Das Syndrom

Krieg der Klone und die Fortsetzungen aus dem Old-Man’s-War-Universum haben mich zum Fan von John Scalzi gemacht, der nicht nur mit seinen Military-SF-Werken sehr erfolgreich ist. Die Standalone-Romane Agent der Sterne und Androidenträume fand ich ebenfalls klasse, Der wilde Planet hat mir auch gefallen. Von Redshirts war ich dann erstmals enttäuscht, und auch die zum Roman zusammengefasste Storysammlung Die letzte Einheit (wiederum Old-Man’s-War-Universum) konnte mich nicht so recht begeistern. Als ich die ersten Infos zu seinem neuesten Roman Lock In las, kam dennoch Vorfreude auf. Der Storyhintergrund kombiniert mit einem Krimiplot versprach wieder gute Unterhaltung im Scalzi-Stil. Auf Deutsch ist der Roman inzwischen unter dem Titel Das Syndrom bei Heyne erschienen, wie üblich in einer angenehm zu lesenden Übersetzung von Bernhard Kempen.

Das SyndromSeitdem es das Haden-Syndrom gibt, ist die Welt nicht mehr so, wie sie vorher war. Allein in den USA wurden mehr als vier Millionen Menschen Opfer der Pandemie und sind vom sogenannten Lock-in befallen: Sie haben die Kontrolle über ihren Körper verloren. Allerdings sind sie geistig oftmals topfit und können aufgrund neuester technischer Errungenschaften entweder androidenhafte Roboter steuern oder andere Menschen, die sogenannten Integratoren. Ist natürlich auch eine Frage des Geldbeutels. Wer genug Kohle hat, kann sich an jedem beliebigen Ort der Welt bei einer Autovermietung einen Roboterkörper mieten und muss nicht mehr mühsam von A nach B reisen. Neuronale Netze im Gehirn machen dies möglich.

Der junge Chris Shane ist ein privilegierter Haden. Sein Vater ist reich, also kann sich Chris jeweils das neueste Robotermodell leisten. Im ersten Kapitel tritt er seinen Dienst als Rookie beim FBI an – in einer speziellen Einheit, die ausschließlich Fälle mit Haden-Syndrom-Bezug bearbeitet. Gleich an seinem ersten Tag wird er zusammen mit seiner Seniorpartnerin Vann mit einem Mordfall konfrontiert. Danach beschreibt Scalzi recht ausführlich die Auswirkungen des Syndroms auf Einzelpersonen und auf die Gesellschaft, in der die Roboter ebenso zum Alltagsbild gehören wie etwa die gleichgeschlechtliche Ehe. In der Medizintechnik ist aufgrund des Haden-Syndroms ein Multi-Milliarden-Dollar-Geschäft entstanden. Der Mord, den Shane und Vann untersuchen sollen, scheint etwas mit diesem Geschäft zu tun zu haben.

Nach eher gemächlichem Beginn kommt die Krimihandlung im zweiten Drittel so richtig in Fahrt. Dabei muss Shane schmerzlich feststellen, dass die Möglichkeit der Hadens, einen Roboter zu benutzen, besondere Probleme für die Ermittlungsarbeit mit sich bringt, denn so einen Roboter kann man ohne Rücksicht auf Verluste handeln lassen. Und wenn ein Haden in einem Roboter oder in einem menschlichen Integrator steckt: Wie kann man sicher sein, dass auch tatsächlich der Haden drinsteckt, den man darin vermutet?

Scalzi spielt seine Stärke aus, die Story über die Dialoge voranzutreiben. Außerdem gelingt ihm der Spagat, nach ernsten Szenen immer wieder zu einer augenzwinkernden Erzählweise zurückzukehren. Er zieht sein Intrigenspiel so auf, dass es Spaß macht zu verfolgen, wer letztlich wem ein Schnippchen schlägt. Damit knüpft er an seine Romane vor Redshirts an. Die Originalfassung Lock In wurde für mehrere SF-Preise nominiert, was allerdings nicht automatisch etwas heißen muss – mit Redhirts hat er einige gewonnen, trotzdem hat mir der Roman nicht sonderlich gefallen. Hier scheinen mir die Nominierungen aber gerechtfertigt. Das Syndrom ist ein unterhaltsamer und spannender SF-Roman, für den Scalzi sich einen hochinteressanten Hintergrund ausgedacht hat.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s