Die Kälte im Juli

In den letzten Jahren wurden etliche Romane von Joe R. Lansdale ins Deutsche übersetzt oder wiederveröffentlicht – schön für mich, da ich immer wieder nach neuem Lesestoff von ihm giere. Irgendwann wird der Output hierzulande allerdings deutlich dünner werden, weil Lansdale mit dem Schreiben neuer Bücher natürlich nicht so schnell nachkommt. Hoffentlich krieg ich dann keine Entzugserscheinungen.

Bei Die Kälte im Juli handelt es sich um eine Wiederveröffentlichung. Das Original erschien 1989 und kam erstmals 1997 unter dem Titel Kalt brennt die Sonne über Texas auf Deutsch heraus. Die Wiederveröffentlichung bei Heyne Hardcore hängt wohl mit der Verfilmung und dem DVD-Release zusammen.Die Kälte im Juli Sowohl Lansdale als auch Regisseur Jim Mickle gehen in ihrem Nachwort darauf ein.

Richard Dane und seine Frau Ann schrecken nachts aus dem Schlaf und sehen sich mit einem Albtraum konfrontiert: Ein Einbrecher ist gerade in ihrem Wohnzimmer zugange. Richard schnappt sich seinen Revolver, und als der Einbrecher auf ihn schießt, drückt er ebenfalls ab und trifft den Mann tödlich. Eindeutig Notwehr, trotzdem ist für die Danes und ihren kleinen Jungen nichts mehr so wie zuvor. Als sich herausstellt, dass der Einbrecher ein gesuchter Krimineller war, dessen Vater soeben aus dem Knast entlassen wurde, wird’s für die Familie brenzlig: Der Vater des Getöteten taucht in der Stadt auf und droht zunächst subtil, bald darauf unverhohlen mit Rache. Die Polizei kann jedoch nichts unternehmen, solange er keine Straftat begeht. Was also tun?

Andere Autoren würden aus diesem Plot einen ganzen Roman stricken. Lansdale dient dies nur als Ausgangsposition für eine Geschichte, die einige Überraschungen parat hält und der Familie Dane immer neue Prüfungen auferlegt. Dabei überzeugen nicht nur der Plot, sondern vor allem auch die Atmosphäre und die Personencharakterisierungen, die Lansdale hinbekommt wie kaum ein anderer. Und das in einem Stil, den man immer wieder nur bewundern kann (und der von Teja Schwaner in der Übersetzung erstklassig umgesetzt wurde). Nicht zuletzt deswegen erlebt der texanische Autor hierzulande eine Art Renaissance und füllt mit seinen Romanen nicht nur meine Bücherregale.

Cold in JulyDie Verfilmung kann leider nicht ganz mit Lansdales Erzählkunst mithalten. Der Plot wurde im Drehbuch etwas vereinfacht, die Motivationen und Hintergründe der Figuren kommen nicht so heraus wie im Buch. Das können auch Schauspieler wie Sam Shepard und Don Johnson nicht wettmachen. Es beginnt schon damit, dass der Einbrecher keine Waffe zückt, sondern von Richard in Panik, einfach so, erschossen wird. Bei mancher Wendung im Film bin ich mir nicht sicher, ob ich sie ohne Kenntnis des Romans ohne weiteres geschluckt hätte. Außerdem bleiben gerade Richard Dane und seine Frau Ann im Film eher blass. Gerade Ann, die im Buch vielschichtig erscheint, gerät in der Verfilmung zur Randfigur. Cold in July ist insgesamt ansehnlich, besteht aber den Vergleich mit wirklich gelungenen Krimiverfilmungen wie etwa Drive, No Country for Old Men oder L.A. Confidential nicht so ganz.

10 Antworten zu “Die Kälte im Juli

  1. Der Vergleich im letzten Satz ist aber auch etwas unfair. COLD IN JULY ist ein kleiner feiner Thriller, der für sich gesehen sehr gut dasteht. Dass er nicht der Liga von DRIVE, NO COUNTRY FOR OLD MEN und L.A. CONFIDENTIAL angesiedelt ist, tut dem doch keinen Abbruch.

    Ich hab‘ das Buch noch nicht gelesen, aber die Wendungen im Film kamen mir nicht spanisch vor. Drehbücher straffen nun mal Romanhandlungen, damit der Film besser funktioniert.

    https://dienachtderlebendentexte.wordpress.com/2015/03/12/cold-in-july/

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    • Okay, der Vergleich zu den genannten Filmen ist wohl tatsächlich nicht ganz fair.

      Ich hatte mir kein Meisterwerk erwartet, war von der Romanadaption aber doch etwas enttäuscht. Romanhandlung straffen ist notwendig, aber hier wurde meines Erachtens bei falschen Details gestrafft. Z.B. ist die Notwehrsituation zu Beginn im Roman viel eindeutiger. Im Film erkennt Ben Russel, dass die Leiche im Sarg nicht sein Sohn ist, auf den ersten Blick, obwohl er kurz zuvor gesagt hat, er hätte ihn zum letzten Mal gesehen, als er noch ein kleiner Junge war – so erscheint es mir unglaubwürdig. Im Roman erkennt er es aufgrund fehlender unabänderlicher körperlicher Merkmale. Derlei Details gibt es noch mehr im Film. Das wäre aber alles gut umsetzbar gewesen. Insofern bin ich mit der Romanverfilmung – und somit letztlich auch mit dem Film als eigenständigem Werk – nicht so recht zufrieden. Da wurde Potential für einen besseren Film verschenkt, und das ist schade.

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  2. Klingt interessant (das Buch). Irgendwie erscheint es mir, als läse ich in letzter Zeit ständig Lobpreisungen auf Lansdale. Wirt wohl Zeit, dass ich mir mal was von ihm besorge.

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