Kinosterben

Zwielicht Classic 9Ich war schon lange nicht mehr im Kino – Schande über mich! Und dabei bin ich eigentlich Kinofan, so lange ich denken kann. Mit Märchen- und Zeichentrickfilmen fing es an, dann kam der ganze Rest. Einen nostalgischen Ausflug in die Zeit der Lichtspielhäuser, wie man früher auch dazu sagte, hab ich von knapp zehn Jahren mit meiner Story Kinosterben unternommen, die jetzt in ZWIELICHT CLASSIC 9 wiederveröffentlicht wurde. Multiplex-Kinos stehe ich zwar nicht so ablehnend gegenüber wie die Hauptfigur der Geschichte, erinnere mich aber trotzdem gern an die „gute, alte Zeit“, als Kino noch einen anderen Stellenwert hatte als heute – als es noch keinen Fernseher gab, oder zumindest keine 4711 TV-Programme und DVD oder Blu-ray samt Großbildmonitor und 5.1-Dolby-Digital-Heimbeschallung.

Leseprobe „Kinosterben“

Durch eine düstere Gasse steuerte Lansing auf den Marktplatz zu, auf dem noch vor wenigen Jahren das Leben farbenfroh und geräuschvoll pulsiert hatte. Jetzt fand sich dort nur noch graues Einerlei; ein von sterbenden, verfallenden Gebäuden und Ruinen umgebener Flickenteppich aus rissigen Steinplatten. Die einzigen Farbtupfer um den längst versiegten Brunnen in der Platzmitte herum bildeten ungehemmt aus den Fugen wuchernde Grasbüschel und Unrat, für dessen Entsorgung sich niemand mehr zuständig fühlte.

Eigentlich hätte Lansing sich dem Platz, an dessen Stirnseite das CASABLANCA über Jahrzehnte als zentraler Anziehungspunkt gewirkt hatte, von der Hauptstraße her nähern können. Dort wäre er vermutlich ebenso wenig aufgefallen wie in der verlassenen Seitengasse. Aber er wollte kein Risiko eingehen und mied sowohl die Straßenlaternen als auch die vom Mondlicht beschienenen Freiflächen. Stets hielt er sich dicht an den Hauswänden, um im Schatten der Gebäude unerkannt zum altehrwürdigen Filmpalast zu gelangen, über dessen Eingang der verschnörkelte Namenszug prangte und auf den Bereich vor dem Kino traurig herabzuschauen schien.

Nun – ein Palast war das CASABLANCA wohl nie gewesen, dazu war es nicht groß genug. Vielmehr war es ein kleines, feines Juwel, das tausendmal mehr Herz und Seele besaß als diese neonbeleuchteten Multiplex-Glasbauten, die sich, gefolgt von Fast-Food-Läden, mittlerweile beinahe in jeder Großstadt eingenistet hatten wie Geschwüre.

Multiplexe – was für ein Name!, dachte Lansing, während er sich geduckt der doppelflügeligen Eingangstür mit den ovalen Glaseinsätzen näherte. Immer wieder blickte er sich dabei um, konnte jedoch niemanden ausmachen, der ihm folgte. Noch waren sie nicht hinter ihm, aber sie würden kommen, das war so sicher wie das Amen in der Kirche.

Auf der freien Fläche vor dem Kino beschleunigte Lansing seine Schritte. Das gebückte Gehen fiel ihm nicht sonderlich schwer. Im Gegenteil: In seinem Alter bedeutete eine aufrechte Haltung zusätzliche Anstrengung. Dann endlich hatte er den Eingang des CASABLANCA erreicht.

Er zog den Schlüssel aus der Hosentasche – seinen Schlüssel, den ihm Herr Dehmer, der ehemalige Besitzer, einst für treue Dienste anvertraut hatte – und versuchte, ihn mit zitternder Hand ins Schloss zu stecken. Im Mondschein war dies ein schwieriges Unterfangen, zumal Lansings Augenlicht nicht mehr so zuverlässig wie noch vor einigen Jahren war; damit war es ebenso steil bergab gegangen wie mit dem CASABLANCA, das ihm nach dem Krieg vorübergehend als Unterkunft gedient und schließlich sechsundfünfzig Jahre lang Lohn und Brot eingebracht hatte. Was hatten sie alles gemeinsam erlebt! Und jetzt? Aus und vorbei!

