Moxyland

MoxylandKapstadt im Jahr 2018: Die Fotografin Kendra, der Videoblogger Toby, der Revoluzzer Tendeka und die Programmiererin Lerato leben in einem hochtechnisierten Südafrika, in dem nicht mehr die Hautfarbe, sondern Geld und die Teilnahme am technischen Fortschritt die Menschen in zwei Klassen aufteilen. Für nichtkonformes Verhalten droht die Abschaltung des Handys – und somit quasi der Ausschluss vom „richtigen Leben“ (etwas, das auch heutzutage ein Horror für viele Smartphone-Süchtige wäre …), denn Handys sind als Multifunktionsgeräte im Alltag beinahe unverzichtbar geworden. Viele versuchen, sich mit diesem autoritären System zu arrangieren, andere kämpfen dagegen an – jeder mit seinen Mitteln. Doch die Behörden greifen radikal durch, wenn jemand aufmuckt: Teilnehmer von illegalen Aktionen werden mit einem tödlichen Virus besprüht – nur, wer sich innerhalb von zwei Tagen impfen lässt und somit den Behörden seine Identität preisgibt, kann überleben …

Dass die Südafrikanerin Lauren Beukes ihr zweites Buch Moxyland im Jahr 2018 spielen lässt, ist etwas zu kurz gesprungen – bzw. war es schon 2008, als der Roman entstand –, denn die Weiterentwicklung inklusive Nanotechnologie würde meines Erachtens eher zu einer Jahrzehnte entfernten Epoche passen, nicht zu unserer Welt in wenigen Jahren. Aber darüber kann man hinweglesen. Schwerer ist es mir gefallen, mich in die Erzählweise einzufinden. Beukes greift zur Ich-Erzählung im Präsens, die in den letzten Jahren erstaunlicherweise immer mehr in Mode zu kommen scheint. Ich habe schon mehrfach thematisiert, dass ich damit gelegentlich meine Problemchen habe. Hier passt es an sich recht gut zur Story – allerdings schildert Beukes die Geschehnisse aus einer vierfachen Ich-Perspektive: Jede ihrer Hauptfiguren kommt so zu Wort. Da jedem Kapitel der Name des jeweiligen Ich-Erzählers vorausgestellt ist, fällt die Orientierung nicht schwer, die allerdings aus dem Text heraus kaum gelingen würde. Denn der launige Plauderton und Jargon aller vier Ich-Erzähler ähnelt sich zu sehr, um ihn in jedem Kapitel schnell zuordnen zu können. Wenn man schon diese vier Perspektiven wählt, hätte ich mir mehr Erfindungsreichtum zur Unterscheidung gewünscht. Bei längeren Kapiteln oder nach Leseunterbrechungen musste ich gelegentlich zurückblättern, um mich zu vergewissern, wer da nun gerade erzählt.

Erfindungsreichtum kann man Lauren Beukes allerdings nicht absprechen, wenn es um die Beschreibung ihrer Zukunftsvision geht. Ihr dystopisches Südafrika mutet erschreckend an – wobei ich mich frage, ob es zu Apartheid-Zeiten dort für die Unterdrückten besser war. Wohl nicht – diese futuristische Apartheid beruht nur auf anderen Grundsätzen. Die Detailfülle gereicht einem Cyberpunk à la William Gibson durchaus zur Ehre und macht, neben dem flott zu lesenden Stil, den Reiz dieses Romans aus, dessen Spannungskurve erst in der zweiten Hälfte markant ansteigt.

Der Roman ist im Rowohlt Taschenbuch Verlag erschienen und wurde von Mechthild Barth übersetzt – eine sicher nicht ganz einfache Aufgabe, die ordentlich, aber nicht perfekt erfüllt wurde, wie auch Übersetzerkollege Markus Mäurer gebloggt hat. Zudem springen einem gelegentlich Fehler ins Auge, etwa fehlende Buchstaben oder Satzzeichen, was jedoch im akzeptablen Rahmen bleibt.

Ich habe hier nicht zum Printbuch gegriffen, sondern zum eBook. Und wieder einmal hat sich ein Nachteil von eBooks gezeigt: Es gibt ein relativ umfangreiches Glossar zu Begriffen, die sich aus dem Text heraus kaum oder gar nicht erschließen. In einem Printbuch kann man einfach und schnell ins Glossar blättern, hier muss man immer wieder hin und her springen, was zumindest bei meinem Reader (ein älteres Kindle-Modell) nicht besonders komfortabel zu handhaben ist.

