Drohnenland

Der Journalist und Autor Tom Hillenbrand hat vor Drohnenland hauptsächlich „kulinarische“ Krimis geschrieben, die im Gastrogewerbe spielen – kein kleiner Sprung also zu einem SF-Cyber-Krimi; trotzdem ein gelungener, wie ich finde.

DrohnenlandDrohnenland spielt in Europa in einer Zukunft, in der die Technik im Vergleich zum Jahr 2014 einen Quantensprung gemacht hat. Künstliche Intelligenzen ermöglichen es, sich virtuell an einen anderen Ort und eine andere Zeit versetzen zu lassen – wie exakt diese virtuelle Realität ist, hängt im Prinzip nur davon ab, wie genau der Zielort und die Zielzeit durch allgegenwärtige Kamera- und Drohnensysteme abgebildet werden kann. So lässt sich ein Verbrechen quasi im Handumdrehen aufklären – Big Brother is watching you everywhere and anytime! Allerdings steckt die Tücke – wie meistens, klar – im Detail, denn jedes digitale System lässt sich steuern und demzufolge auch manipulieren, wie der ermittelnde Kommissar Westerhuizen und die Digitalforensikerin Ava Bittmann schmerzlich erfahren müssen.

So interessant das ganze Setting auch ist, leider übertreibt es der Autor hin und wieder mit seinen Beschreibungen der zukünftigen Welt (und das sage ich als ausdrücklicher SF-Fan!), wodurch die Geschichte mitunter etwas ausgebremst wird. Und geradezu nervig erscheint mir die permanente Erwähnung, dass Männer Steinkirks tragen. Selbst ein unaufmerksamer Leser hat nach der dritten Textstelle kapiert, dass in dieser Zeit der Steinkirk die Krawatte als Modeaccessoire abgelöst hat, da muss man es nicht noch dutzendmal (gefühlt hundertmal) wiederholen.

Anfangs hab ich mich außerdem mit der Erzählform schwer getan – der Roman ist nämlich in der ersten Person Präsens geschrieben, und dafür muss es für meinen Geschmack triftige Gründe geben. Ansonsten werfen mich Formulierungen wie etwa „Ich beiße in den Apfel und schmecke die Säure“ aus einer Geschichte raus, weil ich dann versucht bin, laut aufzuschreien: „Nein!! Ich beiße gerade in keinen Apfel und schmecke demzufolge auch keine Säure, ich lass stattdessen süße Schokolade auf der Zunge zergehen!!“ Diese Erzählform scheint seltsamerweise irgendwie gerade in Mode zu sein … Dass Drohnenland der einzige von einem halben Dutzend Romanen in der ersten Person Präsens ist, den ich in den letzten Jahren zu Ende gelesen habe, zeigt allerdings, dass man (respektive ich) die Erzählform aufgrund bestimmter Cyberszenen hier tatsächlich tolerieren kann und dass der Roman ansonsten interessant und spannend genug ist, um sich nicht permanent aus der Story schmeißen zu lassen.

Kiepenheuer & Witsch vermeidet auf dem Cover die Bezeichnung Science Fiction und schreibt stattdessen lieber Kriminalroman drauf; sei’s drum – daran hat sich der SF-Fan hierzulande ja zwangsläufig längst gewöhnt. Also insgesamt trotz Punktabzügen in der B-Note: Daumen hoch!

2 Antworten zu “Drohnenland

  1. TheFallenAngel

    rückblickend hat mich nur die dauernde erwähnung des/der steinkirks genervt, dass aber so richtig, meine herren! *g
    als ob es da einen echt lukrativen werbevertrag gegeben hätte.
    ansonsten ein superbuch! konnte es nicht aus der hand legen (bzw. den tolino *g)
    imho sehr gelungene beschreibung der ‚möglichen‘ weiterentwicklung europas und der welt in allen aspekten – technik, geschichte & politik, geographie usw.
    würde ich schon auf eine stufe mit zb daniel suarez stellen.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s