Quo vadis, Europa?

Auf meinem Blog halte ich mich gewöhnlich mit politischen Themen zurück. Hier sollen – gemäß dem Blogtitel – mein Schreibkram und alles rund um Bücherwelten im Vordergrund stehen. Aber angesichts dessen, was zurzeit politisch und gesellschaftlich los ist, muss ich doch mal ein paar Worte dazu verlieren.

Quo vadis, Europa – wohin gehst du, Europa? Science-Fiction-Autoren neigen dazu, die Zukunft eher in düsteren Farben zu malen als in hellen. Da schließe ich mich selbst nicht aus. In mehreren SF-Storys habe ich die EU als „Kern-Union“ beschrieben, also als eine geschrumpfte gegenüber der, die wir heute haben. Allerdings bin ich dabei eher davon ausgegangen, dass die wirtschaftlich stärkeren Mitglieder die wirtschaftlich schwächeren abhängen – was auch kein schöner Gedanke ist.

Gestern haben die Briten gegen den Verbleib in der Europäischen Union gestimmt. Das ist, für sich gesehen, vielleicht noch keine Katastrophe, aber es wird wohl zu einer werden, wenn diese Tendenz zum Spalten und Auseinandergehen weitere Kreise zieht. Schade finde ich vor allem, dass das Votum ein „Gegen“ und kein „Für“ ausgedrückt hat. Ein „Gegen“ auch hinsichtlich der friedlichen Gemeinschaft, die wir in Europa in den letzten Jahrzehnten geschaffen haben. Die ist zwar beileibe kein perfektes, homogenes oder gerechtes Gebilde (was wohl auch nie in Gänze zu erreichen sein wird), aber eines, das auf Miteinander und Zusammenarbeit setzt anstatt auf Gegeneinander und Spaltung. Und auf Frieden anstatt auf Krieg.

Wie wichtig Letzteres ist, ist mir erstmals richtig klar geworden, als in den Neunzigern die grauenvollen Bilder über den Balkankrieg in allen Kanälen gezeigt wurden. Dass wir es in Europa seit dem verheerenden Zweiten Weltkrieg – auch als Lehre aus ebendiesem und dem Weltkrieg davor – geschafft haben, Freundschaften oder Partnerschaften über viele Grenzen hinweg aufzubauen und ohne Waffengewalt miteinander zu streiten, halte ich für eine herausragende Leistung der Europäer. Zu Beginn des Balkankrieges – in einer Region quasi hier um die Ecke, wo Verwandte und Freunde kurz zuvor noch Urlaub gemacht hatten –, erinnerte ich mich an den Geschichtsunterricht in der Schule und an die vielen kriegerischen Auseinandersetzungen, die seit dem Mittelalter auf europäischem Territorium nahezu pausenlos geführt wurden. Und welches Leid sie immer wieder über die Menschen in Europa gebracht haben. Bei einem Urlaub in Kroatien vor einigen Jahren zeigten mir Ruinen (unter anderem zerstörte Kriegerdenkmäler, bei denen die Tafeln mit den Namen der Gefallenen zerbrochen worden waren, wohl um die Namen unkenntlich zu machen und aus dem Gedächtnis zu löschen, was mich später zu einer Kurzgeschichte inspirierte) und die seelischen Wunden, die bei vielen Einheimischen noch immer zu spüren waren, wie sich so etwas anfühlt.

Dass die Briten nicht in der EU bleiben, heißt nicht, dass sie keine Europäer mehr sind. Aber es bedeutet auch nicht, dass jetzt irgendetwas besser wird – weder in Großbritannien, das möglicherweise auseinanderfällt (weil sich Schotten und Nordiren von England zum Teil mehr gegängelt fühlen als von der EU), noch im Rest Europas, das sich möglicherweise weiter spaltet. Von den wirtschaftlichen Konsequenzen ganz zu schweigen. Aber vielleicht setzt sich bei den in der Gemeinschaft Verbleibenden ja die Erkenntnis durch, dass die Europäer gemeinsam mehr erreichen und ein besseres Leben führen können, als wenn jeder für sich allein und womöglich gegen die anderen vor sich hin wurschtelt. Gemeinsame Projekte stärken nicht nur die Wirtschaftskraft des europäischen Raumes und sichern somit Arbeitsplätze – auch gegenüber den Wirtschaftsmächten in Amerika und Asien – oder ermöglichen einen halbwegs wirksamen Umweltschutz, sondern helfen auch dabei, weiterhin friedlich miteinander auszukommen und notfalls mit Argumenten anstatt mit Waffen zu streiten. Wie schnell heutzutage Fanatiker und selbst Leute, die man (noch) nicht als solche einstuft, mit Gewalt ihre Interessen durchsetzen oder einfach nur zerstören wollen, erleben wir seit einigen Jahren immer häufiger – nicht nur unter dem Schlagwort „Terrorismus“.

Ich bin froh um jeden, der besonnen reagiert und Gemeinschaftliches und Verbindendes hervorhebt, selbst wenn er mit seinem Kreuzchen nur für das kleinere Übel votiert, wie es viele Briten gestern sicher getan haben, die für ein Verbleiben gestimmt haben. Bleibt zu hoffen, dass unsere Gemeinschaft es zukünftig besser hinbekommt, ihre „Union“ so auszugestalten, dass alle damit leben können (leben und leben lassen). Auch die künftigen Generationen (gerade die jungen Briten würden mehrheitlich lieber in der EU bleiben – die Älteren haben traurigerweise also auch gegen ihre eigene Jugend gestimmt). Dafür lohnt es sich zu kämpfen. Aber bitte ohne Hackbeil.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s