Wunderlich fährt nach Norden

Bücher gelangen auf unterschiedlichen Wegen auf meine diversen Lesestapel: Viele durch Empfehlungen, die ich hier oder da aufschnappe, manche beim Stöbern im Buchladen, oftmals auch einfach deswegen, weil es „der neue Roman von Autor xy“ ist. Wunderlich fährt nach Norden von Marion Brasch habe ich bei einem Gewinnspiel auf dem Buchblog Lesen macht glücklich gewonnen – und hatte Glück mit meinem Gewinn, denn es war ein Buch nach meinem Geschmack.

Wunderlich fährt nach NordenDer Protagonist des Romans heißt Wunderlich, und sein Name ist Programm. Er ist 43 Jahre alt, geschieden und hat einen Sohn. Er wollte immer Bildhauer werden, aber eine chronische Sehnenscheidenentzündung hat ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht. Seitdem schlägt er sich mit Gelegenheitsjobs durchs Leben und gibt privaten Zeichenunterricht. Als ihn seine Freundin Marie verlässt, weiß er nicht so recht, warum eigentlich. Er betrinkt sich und findet plötzlich eine anonyme Nachricht auf seinem Handy, die ihm sagt, er solle nach vorne schauen. Fortan hält Wunderlich Zwiesprache mit Anonym, wie er den unbekannten Nachrichtenschreiber im Geiste nennt. Anonym scheint allwissend zu sein, reagiert jedoch nicht immer auf Wunderlichs Fragen. Es beginnt eine Woche, in der Wunderlich eine Reise nach Norden macht, er will zum Meer. Unterwegs begegnet er allerlei seltsamen Gestalten, um die er sich beinahe rührend sorgt, als er ihre persönlichen Schicksale erfährt. Dabei erlebt er höchst wundersame Dinge, denen er auf seine eigene Art und Weise auf den Grund zu gehen versucht.

Als Leser merkt man relativ schnell, dass mit diesem anonymen Nachrichtenschreiber etwas nicht stimmen kann – er weiß einfach zu viel über die Leute, denen Wunderlich begegnet. So fragt man sich bald, was Wunderlich real erlebt und was er sich vielleicht nur einbildet oder was möglicherweise in einer parallel zu unserer Welt verlaufenden Realität geschieht. Aber das geht alles so fließend ineinander über, dass es jedem Leser überlassen bleibt, was er da hineininterpretiert und was nicht. Gelegentlich möchte man dem etwas schrullig anmutenden Wunderlich zurufen, er solle dies oder jenes anders hinterfragen, doch letztlich muss er seinen eigenen Weg gehen, und den beschreitet er beharrlich.

Manche kurze Begebenheit hätte Marion Brasch weglassen können, weil sich gelegentlich eine gewisse Wiederholung einschleicht, doch mit 280 Seiten ist der Roman insgesamt nicht zu lang geraten. Gelegentlich fühlte ich mich an Amerika-Plakate von Richard Lorenz erinnert, weil die Geschichte ähnlich zwischen Realität und Einbildung oder zwischen der uns bekannten und einer etwas phantastischeren Welt schwebt, ohne dass sich jede Begebenheit bis ins Detail ergründen lässt. Wunderlich fährt nach Norden ist 2014 bei S. Fischer im Hardcover erschienen und inzwischen auch als Fischer Taschenbuch erhältlich.

3 Antworten zu “Wunderlich fährt nach Norden

  1. Sehr schön auf den Punkt gebracht. Freut mich, dass dir der Gewinn taugte.
    Gruß
    Marc

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  2. Cathrin Rubin

    Das klingt toll! Kommt auf meine ewig lange Liste… ;-)

    Gefällt 1 Person

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