Bird Box – Schließe deine Augen

Josh Malerman ist eigentlich Leadsänger und Gitarrist einer amerikanischen Indie-Band. Mit Bird Box ist ihm ein mehr als nur beachtlicher Debütroman gelungen, den man in etwa mit Der Nebel von Stephen King oder Die Straße von Cormac McCarthy vergleichen könnte. Mit Kings Kurzroman eher inhaltlich, mit McCarthy auch stilistisch, da Malerman einen ähnlich schnörkellosen, aber durchaus effektvollen Stil pflegt.

Bird BoxDer Roman geht von einer einfachen Grundannahme aus, die viel Raum für eine kammerspielartige Horrorgeschichte mit einer bedrückenden Atmosphäre bietet: In Malermans Endzeitszenario haben sich die wenigen überlebenden Menschen in ihren Häusern verbarrikadiert und können sich nur noch mit geschlossenen oder verbundenen Augen ins Freie wagen. Denn dort geht etwas um, ein Wesen oder eine Erscheinung, dessen Anblick Mensch und Tier wahnsinnig werden lässt. Bei Tieren führt dies zur Raserei, Menschen treibt es in den Selbstmord.

Die Protagonistin Malorie ist mit zwei kleinen Kindern flussabwärts unterwegs – eine der wenigen Möglichkeiten, wie man mit verbundenen Augen an einen anderen Ort gelangen kann. Bald müssen sie feststellen, dass sie nicht allein dort draußen sind. Dies ist allerdings nur die Rahmenhandlung, die sich mit Rückblenden abwechselt, in denen erzählt wird, wie der ganze Irrsinn angefangen hat und was Malorie, die damals gerade von ihrer Schwangerschaft erfahren hat, seitdem alles durchgemacht hat. Durch die Sprünge in den Erzählzeiten muss man gelegentlich aufpassen, in welchem Zeitabschnitt man sich gerade befindet, aber durch diesen Kniff hält Malerman die Spannung hoch. Rückblenden funktionieren in der Belletristik nicht immer, hier ist der nicht-chronologische Aufbau der Geschichte aber durchaus sinnvoll. Die packendsten Momente sind dabei diejenigen, in denen die Überlebenden Entscheidungen treffen müssen, die eigentlich niemand treffen möchte: Lässt man Fremde, die an der Tür klopfen und um Hilfe bitten, ins Haus – angesichts der Gefahren und der Lebensmittelknappheit? Blendet man die eigenen Kinder, damit man nicht Angst haben muss, dass die Kleinen in einem unbeaufsichtigten Moment vielleicht nach draußen gehen oder schauen?

Malerman erzählt, wie schon erwähnt, in einer einfachen Sprache. Dadurch erschafft er aus einer gelegentlich nüchternen Betrachtungsweise banaler Dinge immer wieder Szenen, die urplötzlich an Intensität gewinnen und den Horror erzeugen, den er transportieren will. Dies steigert er zum Ende hin zu einer Art Gefühlsachterbahn der Protagonistin, die ich hier nicht näher beschreiben mag – das muss man selbst gelesen oder vielmehr miterlebt haben. Selten bin ich auf Passagen in Romanen oder Kurzgeschichten gestoßen, die atemberaubender erzählt waren. Nach gut 300 Seiten ist dann Schluss, was positiv zu vermerken ist, denn manch anderer Horrorautor hätte aus der Geschichte vielleicht ein 1000-Seiten-Epos mit ausführlicher Lebensgeschichte jeder einzelnen Figur gemacht, bei dem sich die Effekte schnell totlaufen. Alles in allem: Daumen hoch!

4 Antworten zu “Bird Box – Schließe deine Augen

  1. Hab mir gleich das Hörbuch geladen. Klingt unglaublich spannend!

    Gefällt 1 Person

  2. Pingback: Gehört: „Bird Box. Schließe deine Augen“ | solera1847

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