Warum ich lese

Auf Marc Ahlburgs Blog Lesen macht glücklich bin kürzlich auf einen Eintrag gestoßen, in dem es darum geht, warum er überhaupt liest. Inspirieren ließ er sich, wie einige andere Blogger auch, von einem Text auf Sandro Abbates Literaturblog Novelero. Da ich tatsächlich wohl noch nie ernsthaft darüber nachgedacht habe, warum ich eigentlich lese – oder warum ich gerne lese – fasse ich die Gedanken, die ich mir seitdem dazu gemacht habe, hier einmal zusammen:

Spontan dachte ich: Warum Lesen? Sollte man nicht andersherum fragen: Warum nicht? Es gibt keinen Grund, es nicht zu tun, aber viele Gründe, es zu tun. Also, keine Frage, oder? Aber natürlich steckt ein bisschen mehr dahinter.

Als Kind wurde mir vorgelesen (Märchen auf jeden Fall, daran kann ich mich noch gut erinnern – Das Märchenkarussell besitze ich heute noch, auch wenn die alte, mit einer Schulbuchschutzhülle umgebene Ausgabe von 1969 schon einiges mitgemacht hat), das war vermutlich der Grundstein für meine Leselust. Daher bedaure ich alle Kinder, die nicht das Glück haben, in einem Umfeld aufzuwachsen, wo man ihnen eben vorliest. Meine Eltern waren keine Akademiker, sondern Handwerker und Hausfrau, aber das hat sie (vor allem meine Mutter) nicht daran gehindert, mir vorzulesen.

Schreib-Tisch

Als ich selbst lesen lernte, war es für mich logisch, dass ich diese neu erworbene Fähigkeit auch nutze (und zwar nicht nur dazu, um im Fernsehprogramm nachzuschauen, was denn gerade geboten wird). So konnte ich – mit gewissen Einschränkungen natürlich – selbst bestimmen, was und wann ich lese. Und da es einen in jungen Jahren drängt, seinen Forschergeist auszuleben, blieb es nicht bei Märchen- und Kinderbüchern. Da zu dieser Zeit auch das Kino eine immer wichtigere Rolle in meinem Leben spielte, beeinflussten Filme verstärkt meine Lektüreauswahl. So griff ich zu Abenteuerromanen von Jules Verne, Robert Louis Stevenson und Alexandre Dumas, teilweise aus dem Wohnzimmerschrankregal, und wollte wissen, ob Robin Hood bei Sir Walter Scott anders dargestellt wurde als im Zeichentrickfilm von Walt Disney. Nachdem ich meinen ersten James-Bond-Streifen gesehen hatte, zog ich mir gleich mehrere 007-Romane von Ian Fleming rein. Und das ließe sich beliebig so fortsetzen.

James Bond im SchuberNeben Comics (vor allem Asterix, Disneys Lustige Taschenbücher, Silberpfeil und Superheldenkram) las ich viele Jugendbücher, die ich regelmäßig geschenkt bekam und mit denen ich mein eigenes Bücherregal bestückte. Aus der Pfarrbibliothek lieh ich mir hauptsächlich Krimis von Agatha Christie und Arthur Conan Doyle aus. Parallel dazu bekam ich aus dem Fundus meines Vaters und von einem Cousin die ersten Heftromane in die Finger und las Jerry Cotton (auf den ich viele Jahre später wieder stoßen sollte, indem ich zum Remake Cotton Reloaded zwei Romane beisteuern durfte), Gespenster-Krimi, Professor Zamorra und John Sinclair – letzteren sammelte ich sogar über mehrere Jahre hinweg.

Fasziniert war ich vom Geschichtenerzählen an sich, egal ob in Romanform, im Comic oder im Film. Der Schritt zum eigenen Storytelling war für mich fast logisch: Die Geschichten mussten aus dem Kopf raus, egal ob in gezeichneter oder niedergeschriebener Form (oder als krude Mischung aus beidem). Hätte es damals schon die Möglichkeiten gegeben, mit einfachen Mitteln Filme zu drehen, hätte ich sicherlich auch das ausprobiert. Da sich meine Zeichenkünste in Grenzen halten, bin ich beim Schreiben hängengeblieben.