18 Antworten zu “Moxyland

  1. Es gibt also echt noch Leute, die sich am „klassischen“ Cyberpunk orientieren und damit in den Publikumsverlagen verlegt werden. Das wäre glatt ein Kaufargument.

    Du kennst dich da doch ein wenig aus, oder? Gibt es bei eBooks nicht die Möglichkeit, solche Glossare in eBooks an der entsprechenden Stelle ins Buch einzubauen, so als eine integrierte Wörterbuchfunktion? Das hätte als technische Spielerei ja durchaus ihren Charme und würde das eBook als eigenständiges Distributionsmedium aufwerten.

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    • Sowas wie eine integrierte Wörterbuchfunktion gibt es grundsätzlich schon, aber bei den eBooks mit Glossar, die ich habe, wurde das vom Verlag nicht zur Verfügung gestellt. Da wurde vermutlich der Mehraufwand (bzw. die Kosten dafür) gescheut.
      Und selbst dann ist das Hin- und Herspringen nicht komfortabel, jedenfalls nicht bei meinem Reader, weil man den Cursor erst mal zu dem fraglichen Wort bewegen muss (mit einigen Klicks), und wenn man das Wort dann markiert hat, muss man umständlich über ein Menü mit mehreren Klicks ins Glossar weiterspringen – das Gleiche gilt dann für den Rückweg. Bei Touchscreens geht’s vermutlich schneller, ist aber wohl immer noch umständlich. Da hat man in der Zwischenzeit in einem Printbuch händisch zehnmal hin und hergeblättert.

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      • Danke dir für die Ausführungen. Dass man da in erster Linie den Aufwand scheut, habe ich mir ja fast gedacht (obwohl ich das mittelfristig für die falsche Strategie halte … Nun gut)

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        • Die genauen Gründe, warum es bei eBooks nicht mehr Service gibt, kenne ich nicht – ich denke, für viele Verlage sind eBooks immer noch eher ein „Anhängsel“ ans Printbuch, das man eben herausbringt, weil es inzwischen Usus ist und evtl. auch ein paar zusätzliche Käufer bringt.
          Dass es (erheblichen) zusätzlichen Aufwand bedeutet, innerhalb eines eBooks eine Navigation zu ermöglichen, weiß ich aus eigener Erfahrung. Die Möglichkeit, dass man von Kapitel zu Kapitel springen kann, sollte aber mindestens gegeben sein, sonst ist das Blättern in einem eBook, um etwa eine bestimmte Stelle nochmal zu lesen, eine Qual.

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  2. Das klang alles erst so, dass ich dachte, hey, das kommt unbedingt auf meine Ganz-Bald-Lesen-Liste, aber Ich-Erzählung im Präsens geht für mich nur in ganz seltenen Fällen, wenn es der Hauptstil ist. Springt mich meist negativ an, es sei denn, es ist alles so spannend, dass ich das vergesse. Im Englischen fällt es mir, glaube ich, weniger auf, oder ist es dort weniger verbreitet? Irgendwie haben viele Leute Probleme mit Ich-Erzählern in Büchern, wenn ich mich umhöre. Präsens empfinde ich persönlich seit ein paar Jahren als regelrechte Seuche, aber vielleicht bin ich dafür auch als VorSmartphoneGeneration zu alt. Wenn Ich-Erzähler und Präsens in Kombination auftreten, habe ich immer so eine raspelige Off-Stimme eines abgefuckten Privatdetektivs im Ohr, der seinen Gedanken unzensiert freien Lauf lässt. Für ein Buch (oder einen Film) fand ich das cool, war mal etwas Neues, aber jetzt nervt es mich nur noch.
    Hm, so ein bisschen angefixt hat mich das Buch thematisch nach der Beschreibung aber trotzdem… es steht bei uns in der Bücherei, ich glaube, ich schau doch mal rein :-)

