Amerika-Plakate

Amerika-PlakateAuf Amerika-Plakate von Richard Lorenz bin ich durch einige positive, teils sogar euphorische Besprechungen gestoßen. Erschienen ist der Roman als handliches Hardcover bei kuk, einem Imprint des Joachim Körber Verlags (falls der Name jemandem nichts sagt: Körber ist Übersetzer und gibt die Edition Phantasia heraus). Zuvor hat Lorenz den Roman auch an Größere Verlage geschickt, die ihn jedoch abgelehnt haben. Interessant, aber zu phantastisch, zu verkopft, zu merkwürdig, zu sprunghaft – so in etwa lauteten die Begründungen (nachzulesen im Interview mit dem Autor auf dandelion). All diese Attribute treffen auf den Roman zu (das Wörtchen zu davor könnte man allerdings jeweils streichen), der zudem genretechnisch schwer einzuordnen ist (was vielen Publikumsverlagen Magenschmerzen zu bereiten scheint). Magischer Realismus wird für solche Werke gern als Bezeichnung bemüht, für mich ist es schlicht und einfach Phantastik. Schubladenzuordnungen sind mir eh nicht so wichtig, vor allem nicht, wenn es um exaktes Grenzlinienziehen geht.

Der junge Leibrand findet in seinem Schrank einen Rückzugsort vor seiner Münchener Umgebung, der er aus verschiedenen Gründen immer wieder entflieht. Er wächst nicht gerade in einem behüteten Elternhaus auf und sucht sich seine eigene Welt, wo er Schrankgeschichten schreibt und die titelgebenden Amerika-Plakate malt. Wobei sein Amerika mit dem jenseits des großen Teichs nur bedingt zu tun hat. Die Figuren aus seinen Geschichten entwickeln ein Eigenleben, mehr und mehr vermischen sich reale Erlebnisse mit fiktiven.

Die gesamte Erzählung schwebt irgendwo zwischendrin. Als Leser darf man miträtseln, was tatsächlich geschieht oder auf realen Begebenheiten beruht und was nicht. Ganz ergründen kann man es nicht, jedenfalls ist es mir nicht gelungen. Aber das braucht es auch nicht, denn der Lesespaß stellt sich nicht durch Enträtselung ein, sondern aufgrund der überbordenden Fantasie Leibrands – beziehungsweise von Richard Lorenz. Sein Erzählstil erinnert mich stark an Ray Bradbury, dessen Werke ich zwar nicht zu jeder Zeit (und keinesfalls mal eben zwischendurch, wenn kurz Zeit dafür ist) lesen kann, aber seit Jahrzehnten immer wieder aus dem Regal hole. Amerika-Plakate ist sicherlich nicht jedermanns Sache, aber wer sich darauf einlässt, wird mit einem besonderen Leseerlebnis belohnt.

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