Die vielen Leben des Harry August

Die vielen Leben des Harry AugustHarry August ist quasi unsterblich – zwar endet sein Leben wie das aller Menschen, doch er wird stets wiedergeboren, und jeweils im Alter von drei oder vier Jahren wird ihm dies bewusst. Was fängt man mit einem Leben an, das immer im Jahr 1919 wiederkehrt, aber jeweils in einer parallel existierenden Welt? Seinen „normalen“ Mitmenschen kann er davon nicht erzählen, denn die reagieren verschreckt oder wollen ihn in eine Zwangsjacke stecken. Aber es gibt andere wie ihn, und auf die trifft er fortan immer wieder. Sie haben sich im sogenannten Cronus Club organisiert, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, den historisch verbürgten Geschichtsverlauf in den Parallelwelten zu bewahren. Denn mit dem Wissen aus früheren Leben lässt sich der Lauf der Dinge natürlich beeinflussen; zum Beispiel, indem man den technologischen Fortschritt rasant beschleunigt. Eines Tages gerät Harry an einen Wiedergeborenen, der genau das im Sinn hat. Und er erhält eine Warnung, dass das Ende der Welt bevorsteht …

Klingt nach einer spannenden Geschichte – ganz so spannend, das muss ich vorwegnehmen, ist Claire Norths Multiversum-Roman Die vielen Leben des Harry August (erschienen bei Lübbe Ehrenwirt) dann leider doch nicht, aber trotzdem lesenswert. North spielt mit einem Storykniff, der auch vielen Nicht-SF-Fans aus dem Film Und täglich grüßt das Murmeltier bekannt sein dürfte. Anders als in dem Film dauern Harrys wiederkehrende Leben jedoch nicht einen Tag, sondern oftmals tatsächlich ein ganzes Menschenleben lang. Die Autorin springt über weite Strecken des Romans zwischen den verschiedenen Leben hin und her, wodurch sich erst allmählich ein Bild ergibt, das Harry als einen von dieser „Laune der Natur“ Getriebenen zeigt, weniger als jemanden, der sein Dasein aktiv gestaltet und die Vorteile konsequent nutzt. Insofern bleibt Harry, der als Ich-Erzähler fungiert, insgesamt etwas blass. Eine gewisse Stärke beweist er erst, als er gefordert wird.

Zwischendurch verliert sich North gelegentlich darin, Anekdoten und Anekdötchen aus Harrys verschiedenen Leben zu erzählen, die zwar sein Lebensbild zeichnen, aber die Grundstory nicht voranbringen. Somit beschert sie dem Leser gelegentlich etwas Leerlauf. Mit 50 oder 100 Seiten weniger wäre der Roman fesselnder geworden. Für lesenswert halte ich ihn dennoch, vor allem, wenn man sich gern mit Was-wäre-wenn-Geschichten beschäftigt, zumal Norths Schreibe (und die Übersetzung von Eva Bauche-Eppers) sich sehr gut lesen lassen. An die emotional packenderen Zeitreise-/Zeitschleifengeschichten Die Frau des Zeitreisenden von Audrey Niffenegger oder Replay – Das zweite Spiel von Ken Grimwood kommt der in einem schönen Hardcover mit Lesebändchen erschienene Roman allerdings nicht ganz heran (Replay lese ich übrigens gerade zum zweiten Mal).

Eine Antwort zu “Die vielen Leben des Harry August

  1. Replay ist wirklich klasse.

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