Letzter Tanz & Der Insektensammler

Jeffery Deaver hab ich durch seine Short-Story-Sammlung Todesreigen für mich entdeckt und kurz darauf mit seiner Lincoln-Rhyme-Reihe begonnen, weil mir das Ermittlerduo Rhyme und Sachs ungewöhnlich und interessant erschien: Rhyme ist querschnittsgelähmt und erledigt als freier Miterbeiter des New Yorker Police Departments seine Arbeit als Spurensucher überwiegend vom High-Tech-Bett in seiner Wohnung aus. Dabei dirigiert er die junge Polizistin Amelia Sachs, die er im ersten Roman Der Knochensammler für seine Arbeit begeistern und gewinnen konnte. Für den Spannungsaufbau ist diese Zusammensetzung ideal: Der Stratege Rhyme untersucht den Fall anhand der Spuren, und Amelia Sachs nimmt es draußen an der „Front“ mit den Verdächtigen auf, was Deaver jede Möglichkeit eröffnet, auch Action in die Geschichten einzubauen.

Letzter TanzIn Letzter Tanz, dem zweiten Roman der Reihe, arbeiten sie nun schon seit einem Jahr zusammen, und Sachs ist dabei, Erfahrung zu sammeln. Der neue Fall nimmt aber schnell Ausmaße an, die ihr über den Kopf zu wachsen drohen. Sie und Rhyme versuchen, mithilfe forensischer Methoden einem Killer auf die Spur zu kommen, der mutmaßlich beauftragt wurde, unliebsame Zeugen aus dem Weg zu räumen. Einmal war der Totentänzer, der seinen Namen einer Tätowierung verdankt, bereits erfolgreich. Den zweiten und dritten Mord will Rhyme unbedingt verhindern, zumal er mit dem Killer noch eine Rechnung offen hat: Der Totentänzer hat bei einem früheren Fall zwei Polizisten aus Rhymes damaligem Ermittlerteam getötet. Rhyme ist sogar bereit, das Risiko einzugehen, dem Killer seine Opfer als Lockvögel zu präsentieren. Allerdings ist der Totentänzer zu gerissen, um in die Falle zu gehen; vielmehr dreht er den Spieß um. Sachs gerät in Lebensgefahr, zumal sie letztlich nie ganz sicher sein kann, wer Freund und wer Feind ist.

Der InsektensammlerDie ersten beiden Lincoln-Rhyme-Krimis kamen bei Goldmann heraus, seit dem dritten Roman Der Insektensammler erscheinen sie bei Blanvalet (beide Verlage gehören zu Random House). Diesmal weilen Rhyme und Sachs in North Carolina, wo Lincoln Rhyme sich bei einer Spezialistin einer Operation unterziehen will, die seine Querschnittslähmung zumindest bessern soll. Der örtliche Sheriff Bell ist ein Cousin eines von Rhymes New Yorker Kollegen und bittet um Hilfe, weil ein Sechzehnjähriger zwei jungen Frauen entführt und einen Polizisten ermordet haben soll. Rhyme und Sachs lassen sich breitschlagen und unterstützen Bells Deputys bei der Suche nach dem Versteck, in dem der junge Garrett Hanlon die Frauen gefangen hält. Rhyme analysiert vom Krankenbett aus die Spuren, Amelia Sachs begleitet die Deputys in die abgelegenen Wälder. Doch Hanlon ist ein cleveres Bürschchen, das fiese und lebensgefährliche Fallen aufgestellt hat, um die Polizisten bei ihrer Suche zu behindern. Sachs kommen bald Zweifel, ob sich alles wirklich so zugetragen hat, wie die Deputys vermuten, bei denen die Colts sehr locker zu sitzen scheinen. Als die Eltern einer der Entführten eine Belohnung aussetzen, hat Sachs draußen in der Wildnis außerdem noch ein paar Einheimische auf dem Hals, die eine Menschenjagd auf Hanlon anzetteln. Sachs folgt ihrem Instinkt und stellt sich sogar gegen Rhyme, der sich ausschließlich auf Spuren verlässt und Mutmaßungen aus der Ermittlungsarbeit ausklammern möchte. Wer Recht hat und wer nicht, stellt sich erst ganz am Ende heraus. Bis dahin darf der Leser sich auf eine wahnwitzige Achterbahnfahrt voller Spannung, Tempo und irrer Wendungen begeben, die der Autor überzeugend rüberbringt. Und als der Fall gelöst scheint, holt Deaver noch einmal den Vorschlaghammer raus, stellt alles auf den Kopf und präsentiert einen Paukenschlag, der lange nachhallt.