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    • Wenn ich vorher gewusst hätte, dass es nicht nur einen, sondern gleich vier Ich-Erzähler gibt, die im Präsens erzählen, hätte ich das Buch vermutlich nicht gelesen.
      Mit Konstruktionen wie „Als ich in den Apfel beiße, schmecke ich, wie sauer er ist“ (nicht dem Buch entnommen, nur als Beispiel) hab ich grundsätzlich meine Probleme. Beim Lesen esse ich selten Äpfel … ;-)
      Aber Spaß beiseite: Die Wirkung, die das Präsens wohl erzielen soll – unmittelbar ins gerade ablaufende Geschehen hineingezogen zu werden – erzielt es bei mir selten bis nie. Bei cyberpunkigen Geschichten, Virtual Reality etc. kann es durchaus passen, und daher ist diese Erzählform bei MOXYLAND zumindest nicht daneben, aber die vier kaum unterscheidbaren Ich-Erzähler sind ein deutliches Manko. Vor allem deswegen hab ich auch mit mir gerungen, ob ich den Roman insgesamt gut oder weniger gut finden soll, die Ideen und Detailfülle haben schließlich den Ausschlag zum Positiven gegeben.
      Die in den letzten Jahren – zumindest gefühlt – inflationäre Verwendung des Präsens gefällt mir auch nicht und hat mich vom Lesen einiger Romane abgehalten, z.B. DIE TRIBUTE VON PANEM, die mich an sich grundsätzlich interessiert hätten, als das erste Buch rauskam. Damals hab ich es im Buchladen, nachdem ich den ersten Satz („Als ich aufwache, …“) gelesen hatte, gleich wieder weggelegt.

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      • Postüberschneidung – muss weiterschwätzen. Bei den Tributen von Panem hast du echt was verpasst, aber lies sie auf Englisch. Ich habe die auch dreimal im mündlichen Abi verwendet und grad strukturell und in der Verzahnung von Darstellungmittel und Inhalt gibt der Roman wirklich sehr viel her.
        Bei deinem Apfelsatz ist das Problem, dass die Situation paradox ist: Wer schwätzt denn schon, während er abbeißt und kaut. Das passt einfach nicht.

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        • Ach, der Reiz der Tribute-Romane ist ein bisschen weg, seit ich die ersten beiden Filme gesehen habe, die man anschauen kann, aber als Muss empfinde ich es nicht, zumal mein SUB eh schon gigantisch ist.

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          • Die Filme sind was anderes. Kann man gar nicht vergleichen.

            Was anderes – ich hatte oben bisschen gehudelt und Tippfehler dringelassen, wärst du so lieb, die rauszumachen? Sorry.

            Als die Urmutter der perspektivischen Ich-Erzählweise gilt bei mir Wilkie Collins: The Moonstone. Der Sprachduktus ist nicht allzu variiert, 1868 schrieben die keinen Dialekt und keine Umgangssprache. Es ist ein Kriminalfall, der nie aufgeklärt wird, und alle Beteiligten stellen ihre Position dar. Das ist total irre: Wer eben noch total sympathisch rüberkam, ist im nächsten Abschnitt das totale Ekel und so – von dem Roman hab‘ ich damals echt was fürs Leben gelernt.

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  3. Tatsächlich klingt die Beprechung interessanter als der Roman, wobei dieser wohl auch viel hergibt, thematisch gesehen. Mangelnde Differenzierung im Sprachduktus würde mich auch frustrieren, wenn die sich anbietenden Möglichkeiten einer Form sichtlich nicht ausgeschöpft wurden.
    Ist das mit dem Präsens einfach zur Masche geworden, zur Modemasche, die dann nicht mit der entsprechenen Unmittelbarkeit, Subjektivität und perspektivischen Brechung gefüllt wird, wenn man davon ausgeht, dass das Gefühl von Präsens beim Schreiben reicht, um ungefiltert spontan, direkt oder sonst was zu sein? Hm, dies im Einzelfall zu überprüfen wäre nun doch wieder ein Grund, sich das Buch zu holen.

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    • Lauren Beukes schreibt nur im Präsens, zumindest soweit ich mir Leseproben ihrer anderen Romane angesehen habe. Sie scheint überzeugt davon zu sein.
      Viele Leser – und auch Rezensenten bzw. Kritiker – scheint das Präsens auch nicht zu stören, seltsamerweise. Und dann wird es vielleicht für immer mehr Autoren zur Gewohnheit, es ist halt „allgemein üblich“, also schreibt man auch so …?
      Wäre interessant, mal von Beukes selbst zu hören, warum sie diese Erzählform gewählt hat.

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  4. Cathrin Rubin

    Ich habe nur Kapstadt gelesen und dann war für mich schon klar, dass ich das Buch auch lesen muss! Hast mich mega neugierig gemacht!

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  5. Pingback: Moxyland – Cathrin Rubin

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