Wiederentdeckt: Der weiße Hai

In den Siebziger- und frühen Achtzigerjahren standen Autoren wie Alistair MacLean oder Peter Benchley für spannende Abenteuerromane, die häufig auch verfilmt wurden. Jedenfalls blieben diese beiden Namen bei mir nachhaltig hängen. Benchleys Faible für die Ozeanologie brachte ihn schon bei seinem Debütroman Der weiße Hai (Jaws) dazu, die Geschichte am Meer spielen zu lassen. In seinen weiteren Büchern setzte sich das fort, etwa bei Das Riff (The Deep) oder Freibeuter des Todes (The Island), die ebenfalls den Weg ins Kino fanden. Allerdings war er mit den Verfilmungen nicht immer glücklich, da die Kinoadaptionen von seinen Buchfassungen abwichen. Andererseits sorgte nicht zuletzt Steven Spielbergs Filmversion dafür, dass sich Benchleys Hai-Thriller von 1974 dreißig Millionen Mal verkaufte.

Der weiße HaiDie Neuausgabe im Hardcover beim Wiener Milena Verlag bescherte mir jetzt eine Wiederentdeckung der Romanfassung. Sie ist um zwei Essays von Peter Benchley ergänzt, in denen er die Entwicklung der Haiforschung und die drohende Ausrottung der Meeresräuber thematisiert, außerdem äußert er sich zu den Abweichungen der Drehbuchfassung von seiner Romanvorlage. Leider haben sich in den Buchsatz ein paar Fehler eingeschlichen, wodurch zum Beispiel Trennstriche mitten in der Zeile auftauchen – allerdings in einem für mich noch verschmerzbaren Rahmen.

Im Atlantik-Badeort Amity wird eine junge Frau, die nachts alleine im Meer baden geht, von einem Hai attackiert und getötet. Als Polizisten die angeschwemmten Überreste finden, will Polizeichef Brody den Strand für Schwimmer sperren. Doch die Stadtoberen, allen voran Bürgermeister Vaughan, reden es ihm aus, weil eine vermeintliche Haigefahr Amity in den Ruin treiben könnte. Schließlich lebt das Städtchen von seinen Sommergästen. Erst nachdem zwei weitere Haiopfer zu beklagen sind, setzt sich Brody durch. Der Fischkundler Matt Hooper soll den Hai aufspüren, aber seit ein offensichtlich von einem Hai attackiertes Fischerboot verlassen vor der Küste vorgefunden wurde, gibt es keine weiteren Anzeichen dafür, dass der Raubfisch – anhand eines Zahnfundes im Bootsrumpf legt sich Hooper fest, dass es ein etwa drei Tonnen schwerer Weißhai sein muss – noch die Gewässer vor Amity durchstreift. Während Brodys Ehefrau Ellen, die mit ihrem Leben unglücklich ist, ihren Mann mit Hooper betrügt, erpresst Vaughan den Polizeichef, damit er die Strände wieder freigibt. Um dieser Forderung Nachdruck zu verleihen, tötet ein Mann die Katze der Familie Brody vor den Augen des jüngsten Sohnes – die Mafia hat in Amity ihre Finger im Immobiliengeschäft und will sich dieses nicht vermiesen lassen. Also gibt es nur eins: Der Hai muss zur Strecke gebracht werden. Dafür wird der Fischer Quint engagiert, der sich mit Brody und Hooper in seinem Boot Orca auf die Jagd begibt.

Bei der Lektüre hat sich gezeigt, wie präsent eine Filmversion sein kann, wenn man den Roman liest, nachdem man den Film etliche Male gesehen hat. Im Buch werden die Hauptfiguren anders beschrieben als die Darsteller in Spielbergs Blockbuster, aber beim Lesen hatte ich ständig Roy Scheider, Robert Shaw und Richard Dreyfuss vor Augen … Außerdem konnte ich wieder einmal feststellen, dass sich Autoren früher – zumindest gefühlt – kürzer fassen konnten als heutzutage: Nach 260 Seiten ist der Roman zu Ende, und diese Länge ist auch völlig angemessen. Vielleicht lag das aber auch daran, dass sie ihre Werke noch in die Schreibmaschine tippen mussten, was gerade bei der Überarbeitung und einem Nochmaltippen härtere Arbeit bedeutete als im Zeitalter von modernen Datenverarbeitungsprogrammen.

