Die Stunde der Rotkehlchen

Als ich auf der Verlags-Homepage die erste Ankündigung für Die Stunde der Rotkehlchen gelesen habe, war die Vorfreude groß, da mich Jo Walton bereits mit ihrem Roman In einer anderen Welt begeistert hat. Und als klar war, dass es sich um einen Alternativwelt-Krimi handelt, konnte ich es kaum erwarten. Der Weihnachtsmann war brav und hat das bei Golkonda erschienene Buch auf den Gabentisch gelegt, und ich war fleißig und hatte es nach wenigen Tagen durch. Wobei es weniger der Fleiß war, der mich angespornt hat, sondern vielmehr der hohe Suchtfaktor, den Jo Walton mit Zauberpulver zwischen die Seiten gestreut hat.

Die Stunde der RotkehlchenDer Roman beginnt als Krimi, wie ihn auch Agatha Christie hätte schreiben können: Inspector Carmichael ermittelt in einem Mordfall in Adelskreisen. Very british, wie diese Adeligen ihre Neurosen pflegen und ihre schmutzigen Geheimnisse hüten. Doch allmählich entwickelt sich das Ganze zum ausgewachsenen Politthriller und Judenverfolgungsdrama, denn die Geschichte spielt in einer brisanten Epoche der jüngeren Geschichte, gleichzeitig in einer alternativen Zeitlinie: Im Jahr 1949 haben die Engländer längst einen „ehrenhaften“ Frieden mit Hitler geschlossen, während Nazideutschland noch immer gegen die Russen kämpft und überall in Europa, sowohl von Hitler als auch von Stalin, Juden verfolgt und umgebracht werden. Dem ermordeten Adeligen wurde ein Judenstern mit einer Dolchklinge an die Brust geheftet. Was liegt also näher, als eine jüdische Verschwörung zu vermuten? Als bei einem gescheiterten Attentäter Papiere gefunden werden, die ihn als Bolschewisten ausweisen, gewinnt der Fall zusätzlich an Brisanz. Da ihm eine jüdisch-bolschewistische Kooperation völlig abwegig erscheint, ermittelt Inspector Carmichael in eine ganz andere Richtung. Dabei stößt er immer wieder an seine Grenzen, denn die englische Justiz ist weitgehend obrigkeitshörig, und diese Obrigkeit plant Ungeheuerliches.

Carmichael, der durch seine (heimliche) Homosexualität selbst in Gefahr schwebt, beschreibt es treffend: „Die erhabene Gleichheit des Gesetzes verbietet es Armen wie Reichen, unter Brücken zu schlafen, auf den Straßen zu betteln und Brot zu stehlen.“

Es ist geradezu atemberaubend, wie es Jo Walton gelingt, vom Agatha-Christie-Krimi-Flair schleichend immer tiefer in Regionen und Abgründe vorzustoßen, die man eher Filmen wie Schindlers Liste oder Der Pianist zuschreibt. Gleichzeitig zeigt sie auf, wie aus englischer Borniertheit, Dummheit und Wegschauen dem Faschismus der Weg geebnet wird. Der Blick über den Ärmelkanal ist dabei allgegenwärtig, ohne dass die Erzählerin Lucy, deren Mann Jude ist und zum Hauptverdächtigen gemacht wird, den erhobenen Zeigefinger erhebt. Sie ist die Tochter einer aristokratischen Politikerdynastie, und sie schlittert aus ihrer landhausadeligen Tradition heraus guten Mutes und sehenden Auges in die Katastrophe, frei nach dem Motto, an dem sich auch viele Juden auf dem europäischen Festland lange Zeit festgeklammert haben: „Es wird schon nicht zum Schlimmsten kommen.“ Kommt es doch.

Für das Frühjahr und den Herbst 2015 sind beim Golkonda Verlag, der den Büchern wieder eine prächtige Ausstattung spendiert hat, die weiteren Inspector-Carmichael-Romane Der Tag der Lerche und Das Jahr des Falken angekündigt. Es wird ein Fest, da bin ich mir nach der Lektüre des ersten Buches ziemlich sicher.

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel Farthing bereits 2006, in der eleganten Übersetzung von Nora Lachmann ist Die Stunde der Rotkehlchen zusammen mit Lansdales Das Dickicht für mich der Roman des Jahres 2014.

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