Butcher’s Crossing

Mit dem Namen John Williams verband ich bisher ausschließlich geniale Filmsountracks, wie etwa die zu Der weiße Hai, Star Wars, Indiana Jones, Jurassic Park oder Schindlers Liste. Dass es einen gleichnamigen Schriftsteller gibt, erfuhr ich erst kürzlich, als im Radio eine recht euphorische Besprechung seines Romans Butcher’s Crossing gesendet wurde. Der Autor und Hochschullehrer Williams starb 1994 im Alter von 72 Jahren und hat bis dahin ganze vier Romane veröffentlicht.

Butchers CrossingButcher’s Crossing ist ein sehr realistisch anmutender Western, der ein dunkles und blutiges Kapitel der nordamerikanischen Geschichte beleuchtet und mit Leben erfüllt. Darin führen die Abenteuerlust und ein Selbstfindungsprozess den jungen Will Andrews zu einer Grenzerfahrung. Nach drei Jahren Studium will er endlich das wahre Leben außerhalb begüterter Elternhäuser und Hörsäle kennenlernen, und das gelingt ihm schon in wenigen Wochen – jedoch auf andere Weise, als er es sich vorgestellt hat. Von Butcher’s Crossing aus, einer kleinen Stadt im Westen, die auf ihre Anbindung an die wohlstandsbringende Eisenbahn wartet, begleitet Andrews drei Büffeljäger auf ihrem Trip in eine abgelegene Bergregion, wo der erfahrene Jäger Miller vor einigen Jahren riesige Herden der begehrten Tiere entdeckt hat. Bis zu hunderttausend Bisons, von denen er hofft, dass sie noch nicht der professionalisierten Massenabschlachtung zum Opfer gefallen sind, während um Butcher’s Crossing herum lediglich versprengte und jämmerlich wirkende Restherden zu finden sind.

Williams schildert das entbehrungsreiche Leben im US-amerikanischen (wilden) Westen um 1870 so eindrücklich, dass man beim Lesen diese Zeit gleichsam einatmet. Man schmeckt den Staub, riecht den Schweiß und fühlt sich unbehaglich, wenn die Männer auf ihr hartes Nachtlager sinken. Man kriegt einen trockenen Gaumen, wenn dem Jagdtrupp das Wasser ausgeht. Dabei spürt man beinahe körperlich das Leid der Zugochsen und Pferde, denen die Zungen anschwellen, spürt die Auszehrung der Männer, die nur noch apathisch auf ihren dahinstolpernden Gäulen hocken und möchte den Autor am liebsten anflehen, sie auf der nächsten oder übernächsten Seite doch bitte endlich Wasser finden zu lassen. Und wenn man die Jäger und Schlächter schließlich bei ihrer blutigen Arbeit begleitet, ist das abstoßend und beeindruckend zugleich. Wer schon einmal eine Bisonherde in freier Wildbahn gesehen und diese majestätischen Tiere bewundert hat (ein tolles Erlebnis!), kriegt zumindest eine Gänsehaut, wenn nicht den heiligen Zorn, wenn ein Büffel nach dem anderen abgeschossen wird und am Ende eines langen, blutigen Tages mehr als 130 Kadaver auf dem Schlachtfeld liegen und die Häuter quasi im Blut baden. Und das ist erst der Anfang. Miller steigert sich regelrecht in einen Jagdrausch und hört nicht auf die Ratschläge seiner Kameraden. Obwohl er den Irrsinn des Massenabschlachtens und seine Folgen – auch für die professionellen Jäger – eigentlich erkennen müsste, versündigt er sich gleichsam an der Natur, die ihn ernährt. Bis diese ebenso erbarmungslos zurückschlägt.

Die Nachfrage nach Bisonhäuten brachte das Wahrzeichen der Prärie an den Rand der Ausrottung. Ohne die Gründung des Yellowstone-Nationalparks im Jahr 1872 hätten die Jäger es auch geschafft – unter anderem, weil die Weißen den Indianern durch Vernichtung ihrer Nahrungsquelle die Lebensgrundlage entziehen wollten, um sie aus ihren angestammten Gebieten zu vertreiben. Bisonjäger wie Buffalo Bill Cody erlegten zu dieser Zeit jährlich eine Million Tiere, um deren Felle in den Osten zu schaffen. Um die Jahrhundertwende lebten nur noch zwei Dutzend (!) Exemplare, die Rettung der Bisons gelang buchstäblich in letzter Minute.

John Williams klagt nicht an. Vielmehr bringt er dem Leser in farbenprächtigen und geruchsintensiven Bildern das Leben in dieser Region um 1870 nahe, die zwischen Einsamkeit und geschäftigem Treiben Gegensätze bereithält, wie sie krasser kaum sein könnten. Eine ähnliche Faszination, gespeist aus plastisch geschildertem Lokalkolorit und beharrlicher Selbstaufopferung über die Grenzen des menschlich Ermesslichen hinaus hat bisher nur Joseph Conrads Herz der Finsternis auf mich ausgeübt.

Butcher’s Crossing erschien erstmals 1960 und wurde in den USA mehrfach neu aufgelegt. Bernhard Robben hat den Roman kongenial übersetzt, der bei dtv als Hardcover herauskam.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s