Deaver schreibt das, was man landläufig Pageturner nennt. Seine Stärke ist es, interessante und lebendige Charaktere in eine spannende Story voller unerwarteter Wendungen einzubauen. Wie John Grisham im Bereich der Juristerei versteht es Deaver außerdem, die forensischen Methoden plastisch und realitätsnah zu schildern, ohne den Leser mit seinen Details zu langweilen – ganz im Gegenteil: Gerade die klitzekleinen Hinweise und oftmals belanglos erscheinenden Spuren sind es, die es Rhyme und Sachs ermöglichen, Puzzleteilchen um Puzzleteilchen zusammenzufügen, um letztlich die Fälle zu lösen. Der Leser kann sich bis zur letzten Seite nicht sicher sein, was ihn noch erwartet. Nur auf eins kann er setzen: Deaver wird ihn überraschen. Wenn ich die ersten drei Lincoln-Rhyme-Romane zusammengenommen betrachte, ist das absolut herausragend. Jeffery Deaver gehört zu den besten Thrillerautoren unserer Zeit.

9 Antworten zu “Letzter Tanz & Der Insektensammler

  1. Wahnsinn! Hab mir gleich den ersten Teil gekauft. Das MUSS ich lesen…

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  2. TheFallenAngel

    @deaver (ich schreib das mal hier rein)
    den film ‚knochenjäger‘ hab ich auch schon mehrmals gesehen, DER gefällt mir sehr gut.
    gelesen hab ich von deaver bisher nur den ‚cyber‘-thriller ‚lautloses duell‘. der war sehr spannend, eben pageturner-mäßig *g, hatte auch nach ca. nem viertel (glaub ich) n irren twist, aber – das ganze computerzeugs war mMn teils sehr unglaubwürdig. die technischen möglichkeiten + abläufe und sowas, daß ärgerte mich sehr.
    danach hab ich deaver ignoriert *g
    sollte ich dem nu doch nochmal ne chance geben?
    (bei greg iles war das übrigens ganz genauso im ablauf bei mir, sehr spannenden cyberkrimi gelesen, titel weiß ich grad leider nicht, der aber solche technischen ‚bolzen‘ dabei hatte, daß ich den autoren trotz aller spannung auf mein persönliches abstellgleis schob *g)

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    • Bei den Rhyme-Thrillern ist das anders. Ich kann die forensischen Details zwar nicht wirklich beurteilen, auf mich hat aber alles sehr gut recherchiert und realistisch gewirkt. Bolzen sind mir jedenfalls nicht ins Aug gesprungen. :-D

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  3. TheFallenAngel

    ok, dann werde ich dir einfach mal vertrauen und deaver nochmal versuchen.
    für die akten – titel des erwähnten greg iles romans: @e.r.o.s.

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    • Erst Solera1847, und jetzt du – ihr lastet mir ganz schön viel Verwantwortung auf! Bitte bei Nichtgefallen nicht hauen! :-D

      Greg Iles hatte ich bisher noch gar nicht aufm Schirm, aber wenn der Bolzen verschießt, dann lass ich ihn wohl erst mal in der Versenkung. ;-)

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  4. Bei Deaver war ich schwer (!) begeistert von ‚Die Tränen des Teufels‘. Hingegen mich z.B. „Der faule Henker‘ gelangweilt hat. Licht und Schatten. Ich sollte mal mit Rhyme&Sachs anfangen ;-)

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