Der letzte Tag der Schöpfung

Der letzte Tag der Schöpfung ist in meinem Wieder-mal-Lesen-Stapel aus traurigem Anlass ganz nach oben gerutscht. Am 10. Juni verstarb Wolfgang Jeschke, einer der ganz Großen der SF im deutschsprachigen Raum, der sich sowohl als Herausgeber als auch als Autor einen Namen gemacht hat. Wobei die Herausgeberschaft, vor allem beim Heyne Verlag, immer im Vordergrund stand. Seine eigenen Romane und Kurzgeschichten wurden zwar vielfach preisgekrönt, sind zahlenmäßig aber überschaubar geblieben – in Interviews gab Jeschke immer wieder an, dass er ein langsamer Schreiber sei, bei dem Ideen erst lange reifen müssten, bevor er sie zu Papier bringe. Zeitreisen müssen ihn intensiv beschäftigt haben, denn dieses Thema taucht in seinen Romanen und Erzählungen immer wieder auf. Der letzte Tag der Schöpfung erschien erstmals 1981 und wurde mit dem Kurd Laßwitz Preis als bester Roman des Jahres ausgezeichnet. Ich habe die Taschenbuchausgabe aus der Heyne-Reihe Meisterwerke der Sience Fiction in einer schönen Aufmachung, die in dieser Form meines Wissens leider nicht weitergeführt wird.

Der letzte Tag der SchöpfungAmerikaner reisen mithilfe ihrer Chronotron genannten Zeitmaschine viele tausend Jahre in die Vergangenheit, um die Zukunft zu ändern. Da in den 1970er Jahren eines der wertvollsten und wichtigsten Güter, das Erdöl, die USA in eine ungewollte Abhängigkeit von arabischen Staaten manövriert hat, wollen findige Militärs und Wissenschaftler dieses Problem beseitigen, indem sie den Arabern das Öl wegpumpen, bevor diese überhaupt danach bohren. Doch als die ersten Zeitreisenden in einer Epoche ankommen, als Mammuts und Säbelzahntiger die Zielgebiete bevölkerten, zeigt sich sofort, wie löchrig der Plan ist: Die Verwerfungen in der Zeitlinie, die durch eine solche Aktion hervorgerufen werden, lassen sich weder vorhersagen noch steuern. Und sie rufen natürlich Gegenmaßnahmen der „Geschädigten“ hervor, die ihrerseits das Vorhaben bekämpfen.

Zeitreisegeschichten greifen fast zwangsläufig die Frage des Paradoxons auf, das sich daraus ergibt, wie die Gegenwart eines Zeitreisenden verändert wird, wenn er in der Vergangenheit Spuren hinterlässt oder sogar gravierende Eingriffe vornimmt. Mit den Überlegungen dazu haben Generationen von Science-Fiction-Autoren und -Fans ihre Gehirnwindungen verknotet. Wolfgang Jeschke knotet munter mit, aber auf eine Art und Weise, die keine Schmerzen, sondern Lesevergnügen hervorruft. An diesem Roman lässt sich exemplarisch sehen, welch außergewöhnlich guter Erzähler Jeschke war: Er verstand es, eine Geschichte spannend zu erzählen und dabei eine dichte Atmosphäre zu erschaffen, die man beim Lesen beinahe mit Händen greifen kann. Ohne in Sentimentalitäten abzugleiten, bringt er dem Leser seine Figuren so nahe, dass einen ihr Schicksal rührt. Wie seine Romanfiguren in der Zeitgeschichte Spuren hinterlassen haben, so hat auch Wolfgang Jeschke Fußstapfen hinterlassen, die in seinem Fall an Basketballerfüße erinnern. Die Science-Fiction-Gemeinde hat einen Stützpfeiler verloren.

Eine Antwort zu “Der letzte Tag der Schöpfung

  1. Ist schon zum Lesen vorgemerkt!

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