Winter in Maine

Es gibt Bücher, die stellt man nach dem Lesen ins Regal und vergisst sie. Winter in Maine von Gerard Donovan gehört eindeutig nicht in diese Kategorie.

Winter in MaineJulius Winsome wohnt mit seinem Hund Hobbes in einem abgelegenen Haus in den nordamerikanischen Wäldern. Er führt ein einfaches, unkompliziertes Leben inmitten tausender Bücher, die ihm sein Vater hinterlassen hat. Eines Tages kehrt Hobbes von einem seiner Ausflüge in den Wald nicht zurück. Winsome findet ihn schwer verletzt – irgendjemand hat ihn angeschossen. Der Tierarzt kann den Hund nicht mehr retten. Winsome bleibt nur, ihn neben dem Haus zu begraben. Er trauert still um seinen vierbeinigen Gefährten. Nach einigen Tagen macht er sich auf die Suche nach demjenigen, der den Hund auf dem Gewissen hat. In der Nähe des Hauses streifen immer wieder Jäger durch den Wald, die auf alles schießen, was ihnen vor die Flinte kommt. War es einer von denen? Im nächsten Ort pinnt Winsome Aushänge an die Bäume, auf denen er um Hinweise bittet. Doch er kriegt keine, stattdessen werden die Plakate mit abfälligen Bemerkungen über den „Köter“ verschmiert. Winsome kramt das alte Scharfschützengewehr hervor, das sein Großvater aus dem Ersten Weltkrieg mitgebracht hat und macht nun seinerseits Jagd auf Jäger.

Die Passage, in der Winsome seinen schwerverletzten Hund findet, zum Tierarzt bringt und nach Hobbes’ Tod nach Hause in den Wald fährt, um ihn dort zu begraben, ist nur schwer zu ertragen – vermutlich selbst für Leute, die keine Tiere haben. Insofern ist man als Leser emotional eingenommen. Als Winsome dann den ersten Jäger tötet – ohne zu wissen, ob der Mann wirklich der Täter war – beginnt eine Achterbahnfahrt der Emotionen.

Donovan schildert die Ereignisse nicht aus der Ferne, sondern lässt Winsome als Ich-Erzähler auf den Leser los. Dabei verzichtet er auf Effekthascherei. Umso gebannter verfolgt man das, was sich in der Folge entwickelt. Denn Winsome ist zwar ein Eigenbrötler, aber weder Psychopath noch blutrünstiger Killer. Er nimmt das Recht in die eigene Hand, als er merkt, dass Hobbes’ Tod ansonsten nicht gesühnt werden würde. Dass ihm egal ist, ob er den oder die „Richtigen“ erwischt, rechtfertigt er in etwa so: „Ihr kommt, um im Wald zu schießen, aber der Wald hat zurückgeschossen.“ Als ich das las, fühlte ich mich sofort an ein YouTube-Video erinnert, das ich kurz davor gesehen hatte: Ein Hirsch geht am Waldrand auf einen Jäger los, trampelt mit den Vorderhufen auf ihm herum und lässt auch nicht von ihm ab, als der Mann seine Waffe verloren hat.

Der Roman macht etwas mit einem. Ich bin mir noch nicht schlüssig, ob er nur das aus einem hervorholt, was bereits in einem geschlummert hat oder ob er das, was in einem drin ist, auch verändert. Ähnlich wie bei dem Hirsch-Video, bei dem ich erst mal spontan dachte: „Geschieht dem Jäger ganz recht!“, habe ich mich dabei ertappt, dass ich Winsome für seine Tat nicht sofort verurteilt habe, obwohl ich Selbstjustiz keinesfalls gutheiße. Als er, auch um mit seiner Trauer umzugehen und den Verlust zu verarbeiten, weitere Jäger tötet, läuft es einem dann schon eiskalt den Rücken hinunter – aber immer noch ist man ganz nah beim Ich-Erzähler. Viel näher, als man es vernünftigerweise eigentlich sein mag.

Dem irischen Autor und studierten Philosophen Gerard Donovan ist mit Winter in Maine ein fesselnder, aufwühlender und letztlich auch verstörender Roman gelungen, der einen zwangsläufig zum Nachdenken bringt und schließlich dazu zwingt, Position zu beziehen. Ein beeindruckendes Stück Literatur, das vom Guardian zum Buch des Jahres 2008 gekürt wurde. Die exzellente Übersetzung von Thomas Gunkel ist bei Luchterhand erschienen.

3 Antworten zu “Winter in Maine

  1. Klingt sehr gut und ist vorgemerkt. Danke für den Tipp.

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  2. Danke, scheint ein toller Tipp zu sein!

    Gefällt 1 Person

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