Endlich fand der Schlüssel sein Ziel, und nach einem metallischen Klicken sprang der rechte Türflügel auf. Rasch trat Lansing ein und drückte hinter sich die Tür wieder ins Schloss. Dunkelheit umfing ihn, und der Geruch des Teppichs und der Wandbehänge aus Samt begrüßte ihn wie einen guten, alten Freund. Eine Zeit lang blieb Lansing stehen und sog diesen vertrauten Duft tief ein, bevor er sich seufzend daran erinnerte, weswegen er hierhergekommen war. Er griff in die Innentasche seines Cordsakkos und förderte eine kleine Taschenlampe zutage – eine der wichtigsten Utensilien eines Filmvorführers der alten Schule, der noch überall selbst Hand anlegte und sich nicht auf Maschinen und Computerprogramme verließ. Mit einem vielfach geübten Fingerschnippen schaltete er die Lampe ein und leuchtete über den einst dunkelroten, jetzt eher braunen Teppichboden des Foyers bis zur gewundenen Treppe, die hinauf in den Kinosaal führte. Er ließ den Lichtstrahl über das Glas des Kassenhäuschens streifen, und über die Schaukästen, in denen er Tausende und Abertausende von Filmplakaten und Szenenfotos aufgehängt hatte. Noch jetzt spürte er die zahllosen Schläge mit dem Hämmerchen auf seinem Daumen und Zeigefinger, wenn er die kleinen Nägel verfehlt hatte, mit denen die Plakate an die samtbespannten Rückwände der Kästen gepinnt worden waren.

Kurz war Lansing versucht, die Eingangstür von innen abzuschließen, aber damit konnte er sie natürlich nicht aufhalten, wenn sie anrücken würden, also ließ er es bleiben. Wiederum entfuhr ihm ein Seufzer. Er durfte hier nicht so lange verweilen, auch wenn es ihm unendlich viel Freude bereitete, in Erinnerungen zu schwelgen. Die Nacht war zu kurz, um sie hier im Foyer zu vertrödeln. Es gab Wichtigeres. Schöneres.

So schnell es seine alten Knochen zuließen, stieg Lansing die Treppe hinauf und wollte auf den Vorführraum zusteuern, als er unvermittelt innehielt und sich nach dem Saaleingang umdrehte. Ein kurzer Blick musste gestattet sein, bevor er sich an seine Arbeit machte. Ehe er sich versah, hatte er bereits seine Rechte nach der Messingklinke ausgestreckt und öffnete die Tür, die nicht verschlossen war. Einen Moment lang blieb er im Türstock stehen, dann trat er ein. Hier erwartete ihn ein anderer, jedoch ebenso vertrauter Duft, der von den alten Polsterbezügen der Saalbestuhlung herrührte. Für manche mochte es muffig riechen – für Lansing war es das Aroma der guten, alten Zeit, die natürlich nicht spurlos an einem vorüberging.

Lansings Blick folgte dem Lichtstrahl der Taschenlampe, der zittrig über die Stuhlreihen huschte und auf dem schweren Vorhang, der die Leinwand verbarg, helle Schlierenmuster erzeugte. Dann wanderte der Strahl über die Stuckverzierungen und die alten Leuchter an der Seitenwand bis zum Balkon, der auf zwei Marmorsäulen ruhte, und der manchem verliebten Pärchen unbeobachtete, leidenschaftliche Stunden beschert hatte.

Ganz unbeobachtet waren sie dort natürlich nicht gewesen. Hinter dem Balkon befand sich eine über dem Vorführraum liegende Kammer, in der Werbematerial und Aktenordner aufbewahrt worden waren, bevor Herr Dehmer das Büro im Erdgeschoss erweitert hatte. Durch ein kleines, unscheinbares Fenster konnte man von der Kammer auf den Balkon und die Leinwand sehen. Über das, was Lansing dort alles hatte beobachten können, breitete er geflissentlich den Mantel des Vergessens, aber von Zeit zu Zeit drängten auch diese Erinnerungen an die Oberfläche seines Bewusstseins.

Mit einem Ruck löste er sich davon, machte kehrt und verließ den Saal. Er begab sich in den Vorführraum, der nur auf einer Seite Fenster besaß; kleine, quadratische Fenster von unterschiedlicher Größe, durch die in den vergangenen Jahrzehnten Abermillionen von Einzelbildern auf die Leinwand geworfen worden waren: vierundzwanzig pro Sekunde, über sechsundachtzigtausend pro Stunde. Unten im Saal hatten sie die laufenden Bilder erzeugt, die das Publikum oftmals verzauberten, die es lachen oder schaudern ließen, und die manchmal auch nur Kopfschütteln hervorriefen.