Der weiße Hai DVDBenchley verfasste auch den ersten Entwurf des Drehbuchs, allerdings wurde er dabei angehalten, nur die Abenteuergeschichte zu verwenden und Themen wie Ehebruch oder Mafia außen vor zu lassen. Carl Gottlieb schrieb schließlich noch einiges um, so dass sich der Film nur grob an die Romanhandlung hält und viele Einzelheiten zu den im Buch wesentlich vielschichtigeren Personen und Hintergründen fehlen. Auch viele Details zur Haiforschung werden nur grob angesprochen, wodurch der Hai im Film eher als mordlüsternes Monster rüberkommt, weniger als Raubtier, das seinen Instinkten folgt. Der gesamte Mittelteil des Romans mit Ellen Brodys Seitensprung und den Mafiaaktivitäten entfällt. Diese Handlungselemente hätten dem Film sicher etwas von der Spannung genommen, die Protagonisten aber in einem anderen Licht erscheinen lassen. Die Jagd nach dem Hai in der zweiten Filmhälfte läuft im Film anders ab, zumal es keine Spannungen zwischen Hooper und Brody (der im Roman etwas von dem Seitensprung ahnt) gibt. Dass die Haiattrappe nicht so funktionierte, wie der damals 29jährige Steven Spielberg es sich vorgestellt hatte, und deshalb seltener und oftmals nur kurz zu sehen ist, schadet dem Film nicht – dadurch wirkt der Meeresräuber, unterstützt durch John Williams’ genialen Soundtrack, umso bedrohlicher. In der Buchfassung wird der Hai eher als majestätischer Raubfisch dargestellt, was ihm aber nichts von seiner furchteinflößenden Erscheinung nimmt. Der erste Satz in der ordentlichen Romanübersetzung von Vanessa Wieser lautet: „Der mächtige Fisch bewegte sich, angetrieben von kurzen Schlägen seines sichelförmigen Schwanzes, ruhig durch die nächtliche See.“

Ich weiß heute nicht mehr, ob ich damals zuerst die Verfilmung gesehen oder den Roman gelesen habe, meine aber, die zerfledderte Taschenbuchversion erst nach dem Kinobesuch in die Finger bekommen zu haben. Bei der Erstaufführung 1975 durfte ich noch nicht ins Kino, weil ich zu jung war. Aber in den Siebzigern und Achtzigern gab es bei uns ständig Wiederaufführungen von erfolgreichen Filmen, bevor Videotheken diese speziellen Programme unrentabel machten. So konnte ich Filme wie Der weiße Hai, Spiel mir das Lied vom Tod, Ben Hur oder auch die älteren James-Bond-Streifen auf der großen Leinwand sehen, bevor sie dann über die kleine Mattscheibe flimmerten. Von Der weiße Hai besitze ich die DVD-Version mit der Originalsynchronisation – es gibt auch eine klanglich aufgemotzte, bei der allerdings die neuen Sprecherstimmen so ungewöhnlich klingen, dass ich diese Version beim Anschauen schon nach wenigen Minuten abgebrochen habe.

4 Antworten zu “Wiederentdeckt: Der weiße Hai

  1. Eigentlich müsste es man sich ja denken können, dass es zum Film eine Buchvorlage gibt … aber tatsächlich stoße ich dank Dir das erste Mal drauf. Und macht mich neugierig auf den Autoren.
    Ach ja, die Verfilmung gehört einfach zum Kanon … und ist mit ausschlaggebend dafür, dass ich seither, selbst im flachsten Tümpel nie ohne ein klitzekleines Grauen schwimmen kann.
    So, und jetzt schnell wieder den Soundtrack aus dem Ohr kriegen….

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    • „Der weiße Hai“ fasziniert mich, seit ich den Film 1975 als zu junger Knirps nicht im Kino sehen durfte. :-D
      Insofern hat er eine besondere Bedeutung für mich, zumal ich damals wohl das erste Mal eine Werbekampagne für einen Kino-Blockbuster so richtig mitbekommen habe – Vorabberichte in Zeitschriften, Riesen-Kinoplakate etc. Dass er auf Benchleys Romanvorlage beruht, hab ich damals zwar schon mitbekommen, aber auf die Idee, das Buch zu lesen, kam ich da noch nicht (und weiß auch nicht, ob meine Eltern es mich hätten kaufen oder lesen lassen) …

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  2. Ich hatte vor langer Zeit ‚Beast‘ von ihm gelesen, welches aber leider nur die Grundkonstellation aus ‚Jaws‘ mit einer anderen Kreatur kopiert. Vielleicht sollte ich mich irgendwann auch dem ‚Original‘ widmen ;-)

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