The Hateful 8

The Hateful 8Und noch ein Western: Nach Django Unchained präsentiert Quentin Tarantino mit The Hateful 8 seinen zweiten Western. Gedreht wurde nicht digital, sondern auf 65-mm-Film mit alten anamorphen Panavision-Linsen, die ein Format von 2,76:1 ermöglichen, das Ultra Panavison 70 bezeichnet wird – damit wurde 1962 zum Beispiel Meuterei auf der Bounty gedreht, und mit dem formatgleichen System Camera 65 von Metro Goldwyn Mayer entstand 1959 Ben Hur (das berühmte Wagenrennen muss man auch in diesem Format anschauen!). Dass auf den allermeisten Kinoleinwänden maximal ein Format von 2,35:1 gezeigt werden kann, war Tarantino letztlich schnuppe, zumal die Firma Panavision extra für seinen Film einige Kameras für die in den Sechzigerjahren eingemotteten Ultra-Panavison-Linsen umbaute. In einem Extra auf der DVD wird speziell auf das Format eingegangen, was für mich ein kleines Fest war. Als Teenager hab ich mal einen halben Nachmittag in unserer Schulbibliothek mit einem Film-Buch zugebracht, in dem es speziell um Filmformate und Tonsysteme ging: CinemaScope, Cinerama, Super Panavision, VistaVision, Todd-AO, 6-Kanal-Magnetton … Vielleicht sind diese Begriffe ja dem einen oder anderen geläufig – falls nicht, dann hilft Wikipedia weiter. Für Filmfans und -freaks hat Tarantino, der ja selber einer ist, halt ein großes Herz.

Ultra Panavision 1,331,33:1

Ultra Panavision 1,851,85:1

Ultra Panavision 2,352,35:1

Ultra Panavision 2,762,76:1 (Ultra Panavision 70)

Aber zurück zum eigentlichen Film: Zwei Kopfgeldjäger schließen sich auf dem Weg durch die verschneiten Berge zusammen. John Ruth (Kurt Russell) will seine Gefangene Daisy Domergue (Jennifer Jason Leigh) lebend in Red Rock abliefern, Marquis Warren (Samuel L. Jackson) befördert seine Gefangenen lieber als Leichen – schließlich heißt es auf den Steckbriefen ja „tot oder lebendig“. Unterwegs gabeln sie noch einen Mann auf, der sich als zukünftiger Sheriff von Red Rock vorstellt. Sie machen Halt an einer einsamen Postkutschenstation und treffen dort auf einige Männer, von denen sich vermuten lässt, dass sie nicht alle diejenigen sind, die sie zu sein vorgeben. Zumal vom Stammpersonal der Station niemand zu sehen ist – die Aushilfe behauptet, seine Kollegen wären kurzfristig verreist …

Natürlich lässt sich der Rest erahnen. Es geht bei dem Film nicht so sehr um das „was“ und „ob“, sondern eher um das „was genau“ und „wie“. Tarantino knüpft bei der Inszenierung an seine Erzählweise bei Pulp Fiction an: Die einzelnen Abschnitte werden als „Kapitel“ bezeichnet, außerdem sind sie nicht durchgehend chronologisch angeordnet. Über weite Strecken quatschen die Protagonisten eher, als dass sie handeln, doch aus dem kammerspielartigen Gequatsche ergeben sich heftige Szenen, die an Reservoir Dogs und Django Unchained erinnern (mit Tim Roth und Michael Madsen hat Tarantino zudem zwei Schauspieler gecastet, die immer wieder in seinen Filmen auftauchen). Als Zuschauer darf man lange Zeit miträtseln, wer denn nun gut und wer böse ist. Wobei, so richtig „gut“ ist von den Typen eigentlich keiner, aber das macht schließlich den Reiz aus.

Mit 161 Minuten ist der Film für meinen Geschmack etwas zu lang geraten, aber es ist ein typischer Tarantino, und keinesfalls sein schlechtester Film. Bemerkenswert ist neben dem ungewöhnlichen Filmformat auch der Soundtrack, der von Altmeister Ennio Morricone komponiert und mit einem Oscar ausgezeichnet wurde. Erstmals seit 1981 hat Morricone für Tarantino wieder einen Western mit seinen Sounds veredelt.

Um noch einmal auf Ben Hur und Camera 65 zurückzukommen:

Ben Hur Rennen TVSo hab ich das Wagenrennen beim ersten Anschauen in der Glotze gesehen.

Ben Hur Rennen 2,76Und so im Kino – beinahe hätte es mich damals aus meinem Sitz katapultiert! Kein Vergleich, aber nicht mal ansatzweise, auch unabhängig von der Größe des Bildschirms bzw. der Leinwand.

Ben Hur TVTV

Ben Hur 2,76Kino

MGM Camera 65

6 Antworten zu “The Hateful 8

  1. Sehr gut erklärt und illustriert, danke.

    Gefällt 3 Personen

  2. Cathrin Rubin

    Ich muss den auch noch unbedingt sehen…

    Wenn ich das nächste mal Ben Hur gucke, muss ich unbedingt mehr auf die Kamera achten!

    Gefällt 1 Person

  3. Hallo Christian,

    der Film steht noch auf meiner Liste, die ich in diesem Jahr abarbeiten will. Sehr eindrücklicher Vergleich der unterschiedlichen Formate.

    Gefällt 1 Person

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