Görings Plan

Was wäre, wenn … ist im Grunde die Frage, die jeder guten Geschichte vorausgeht, jeder fiktiven Geschichte zumindest. Wenn diese Fiktion in historische Begebenheiten eingebettet wird, erlaubt es eine andere Sicht der Dinge, die mitunter spannender sein kann als die Historie selbst. Solche Settings finde ich äußerst reizvoll – bis hin zum Alternativweltroman, in dem die Geschichte ab einem gewissen Zeitpunkt einen anderen Verlauf nimmt. Krimiautor Jan Beinßen dreht in Görings Plan das Rad nicht ganz so weit, sondern bleibt im Rahmen der historischen Wahrheit. Die verbürgten Geschehnisse rund um die Nürnberger Prozesse füllt er mit Spekulationen auf, was dort hinter den Kulissen geschehen und nicht in den offiziellen Protokollen oder der Geschichtsschreibung gelandet sein könnte.

Umschlag_Beinssen_050314.inddDer Journalist und Radiomoderator Julian Heldt befindet sich beruflich wie privat in einer Sackgasse. Da kommt ihm die E-Mail einer Studentin an den Sender gerade recht, in der die junge Frau eine brisante Story anbietet, deren Weiterverfolgung Julian lohnend erscheint: Es gibt Hinweise, dass sich Hermann Göring der Vollstreckung des Todesurteils aus den Nürnberger Prozessen nicht durch Suizid entzog, sondern ermordet wurde. Aber warum sollte jemand einen Verurteilten noch vor seiner Hinrichtung ermorden? Als Julian die Studentin in ihrer Wohnung aufsucht, um das Vorgespräch für ein Interview zu führen, wimmelt ihn die junge Frau ab. Sie behauptet, ihr Professor hätte ihr untersagt, ihre bisherigen Erkenntnisse über Göring in diesem Stadium der Recherche an einen Journalisten weiterzugeben. Kurz darauf erfährt Julian, dass sich die Studentin das Leben genommen hat – zu einem Zeitpunkt, bevor er in ihrer Wohnung mit ihr sprach. Mit wem hat er also dort geredet? Jetzt ist Heldts Neugierde erst recht geweckt. Seine Nachforschungen führen ihn quasi zu einer Zeitreise ins Nürnberg des Jahres 1946 und wieder zurück in die Gegenwart.

Jan Beinßen lebt in der Nähe von Nürnberg und hat sich der Kriminalliteratur verschrieben. Seit 2005 veröffentlicht er Romane um seinen fränkischen Ermittler Paul Flemming, beschreitet zwischendurch aber immer wieder auch andere Pfade. In Görings Plan lässt er fiktive Charaktere neben historischen Persönlichkeiten agieren, wobei er Hermann Göring so darstellt, wie man ihn aus Zeitdokumenten kennt. Das Drumherum im zerbombten Nürnberg beschreibt er so realistisch, dass das Leben der Menschen in den Trümmern für den Leser greifbar wird, als würde ein Zeitzeuge seine Erlebnisse schildern. Krimihandlung, Lokalkolorit und historischer Hintergrund werden dabei so geschickt verwoben, dass man irgendwann beim Lesen völlig vergisst, sich zu fragen, was historisch verbürgt und was Fiktion ist.

Es bleibt hochspannend bis zum Schluss. Am Ende zaubert Beinßen erfreulicherweise keinen Hollywood-Showdown aus dem Hut (der hier unpassend wäre), sondern bleibt seiner Linie treu. Der Roman ist im ars vivendi verlag erschienen und absolut empfehlenswert.

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