Mit dem Neuentdecken von Autoren und Lesestoffen änderten sich meine Vorlieben, nicht aber die Leselust. In der Mittelstufe besorgte unser Deutschlehrer irgendwann für die gesamte Klasse die Taschenbuchausgabe vom Herrn der Fliegen, den wir nach Orwells 1984 noch als Lektüre lesen sollten, was aber dann zeitlich nicht mehr klappte, weil sich das Schuljahr dem Ende zuneigte. Viele meiner Klassenkameraden haben den Roman vermutlich bis heute nicht gelesen – ich war zu Anfang der Sommerferien bereits damit durch; ganz freiwillig, ohne den Zwang, das Buch lesen zu müssen. Und war schlichtweg begeistert. Als ich einige Jahre später das Thema für meine Facharbeit aus einer Liste aussuchen sollte, fiel meine Wahl recht schnell auf „John Steinbecks Of Mice and Men vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise“, während sich die meisten anderen Englisch-Leistungskursler irgendwelche Themen aussuchten, die mit Literatur nichts zu tun hatten. Fontanes Effi Briest und Dürrenmatts Die Physiker stellten sich als nicht ganz so ätzend heraus, wie ich zunächst befürchtet hatte, und selbst dem ollen Macbeth im englischen Original konnte ich etwas abgewinnen. Auf Kurzgeschichten von Dahl, Hemingway und Poe (die mich eher ansprachen als die von Borchert oder Lenz) brachte mich mein bester (weil inspirierender) Deutschlehrer, und selbst auf Stephen King stieß ich in der Schule – allerdings nicht im offiziellen Unterricht, sondern durch einen Klassenkameraden, der Christine unter der Tischplatte las, weil der Roman gerade so spannend war und er nicht bis nach Schulschluss warten wollte, um zu erfahren, wie es weitergeht.

Nach der Schulzeit schlummerte meine Leselust eine Zeit lang, und mit dem Schreiben war es für etliche Jahre erst mal vorbei – mit bestandenem Schulabschluss hat man so viele andere Dinge im Kopf, und der einzige Bücher- und Schreibkram, mit dem ich mich in dieser Zeit herumschlug, waren Lernunterlagen und Klausuren für die Aus- und Fortbildung. Erst nach und nach kaufte ich wieder Belletristik und las allmählich wieder regelmäßiger. Auslöser war unter anderem mein Bruder, eine mindestens ebenso große Leseratte wie ich, der mir einige Science-Fiction-Schmöker aus seinem Fundus lieh, was mich daran erinnerte, wie viel Spaß mir Jules Vernes Romane einst bereitet hatten. Mit der Anschaffung meines ersten privaten PCs begann ich auch wieder mit dem Schreiben, was sich zunächst auf Kurzgeschichten beschränkte, die gelegentlich jedoch lang und länger wurden.

Warum lese ich? Weil ich es irgendwann mal gelernt habe und es für mich einfach dazugehört, mehr damit anzufangen, als nur die Artikelnamen im Supermarkt oder die Untertitel eines Films zu entziffern. Und wie das Lesen dazugehört, gehören auch Bücher dazu: Für mich ist es unvorstellbar, in einer Wohnung zu leben, in der ich nicht von Büchern umgeben bin. Die sind noch wichtiger als Bilder an der Wand oder Pflanzen. Mittlerweile sind sämtliche Regale übervoll, und gelegentlich muss ich weniger wichtige oder interessante Bücher (beziehungswiese solche, die ich kein zweites Mal lesen mag) in die zweite Reihe oder anderswohin verbannen, was mich jedes Mal aufs Neue schmerzt.

5 Antworten zu “Warum ich lese

  1. Pingback: Warum ich lese – novelero

  2. Ich entdecke mich in einigen Punkten wieder: Das Vorgelesenbekommen, das Bibliotheksplündern, das Lesen von Romanen wegen Filmen (bei mir waren es Star Wars und Star Trek in Romanform), die (Wieder-)entdeckung von Schullektüren als guten Lektüren … Aber auch den Schlummer des Buches in anstrengenden Phasen. Dennoch: Ohne Buch fühle ich mich unwohl. Und sei es, dass es an der Wand steht und dort … beruhigt.

    Gefällt 1 Person

  3. „Meine Eltern waren keine Akademiker, sondern Handwerker und Hausfrau, aber das hat sie (vor allem meine Mutter) nicht daran gehindert, mir vorzulesen.“

    Genauso war es bei mir auch. Vater Elektriker, Mutter Friseurin/Reinigungskraft, aber es wurde mir vorgelesen und meine Eltern haben selbst viel gelesen (machen sie heute noch).

    »Herr der Fliegen« war die einzige Schullektüre, die mir gefallen hat. »Die Physiker«, »1984« und »Von Mäusen und Menschen« habe ich als Schüler freiwillig außerschulisch gelesen.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s