Der Tag der Lerche

Der Tag der Lerche ist Jo Waltons zweiter Inspector-Carmichael-Roman nach Die Stunde der Rotkehlchen. Der Roman wurde 2008 mit dem Prometheus Award ausgezeichnet (den auch SF-Größen wie Charles Stross, Neal Stephenson, Cory Doctorow und Ernest Cline gewannen). Die deutsche Ausgabe der Alternativwelt-Trilogie erscheint im Berliner Golkonda Verlag und ist – wie bei Golkonda üblich – dank der Gestaltung von benswerk schon rein optisch eine Augenweide.

Der Tag der LercheDas Deutsche Reich und England haben nach dem Zweiten Weltkrieg Frieden geschlossen. Während Hitler über halb Europa herrscht und mit Stalin weiterhin Krieg führt, entwickelt sich England mehr und mehr zu einem totalitären Staat. Der Siegeszug des Faschismus scheint auch deswegen unaufhaltsam, weil sich viele damit arrangieren und die Mächtigen versuchen, Profit daraus zu schlagen. Im Jahr 1949 steht ein Besuch Adolf Hitlers in London an, wo er zusammen mit dem neuen englischen Regierungschef eine Theateraufführung von Shakespeares Hamlet besuchen will.

Inspector Carmichael, der wegen seiner Homosexualität unter Beobachtung steht und seine Vorgesetzten zufriedenstellen muss, soll mit seinem Gehilfen Sergeant Royston den Tod der Schauspielerin Lauria Gilmore aufklären. Sie kam zusammen mit einem unbekannten Mann in ihrem Haus bei einer Bombenexplosion ums Leben. Es stellt sich die Frage, ob sie Opfer eines Anschlags wurde oder bei dem Versuch gestorben ist, eine Bombe zu basteln, die womöglich für Hitler gedacht war. Denn Lauria sollte eine Rolle in jener Theateraufführung spielen, die der Führer besuchen wird.

Laurias Kollegin Viola Lark (Lerche) übernimmt die Hauptrolle in der Hamlet-Inszenierung (aus dem dänischen Königssohn wurde eine dänische Königstochter gemacht – Cross-Gender-Besetzungen sind gerade en vogue) und wird tief in den Strudel aus Verschwörung und Mord hineingezogen. Ebenso wie Inspector Carmichael, der darauf achten muss, seinen Lebensgefährten Jack aus der Schusslinie zu halten und gegen seine Überzeugung den faschistischen Staatsapparat unterstützt, wenn er seine Arbeit macht. Soll er seine Seele verkaufen?

Seit In einer anderen Welt bin ich Fan von Jo Walton, weil sie mit ihrer unaufdringlich-eleganten Schreibe eine Atmosphäre erzeugt, die mich schon bei dem Fantasy-Roman beeindruckt hat. Mit leichter Hand überträgt sie diesen Stil auf die Krimiplots, die zwar in einem Agatha-Christie-Umfeld spielen, aber weit mehr zu bieten haben. Denn Walton scheut sich nicht, Themen wie Homophobie, Rassismus und Faschismus einfließen zu lassen und die ach so aristokratische Vornehmheit gewisser englischer Kreise bloßzustellen, die aufrechten Ganges und sehenden Auges geradewegs in die Katastrophe marschieren. Außerdem bewegt sich die aus Wales stammende und in Kanada lebende Autorin geradezu spielerisch im Was-wäre-wenn-Modus der Alternativweltstory, ohne dass es auch nur ansatzweise aufgesetzt wirken würde. Je länger man liest, desto mehr hält man ihre alternative Zeitlinie für die reale und fragt sich, wie sich Europa weiterentwickelt hätte, wenn Hitlerdeutschland 1945 nicht besiegt worden wäre. Dabei läuft es einem unwillkürlich eiskalt den Rücken hinunter.

Ich bin sehr gespannt auf den dritten Roman der Trilogie, der beim Golkonda Verlag unter dem Titel Das Jahr des Falken angekündigt ist, leider noch ohne konkreten Veröffentlichungstermin.

Eine Antwort zu “Der Tag der Lerche

  1. Muss ich mir unbedingt zulegen

    Gefällt 1 Person

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