Jetzt erst getraute Lansing sich, das Licht einzuschalten; aber nur die Lampe über dem alten Tisch, an dem er unzählige Zelluloidstreifen wieder zusammengeklebt hatte, nachdem sie gerissen waren. Aus dem Vorführraum konnte der Lichtschein nur in den Saal dringen, außerhalb des Gebäudes war davon nichts zu sehen.

Lansing trat an eines der größeren Fenster, vor dem einer der beiden schweren Projektoren stand, und blickte hinunter in den Zuschauerraum. Plötzlich war ihm, als hätte er Schatten durch die Stuhlreihen huschen sehen. Er zwinkerte und rieb sich die Augen, dann schaute er erneut durch das Guckloch. Nichts. Vermutlich hatte er sich getäuscht. Jetzt war eigentlich auch noch nicht mit denen zu rechnen, die ihm auf den Fersen waren. Vielleicht hatte er die Geister der anderen Filmtheater erblickt, die in den letzten Jahren bereits dem Erdboden gleichgemacht worden waren. Vielleicht hatten diese Geister hier im CASABLANCA ihre letzte Heimstätte gefunden. Wenn dem so war, dann würde Lansing sich mit Freude zu ihnen gesellen. Ein Lächeln überzog sein Gesicht.

© 2007, 2015 Christian Weis

Wie es weitergeht, kann man in ZWIELICHT CLASSIC 9 nachlesen, das als Paperback oder eBook erhältlich ist. Weitere Storys stammen unter anderem von Christian Endres, Hubert Katzmarz, Thorsten Küper, Marcus Richter, Malte S. Sembten und Torsten Scheib, außerdem enthält diese Ausgabe wie üblich einige Essays zum bzw. übers Horrorgenre.

6 Antworten zu “Kinosterben

  1. Glückwunsch zur Wiederveröffentlichung! :-) Mir geht es genauso. Mir gefallen vor allem die alten nostalgischen Lichtspielhäuser, die haben einfach mehr Charme und Atmosphäre. Früher war ein Kinobesuch ja noch was Besonderes. Sehe mir aber auch gern Blockbuster-Filme in Multiplex-Kinos an. Wobei sich auch meine Kinobesuche inzwischen in Grenzen halten. Es gibt zahlreiche Fortsetzungen, Neuverfilmungen, nur leider kaum neuen Ideen. Aber es gibt ja auch noch Programmkinos. ;-)
    Allerdings ein absolutes Muss: Jurassic World. Dafür dürfte sich Kino lohnen. Sehe ich mir demnächst an und bin gespannt. Der Film bricht ja alle Rekorde. :-)

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    • Danke! :-)

      Die Nostalgie der alten Kinos hat aber auch eine Kehrseite: Ich kann mich noch gut an die teilweise unbequemen und durchgesessenen Kinosessel erinnern … 3-Stunden-Filme wurden manchmal zur Rückenqual … :-D

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  2. Ich mag diese modernen Multiplex-Kinos auch nicht. Man fühlt sich darin immer wie Vieh, das einfach nur abgefertigt werden soll. Gleichzeitig erinnere ich mich an ein Kino in Würzburg, das noch diese alten Sitze hatte. Das war leider auch alles andere als bequem. Vermutlich bin ich zu sehr auf dem flachen Land aufgewachsen, um die glamouröse Seite der alten Kinopaläste erlebt zu haben.

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  3. Hey, Würzburg liegt bei mir um die Ecke! Hast du da mal gewohnt, oder studiert?
    Uralte Sitze, das könnte das kleine CITY mitten in der Stadt gewesen sein – Holzsitze mit Stoffbezug …

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  4. Damals war es sicher ein Erlebnis, ins Kino zu gehen. Ich gehe auch nicht so oft ins Kino, aber eigentlich nur deswegen, weil ich selten einen richtig guten Film finde :-). LG bilere

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    • Wenn ich Filme auf DVD anschaue, merke ich immer wieder, dass sie teilweise doch interessanter und besser sind, als ich beim Kinostart annehme …

      Irgendwie fällt es mir aber seit einigen Jahren schwerer, mich aufzuraffen ins Kino zu gehen – vielleicht auch, weil das Heimkino mit großem Bild und dem entsprechenden Sound ein anderes Erlebnis bietet, als wenn man vor 15 oder 20 Jahren einen Film auf Video auf dem stinknormalen Fernseher angeschaut hat.

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