran! Zuletzt empfand ich Der Anschlag als unnötig in die Länge gezogen (vor allem im Mittelteil).

Bei seinem neuesten Roman Mr. Mercedes erging es mir anfangs ähnlich. Nach gutem und viel versprechendem Auftakt zieht sich das erste Drittel irgendwie hin, bevor King das Tempo anzieht und den Hintergrund seiner Charaktere so in die Geschichte einbaut, dass es die Spannung hochtreibt anstatt sie auszubremsen. „Mr. Mercedes“ nennt sich ein psychopathischer Mörder, der gleich zu Beginn des Romans mit einem geklauten 600er Mercedes in eine Menschenmenge rast und mehrere Personen tötet. Der Rest des Buches handelt davon, wie sich der Mörder und ein pensionierter Polizist, der den Mercedes-Killer vor seinem Ruhestand nicht mehr fassen konnte, einen Psychokrieg liefern, der sich gewaschen hat. Im letzten Drittel zögert King das Finale vielleicht etwas zu lange hinaus, der Nägel-Kau-Schluss entschädigt aber dafür. Ungewöhnlich für King ist, dass fast der gesamte Roman im Präsens verfasst wurde, was mich zu Beginn ein wenig gestört hat, später jedoch nicht mehr ins Gewicht gefallen ist. Die Zusammenstellung des Figurenensembles – übergewichtiger Rentner und 44-jährige verteufelt gutaussehende Frau verlieben sich, und jemand, von dem das absolut nicht zu erwarten ist, wächst über sich hinaus – und ein paar Krimi-Klischees sorgen vielleicht für das eine oder andere Stirnrunzeln, insgesamt aber ist Mr. Mercedes ein Thriller, den zu lesen sich nicht nur für King-Fans lohnt.

Bleibt zu hoffen, dass es King hier nicht so ergeht wie mit seinem unter dem Pseudonym Richard Bachmann veröffentlichten Roman Amok, in dem ein Schüler in seiner Schule Lehrer und Mitschüler erschießt und als Geiseln nimmt – das Buch wurde vom Markt genommen, als sich Amokläufe mit Schusswaffen an Schulen häuften …

2 Antworten zu “Mr. Mercedes

  1. Teil 3 ist heute erschienen:
    https://www.amazon.de/Mind-Control-Roman-Bill-Hodges-Serie-3-ebook/dp/B01G1S8BIM/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1473672074&sr=1-1&keywords=mind+control
    hattest teil 2 eigentlich gelesen und rezensiert? wenn ja – wo? *g
    (nicht gefunden mit der suche hier)
    bisher übrigens die einzigen beiden bücher von king, die ich gelesen hab, also hodges 1 + 2, beide super!

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    • Ich hab FINDERLOHN gelesen und fand den Roman wohl ganz okay, aber nicht so toll, dass ich gleich euphorisch in die Tasten hauen musste. Später war die Erinnerung dann zu sehr verblasst, um noch was Vernünftiges dazu zu schreiben (und heute ist mir MR. MERCEDES deutlich präsenter als FINDERLOHN, obwohl das Lesen hier noch länger zurückliegt).

      Generell hab ich so meine Probleme mit Romanen, die im Präsens verfasst sind. Das liest sich für mich nicht immer so, wie ich es eigentlich mag, und für King auch eher untypisch. In den schönen Lesefluss, den mir viele seiner Romane und Novellen beschert haben, bin ich bei beiden Romanen nicht reingekommen. Ganz anders war es z.B. bei JOYLAND.

      Den dritten Hodges-Roman hab ich aufm Zettel, aber er steht nicht ganz oben.

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